Meine Großeltern

An einem Tag, in meinem Heimaturlaub, besuchten wir auch meine Großeltern im Altenheim. Vorher statteten wir ihrem Haus, das jetzt bald verkauft werden sollte, noch einen Besuch ab. Ich suchte mir ein paar Gläser heraus und ein paar Tassen, fand noch ein schönes Halstuch von meiner Oma und ein paar hübsche Gardinen für mein Schlafzimmer. Außerdem noch eine Brotdose in Herzform. Das braucht jetzt niemand mehr.
Ich hänge eigentlich nicht an Gegenständen, esseidenn sie gehörten mal jemanden und derjenige hat sie mir geschenkt. Das ist anders, als wenn man etwas neugekauftes geschenkt bekommt, zum Beispiel zum Geburtstag. Wenn etwas vorher jemanden gehört, dann ist es ein Teil von demjenigen gewesen. Ein Teil seines Lebens und ein Teil seiner Seele. Dann ist es auch egal, ob es eigentlich nur Ramsch ist oder Deko-Gedöns. Solche Dinge halte ich in Ehren, denke dann gerne an die Person und bin traurig, wenn etwas kaputt geht. Wobei es mir auch ähnlich geht bei Geschenken, die nicht ausdrücklich auf meiner Wunschliste stehen. Wenn sich jemand wirklich Gedanken gemacht hat und es schafft, mich damit zu überraschen, ist das unbezahlbar.

Ich habe noch das letzte Telefonat mit meiner Oma im Ohr, als wir schließlich zum Heim fahren. „…und wir hatten mal so ein schönes Haus!“
Materielles war für sie immer wichtig. Ein Haus besitzen war wichtig. Und es fällt ihr immer noch schwer sich davon zu lösen. Sie ist dort nicht glücklich, in ihrem kleinen Zimmer im Heim. Aber es ging nicht mehr. Jetzt beleidigt sie regelmäßig die Altenpfleger, wird ausfallend und auch mal handgreiflich. Sie war schon immer leicht aufbrausend und autoritär. Sie hat diese Wut in sich. Genau wie meine Mutter. Und manchmal auch ich. Ich weiß nur nicht, ob meine Oma das auch so sieht, ob sie weiß, dass es ein Fehler ist, eine schlechte Eigenschaft. Entschuldigt hat sie sich nie. Sie konnte nie über ihren eigenen Schatten springen, über sich hinauswachsen. Mit ihr befreundet zu sein war für die meisten schwierig.
Oft hörte ich in letzter Zeit die Beschwerden von meiner Mutter und meiner Tante. Sie sei so undankbar, dabei besuchten die Beiden sie jede Woche und riefen zwischendurch an. Sie kann schlecht allein sein, weiß nichts mit sich anzufangen. Fernsehen war nie so ihr Ding, lesen noch weniger. Statt danke zu sagen also nur Vorwürfe. Sie wäre lieber im Haus geblieben, hätte sich dort pflegen lassen. Andere werden auch bis zu ihrem Tod zu Hause gepflegt. Aber meine Mutter und meine Tante haben auch noch einen Job und ein Privatleben. Und meine Oma ist kein einfacher Mensch. Außerdem haben meine Großeltern ihre Eltern ja auch nicht selbst gepflegt.
Mit meinem Opa gab es eigentlich auch immer nur Streit. Sogar soweit meine Tante zurückdenken kann. Es war wohl mehr eine Vernunftehe, eine gute Partie. Mein Opa hat seit langer Zeit schon eine Geliebte. Manchmal, wenn es ihm zu viel wurde, haute er einfach ab für ein paar Tage, ging zu ihr. Wie lange das schon geht und wie oft er da war, das wissen wohl nur meine Großeltern selbst. Gegenüber meiner Tante hatte meine Oma ihrerseits auch mal von einer großen Liebe geschwärmt. Aber damals war sie noch jung, das war lange her.
Was ich niemals verstehen werde: Wie kann man sich selbst im Leben so unglücklich machen?
Mein Opa wollte wohl damals die Familie nicht im Stich lassen. Das kann ich noch nachvollziehen. Aber: Warum sich nicht trennen, wenn die Kinder aus dem Gröbsten raus sind? Irgendwie sind beide wohl noch zu der „sowas macht man nicht/ bis das der Tod uns scheidet“ -Zeit aufgewachsen und waren nicht in der Lage, ihre selbstauferlegten Fesseln zu lösen. Dabei sind ihre 3 Kinder mittlerweile alle geschieden.
Die Geliebte meines Opas wohnt jetzt neuerdings auch mit auf der Anlage, allerdings im Bereich des betreuten Wohnens. Sie besucht meinen Opa jeden Tag, kümmert sich um ihn, hält mit ihm Händchen. Das Pflegepersonal sieht das zwiegespalten. Denn auch sie ist nicht eben einfach, kommandiert gern herum. Außerdem weint mein Opa, wenn sie abends gehen muss. Und auch meine Oma ist nicht eben begeistert von diesem Anblick. Aber das ist wohl ihr Problem. Die beiden liegen nicht mal auf der gleichen Etage; meine Oma hat ein Einzelzimmer und mein Opa ein Doppelzimmer mit einem anderen Mann. Denn mein Opa bekommt fast nichts mehr mit von seiner Umwelt. Vor einem Jahr sah das noch anders aus. Aber er hat abgebaut, körperlich und geistig. Ein normales Gespräch ist fast nicht mehr möglich.
Ich sehe ihn in seinem Rollstuhl sitzen, dünn und hager, sein Gesicht eingefallen und grau. Ich versuche zu Strahlen als ich ihn begrüße, lächle ihn an. „hallo Opa!“
„Mensch, Maria! Lange nicht gesehen!“, begrüßt er mich. Wie früher. Ich bin stolz, dass er mich erkennt. Doch er wirkt schnell lethargisch und verwirrt. Nachts bekommt er Schlafmittel damit er nicht herumturnt und auf Wanderschaft geht. Tagsüber ist er abwesend.
Ich finde, so ein Mensch hat es verdient, dass jemand für ihn da ist und seine Hand hält. Jemand, der ihn liebt. Egal, ob diese Person jetzt kompliziert ist oder nicht oder ob sie seine Geliebte ist oder nicht. Ich würde mir jedenfalls auf meinem letzten Weg wünschen, dass jemand für mich da ist, der meine Hand hält.
Wir sitzen im Zimmer meiner Oma und mümmeln Kekse. Der Kleine am meisten. Wir reden über belangloses. Small Talk. Eigentlich weiß ich nichts über meine Oma. Sie hat Diabetes, hat immer zu viel Süßes gegessen. Das hat sich irgendwann gerächt. Jetzt isst sie manchmal zu wenig. Das ist auch nicht besser.
Über die Jahre, die ich nicht mehr in meiner Heimat wohne, hat meine oma angefangen immer zu weinen, wenn ich mich wieder von ihr verabschiedet habe. Ich wusste nie warum, hatte aber so ein Gefühl. Vielleicht täuscht es auch, aber ich hatte das Gefühl, dass ich sie an etwas erinnert habe. Dass ich sie an sie selbst erinnert habe. All die Chancen und Hoffnungen. Ich bin glücklich geworden, war es auch damals. Nur anders als heute. Sie hat es gesehen und gleichzeitig auch ihre verpassten Chancen. Ich hatte immer das Gefühl, sie hätte gern mein Leben gelebt. Und jetzt musste sie erkennen, dass es für sie zu spät war. Sie hatte es versiebt.
Vielleicht hatte sie auch Angst, mich nicht wiederzusehen. Und damit verbunden auch eine Angst vor dem Altwerden und vor dem Tod. Dieser Gedanke kam mir auch des Öfteren. Vielleicht war es auch eine Mischung aus beidem. Sie kann schlecht loslassen. Nicht nur Materielles, sondern auch die Zeit, das Leben.
Ich weiß nicht, meine Tante beschreibt meine Oma gern als „den Teufel in Person“. Das kann sie auch gewiss sein, ohne Zweifel. Ich bin hier auch weit weg und krieg von dem ganzen Theater wenig mit. Auch als Kind war ich ungern bei ihr, habe mich davor manchmal mit Händen und Füßen gewehrt. Bei ihr konnte man nicht frei sein. Alles folgte ihren Gesetzen und Regeln. Alles war vorgegeben. Streng und rigide. Und doch… Über die letzten Jahre spüre ich ihre Verletzbarkeit immer mehr. Sie ist ein trauriger Mensch, eigentlich eine dramatische Person. Wenn auch selbst verschuldet. Sie ist aber auch emotional und leidenschaftlich. Vielleicht wurde sie damals auch schlecht erzogen, hatte die falschen Vorbilder.
Beim Abschied umarme ich sie mit aller Herzlichkeit. Ich bin nicht gut im Smalltalk, weiß nie so recht worüber ich mit ihr reden soll. Genau wie bei meiner Mutter.
Meine Oma ist schon wieder schwach und unterzuckert. „Es tut mir leid“, flüstert sie mir ins Ohr. „Was tut dir leid?“
„Dass ich schon wieder so schwach bin und unterzuckert…“
Ich sage ihr, dass sie sich dafür doch nicht entschuldigen muss.
Ein paar Tage später erzähle ich meiner Tante von meiner Vermutung. Dass ich das Gefühl hatte, dieses „es tut mir leid“, sei viel mehr gewesen, als nur auf ihre Schwäche bezogen. Ich denke, es tat ihr leid, dass sie es so versaut hat. Ihr leben. Und auch das der Anderen. Dass sie so eine schwierige Person war und ist.
Wir hatten eine Verbindung, in diesem Augenblick, ich und meine Oma. Und am liebsten hätte sie mich gar nicht mehr gehen lassen. „Könnt ihr nicht nochmal vorbei kommen?“, fragte sie mich. Ich zögerte. Ich wäre wirklich gerne nochmal gekommen und ein Stück weit zerbrach es mir das Herz, aber ich hatte noch so viel auf der Agenda und mein Kleiner hat sich an diesem Tag schon so sehr gelangweilt, dass es sehr anstrengend für mich gewesen war. Mir ging es damals genauso, als meine Urgroßtante im Heim war. Es war langweilig und doof. Was will man mit alten Menschen, wenn man selbst so jung ist?
Ich umarme meine Oma ein letztes Mal. Ich sage ihr, dass alles gut wird. Ein Kurzform von dem, was ich ihr hätte sagen wollen. Zum Beispiel, dass sie keine Angst vor dem Tod haben muss. Dass ich glaube, dass es nicht das Ende ist. Das Glaube auch Hoffnung ist. Dass es nie zu spät ist, sich zu entschuldigen. Bei Allen. Dass es ihr gut täte, wenn sie loslassen würde. Aber wir reden nicht über sowas, haben wir nie getan. Also nur ein „alles wird gut“. Auch mein Kleiner scheint zu fühlen, dass der Moment des Abschieds irgendwie wichtig ist. Lange steht er noch am Treppenabsatz und winkt ihr lächelnd zu. Dann sind wir weg.

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Der Student

Den Studenten lernte ich über eine Erotikplattform kennen. Seine Freundin verbrachte ein Semester im Ausland und hatte ihm sozusagen einen Freifahrtschein hinterlassen. Und so fuhr ich zu ihm in den nahen Osten (;-) ), um ihn ein wenig zu beglücken…
Er war ein paar Jahre jünger als ich, aber der ähnliche Musikgeschmack verband uns schnell. Er hatte mir ein paar gebratene Nudeln vom Chinesen mitgebracht und unserer Gespräche wurden schnell locker. Auch war er generell ein lockerer Typ ohne Allüren, der dennoch wusste, was ihm gefiel. Ich mochte ihn sehr und fand ihn obendrein auch attraktiv. Und so freute ich mich, als er mich ein weiteres Mal zu sich einlud – dieses Mal zur Übernachtung in einem Motel.
Beim zweiten Treff begannen gerade meine Unpässlichkeiten… Ich hatte Schwierigkeiten die Nähe zu genießen und als sich nach meinem Orangensaft mein komplettes Frühstück nach oben bewegte, war ich froh, dass er schon weg war.

Unser drittes Treffen verbrachten wir bei mir. Ich holte ihn vom Bahnhof ab, danach half er mir mit dem Streichen meiner Wohnung. Ich hätte ihn niemals gefragt, wäre er nicht von selbst auf die Idee gekommen, mir helfen zu wollen. Doch damit nicht genug – er verdingte sich auch als Koch, bereitete ein tolles Essen für uns zu und mixte uns leckere Caipis. Als sein Kopf später auf meinen Schoß lag und wir uns auf dem Sofa Fußball ansahen, dachte ich daran, was ich schon länger geahnt hatte: Irgendwann wird ein Kerl dich noch dazu bringen, Fußball zu gucken (und ich hasse Fußball!)
Als ich ihn am nächsten Tag zum Bahnhof brachte, wusste ich, dass ich es zerstören würde. Unser Wochenende. Aber, auch wenn es mir leid tat, ich hätte gegen meine Prinzipien verstoßen, hätte ich ihn nicht nach dem Geld gefragt. Er gab es mir und stieg aus.

Mein schlechtes Gewissen ließ nicht lange auf sich warten und so lud ich ihn dieses Mal zu mir ein. Wobei er es sich wieder nicht nehmen ließ mich zu bekochen und mich mit Caipis zu versorgen. Ich erinnere mich gerne, wie beschwingt ich mich bei unserem gemeinsamen Einkauf gefühlt hatte. Ich fühlte mich wie ein Kleinkind, musste dauernd grinsen, war getrieben von Blödsinn und hatte eigentlich nur ein Ziel: Ihn zum Lachen zu bringen. Es war schön seine Augen leuchten zu sehen.
In der Nacht säuselte ich sogar leicht beschwippst etwas von seinen strahlenden Augen, bevor der Schlaf mich übermannte.

Heute war ich wieder bei ihm. Kaum waren wir am Essen, da bekam er einen Anruf. Seine Mutter war gerade ins Krankenhaus eingeliefert worden. Es ging ihr nicht gut.
Er entschuldigte sich tausend Mal, dass ich den ganzen Weg umsonst zu ihm gefahren war.
Aber was ist das schon, im Vergleich zur Gesundheit der eigenen Mutter.
Ich hoffe und wünsche, das alles gut wird.

Heimatbesuch

Lange hatte ich hin und her überlegt. Ich wollte gerne zu meiner Family in den Norden, dem kleinen Mann die Nordsee zeigen. Und meine Familie ihrerseits wollte meine Großeltern, die mittlerweile beide im Heim sind, nicht für längere Zeit verlassen. Auf der anderen Seite wollte ich eigentlich mit meinem alten Corsa nicht mehr so lange Strecken fahren. Aber mit der Bahn wäre ich da oben aufgeschmissen, könnte niemanden besuchen und hätte nicht mal einen Kindersitz vor Ort, um mit dem Kleinen woanders mitzufahren. Ich hatte also keine andere Wahl – wenn Nordsee, dann mit der alten Möhre (und da ich nicht kreditwürdig bin, wird sich das in absehbarer Zeit wohl auch nicht ändern lassen).
Auf dem Hinweg machte ich auf halber Strecke (die sich aufgrund des Verkehrsaufkommens als 2/3 der Fahrzeit entpuppte), hielt ich bei meinen Schwiegereltern. Gerade rechtzeitig, der Kleine war schon nörgelig. Dort wollte er jedoch nichts essen und wurde zu meiner präferierten Abfahrzeit noch nörgeliger. Wollte lieber mit Autos spielen, hatte sich gerade eingerichtet und eigentlich wollte er ja auch gar nicht zu der anderen Oma. Drei Wutanfälle später saß er dann doch angeschnallt in seinem Kindersitz und ich bemerkte, dass ich auf der Rückfahrt NICHT nochmal vorbeikommen würde.
Den Rest der Fahrt verschlief der kleine Mann dann zum Glück.

Meine Mutter war zwischenzeitlich umgezogen und bewohnte nun eine schöne helle und großzügig geschnittene 4 Zimmer Wohnung mit zwei Balkons. Leider verfolgte sie nach wie vor eine rigide Strom- bzw Lichtsparpolitik, weshalb auch zu fortgeschrittener Stunde bei schlechten Lichtverhältnissen nur ausnahmsweise eine Lampe angemacht wurde. Außerdem waren den ganzen Tag lang Balkon und Fenster geöffnet. Da ich mich von 30 auf norddeutsche 20 Grad runterakklimatisieren musste und es auch ordentlich zog, ärgerte ich mich zuerst, nicht genug lange Sachen eingepackt zu haben. Im Laufe der Woche führte die Politik der offenen Fenster und Türen jedoch dazu, dass die schwüle Luft Einzug in die Räumlichkeiten der Wohnung fand. Dafür führte dann die Klimaanlage in ihrem Auto dazu, dass mir sämtliche Gliedmaßen abfroren und ich mich ärgerte, ein Kleid anstelle eines Schneeanzuges herausgesucht zu haben.
Ein weiteres Ärgernis stellte die Bereitsstellung von Butter sowie Nutella im Kühlschrank für mich dar. Dies war nicht nur unnötig, da in der Wohnung nun wirklich keine erwähnenswert hohen Temperaturen vorherrschten, sondern geradezu absurd.
Was nützte mir am Frühstückstisch ein Glas harte Nutella, die absolut gar nicht streichfähig ist? Streichfähig wurde sie erst nach mindestens einer Stunde Aufenthalt bei Raumtemperatur. Was also machen? Sich den Wecker stellen, um die Nutella frühzeitig rauszuholen?
Ich persönlich habe meine Nutella immer im Regal stehen und auch bei subtropischen Temperaturen steht sie da gut und ist immer streichfähig. Ebenso meine Butter. Da rentiert sich der Kauf einer guten Butterglocke, bestensfalls aus Keramik. Natürlich sollte man auch diese nicht direkt der Sonneneinstrahlung aussetzen, sondern bestenfalls in einen dunklen Schrank stellen. Wird dies jedoch beherzigt, dann steht dem morgendlichen sanften Streichvergnügen nichts im Wege. Dafür bürge ich mit 12 Jahren Buttererfahrung, übernommen von meiner Schwiegermutter. Dabei brauche auch ich mindestens zwei Wochen, bis eine Butter aufgebraucht ist. Noch ein Tipp für die Langsambutterer unter uns: Einfach nur die Hälfte der Butter in die Butterglocke packen. Der Rest verbleibt im Kühlschrank und ein Ranzigwerden der Butter wird nahezu unmöglich.

Mein Kleiner hat sich dann doch noch sehr über den nordischen Aufenthalt gefreut. Leider war es ihm allerdings nicht möglich, alleine auf dem Gästebett zu schlafen. Auch nicht, als ich ihm anbot bei ihm zu bleiben, bis er eingeschlafen war. Zu aufgedreht, zu spannend, zu neu alles. Außerdem Gespenster unterm bett. Und überall sonst eigentlich auch.
Folglich schlief er meistens erst um 23 Uhr mit mir zusammen ein. War aber trotzdem meist um halb 8 wieder wach (ein Mal schaffte er 9 Uhr, juhu). Dafür schlief der kleine Schlafverweigerer mit großer Begeisterung bei jeder Fahrt im Auto ein.
Auf dem Wochenplan stand auch ein Tag in einem Freizeitpark mit Zooanteil.
Wir versuchten es am Anfang mit den Tieren. Jedoch zeigte er für diese nur wenig Begeisterung, interessierte sich eher für Spielplätze und das nächste Eis. Dann kamen wir zu den Fahrgeschäften. Dort gab es einige für so kleine Hüpfer für ihn, die zusammen mit Erwachsenen betreten werden konnten. Wir fuhren im Kreis, wir fuhren auf und ab, wir benutzen die Wellenrutsche. Er hüpfte auf riesigen Hüpfburgen oder mit Wasser gefüllten Hüpfelementen. Wir fuhren Riesenrad und Eisenbahn und in einige Fahrgeschäfte konnte er schon alleine gehen. Highlight war eine kleine Seifenkistenstrecke, die er alleine fahren konnte. Ich sah das Strahlen in seinen Augen und dachte nur: „Das ist mein Sohn!“

Festivalsommer 2015: Part two

Am Festivalsamstag wollte ich eigentlich abends nicht wieder heim fahren. Es ist einfach anstrengend nach so einem Festivaltag noch nachts nach Hause zu fahren, auch wenn es sich bei mir nur um knapp 30km handelte. Und ich wollte gerne mal mehr trinken, als nur meine zwei Bier. Also beschloss ich den Kronleuchtertypen vom letzten Jahr anzuschreiben, ob der nicht noch ein Plätzchen im Zelt für mich hätte. Und er hatte!
Aus irgendwelchen Gründen hatte ich im Vorjahr ein Ticket inklusive Camping besorgt, weshalb ich auch problemlos das Campinggelände betreten konnte. Ich sah ihn sitzen, mit ein paar Freunden und ich spürte ein Kribbeln… Wir verstanden uns gut, auch ich mit seinen Freunden. Eine eingeschworene Gemeinschaft, die sich jedes Jahr aufs Neue hier traf. Sie waren schon alle ein bisschen lethargisch und müde vom vielen Feiern. Wobei sich das Feiern eher auf das Campiggelände bezog. Die Bands waren im Großen und Ganzen nicht ganz so nach ihrem Geschmack.
Ich verzog mich mit meinem Kerl in sein Zelt, wir schmusten und lachten und es war sehr schön mit ihm. Wir redeten über das vergangene Jahr in dem ich ihm quasi eine Abfuhr erteilt hatte, da ich keine Beziehung wollte. Er sagte, er hätte jetzt zum Glück nicht mehr diese Gefühle für mich, die er letztes Jahr noch hatte.
Ich fand das voll okay. Ich mochte ihn, aber wir waren auch zu verschieden, dass war mir letztes Jahr schon bewusst gewesen. Wir tranken etwas und wollten dann zu Olli Schulz. Leider kamen wir zu spät aufgrund mangelnder Motivation. Ich ärgerte mich etwas, denn ich mag Olli Schulz sehr. Ich trieb ihn an und merkte, dass ihn das auch nervte. Wir versuchten darüber zu lachen. „Jaja, schon steht er unterm Pantoffel…!“, meinten seine Freunde noch.
Sie kamen dann allerdings nicht mit, man wollte sich später wieder treffen.
Am Getränkestand bei der Bühne tat sich gar nix, die Kellner überfordert, mein Kerl wieder genervt. Ich wollte eigentlich nur die Musik hören. Er versuchte mit seinen Freunden zu telefonieren, damit die ihm den zusammengemixten Tetrapack bringen (Rum und Früchtetee und das ganze noch warm, total abartig), doch es war natürlich kaum was zu verstehen und der Empfang war grottig.
Nach Olli Schulz gingen wir zu einer anderen Bühne um Kraftklub zu sehen. Dort trafen wir auch seine Freunde wieder. Mein Typ nölte rum, er mochte Kraftklub nicht besonders. Teeniemusik.
Mir egal, ich find die nicht schlecht. Er umschlang mich von hinten, wollte kuscheln. Ich wollte eigentlich tanzen. Ich wollte eigentlich gar nicht dort stehen, mit ihm und seinen Freunden reden und mich umarmen lassen und rumknutschen. Ich wollte die Musik hören und tanzen. Und ich wollte eigentlich auch nicht in einem Zelt schlafen. Draußen, wo alles hellhörig war und ich vermutlich kein Auge zumachen können würde. Wo ich nachts im Dunkeln mit Schlafsachen 300 Meter bis zum nächsten Dixiklo ohne Waschbecken laufen müsste. Durch das verdreckte und zugemüllte Camp und durch die Alkoholleichen oder diejenigen, die es noch werden wollten. Ich wollte eigentlich nur noch weg.
Ich dachte an die Braut, die sich nicht traut und daran, wie ich meinem Typen begreiflich machen könnte, dass ich weg will. Ich überlegte aufs Klo zu gehen und einfach nicht wieder zu kommen. Aber nein, das wäre echt zu asozial gewesen.
Also wartete ich das Ende des Konzertes ab. Es gab noch ein schönes Feuerwerk, dass wir uns ansahen, dann machten wir uns auf dem Weg zu meinem Auto, in dem noch mein Rucksack lag. Auf dem Weg dahin tippte mir noch ein Besoffener auf die Schulter. „Ich hab dich voll verarscht!“, lachte er. Ich drehte mich nicht mal um. Ich war müde. Und es waren zu viele Leute hier.
Dann wurde es ruhiger und ich sprach mit meinem Kerl. Erzählte ihm, wie müde ich schon war und dass ich im Camp sicher nicht würde schlafen können. Er verstand das scheinbar. Irgendwie. Am Auto fragte ich ihn nochmal, ob das okay für ihn sei. Er bejahte. Eine letzte Umarmung, dann fuhr ich los.
Zu Hause schrieb ich ihm noch kurz, bedankte mich für den Abend. Doch er schien nicht sonderlich erfreut jetzt im leeren Bett zu liegen, hatte ich doch seine Abendplanung durchkreuzt. Aber das Thema sei jetzt durch und ich wusste, dass er mich damit meinte.

Letzter Festivaltag

Ich brauche etwas Anlauf, um mich selbst wieder dazu zu motivieren unter Menschen zu gehen. Zu schön ist die Stille und das Faulsein in den eigenen vier Wänden. Doch ich beschließe, es heute ruhig angehen zu lassen und mich der Kleinkunst zu widmen. Ich besuche Abdelkarim im Kleinkunstzelt und lache über abstruse Formen der Ausländerintegration in Deutschland. Dann schlendere ich durch die Innenstadt, die tatsächlich sehr schön ist und suche mir das abgelegenste Café mit dem wenigsten Kunden. Verweile dort, rede mit niemanden. Stille. Ich tanke die Ruhe auf und gehe zurück zum Zelt. Diesmal Comedy für ältere Semester. Nicht ganz mein Geschmack. Ich haue frühzeitig ab um mir die Abschlussshow anzusehen. Schön, war ein gutes Jahr für die Veranstalter. Es hat diesmal nur ein Dixiklo gebrannt.
Dann zieht es mich wieder zur Bühne. Farin Urlaub. Gar nicht mal so schlecht, hätte ich mir längst schon mal antun sollen. Er singt sogar über mich.
Ich wollte mich eigentlich nochmal mit dem Fotografen treffen, doch wir finden uns nicht. Dafür treffe ich am Getränkestand einen Freund von meinem Kronleuchtertypen. Wir unterhalten uns, er ist sehr sympathisch. Er fragt, ob ich nicht nochmal rüberkommen will. Ich winke ab. „Du hast Schiss!“, meint er. Ich zucke mit den Schultern. Denke: die Sache ist abgehakt. Und außerdem würde ich meinen Fotografen gern nochmal sehen.
Wir gehen unserer Wege. Ich schreibe meinem Fotografen eine letzte Nachricht, schreibe wo ich stehe, und dass ich nur noch kurz austrinke und dann gehen werde. Und dass es schön war, ihn wieder getroffen zu haben. Gerade, als ich aufgetrunken habe, läuft er auf mich zu. Wir umarmen uns, küssen uns. Maximal 50 Meter entfernt entdecke ich die Gruppe um meinen Kronleuchterhelden und bemerke, dass auch ich nicht unentdeckt geblieben bin. „Wenn ich vorher noch nicht unten durch war, dann sicher jetzt“, denke ich still bei mir.
„Who cares“, sage ich mir dann und küsse weiter.
Danach der Abschied. Auf die letzte Band habe ich keine Lust mehr. Zu müde und auch nicht unbedingt so meins. Also ab nach Hause.
Er schreibt mir noch, dass es komisch war, mich so gehen zu lassen. Und dass er keine Abschiede mag. Ich mag nur keine Abschiede, wenn ich glaube, den Anderen nicht wieder zu sehen.
„Ich mag dich wieder sehen.“
„Ich dich auch.“

Festivalsommer 2015: Part one

Zwei Tage nach meinem Geburtstag ging es dann los: mein persönlicher Festivalsommer 2015. Am ersten Tag zum Warm-up nur zum Kinderprogramm. Bei 35 Grad (Außentemperatur, innen gefühlte 90 Grad Sauna) im Kleinkunstzelt zum Kinderzirkus. Aber Halt, erstmal zur Bändchenstation, wir brauchen ja unser Festivalbändchen. Die gab es allerdings nicht in der Nähe vom Kleinkunstzelt, sondern eine halbe Stunde Fußmarsch entfernt beim Campingplatz. Ich also den Buggy in der Hitze durch die Menschenmassen geschoben (und ich hasse Menschenmassen!), dort mein Bändchen abgeholt und wieder zurück getuckert. Mein Zeitplan kam mittlerweile stark ins Trudeln, denn eine Stunde extra hatte ich für das blöde Bändchen jetzt nicht eingeplant. Außerdem war ich vom Buggyschieben bei der Hitze ziemlich aus der Puste. Und dass weder ich noch das Personal exakt wussten, wo denn das Kleinkunstzelt steht, machte es nicht eben leichter. Glücklicherweise war auch mein Fotograf dort anwesend. Er lotste mich per Telefon durch die Stadt und glich die fehlende Beschilderung wieder aus. Und so kamen wir gerade noch pünktlich zum Kinderzirkus.
Das Programm war nett gemacht, aber ich hing fast so sehr in den Seilen wie mein kleiner Mann, der sich in der Hitze des Zeltes über die Sitze legte und sich von mir anpusten ließ.
Im Anschluss gab uns mein Fotograf noch ein Eis aus, bevor wir heimkehrten.
„Es war schön, dich wieder zu sehen“, schrieb er mir noch.

Neuer Tag, neues Glück.
Nachmittags fuhr ich zum Fest, hörte Against Me! bei 39 Grad auf einem schmalen Schattenplatz und versuchte mit dem Fotografen ein Treffen klarzumachen. Was nicht so einfach war, da das Netz immer wieder zusammenbrach und die Nachrichten teilweise eine Stunde brauchten um durchzukommen. Wir schafften es dann doch, zogen uns zurück auf eine Wiese. Wir sprachen über Wiedergeburt und Hypnose, Spiritualität und Esoterik, über Verschwörungstheorien und mystische Orte. Ich genoss die Nähe und die Küsse. Dann zog er wieder los, um Fotos zu machen. Er hatte ein schlechtes Gewissen mich alleine zu lassen, aber es war okay. Auf Festivals oder Partys brauche ich an sich gar nicht dieses Geschmuse und Geküsse. Ich fühle mich dann nicht mehr frei, sondern gefangen, wie in einem Käfig. Aber dazu später mehr.

Am Getränkestand waren die Leute jetzt schon überfordert von der Masse der Gäste. Drankommen war Glückssache und als Frau oft frustrierend. Neben mir stand schon der 3. Kerl, der sein Bier bekommt und ich war immer noch nicht dran. Das lag auch am Tunnelblick der Männer. Bier war in diesem Moment das einzige, was sie im Leben je erreichen wollten. Bier, Bier, Bier… Notfalls auch über Leichen. Scheiß Ellenbogen-Mentalität. Dafür wurde ich am Bierstand umarmt. Ein Kerl wollte seinen Kumpel umarmen – und ich stand irgendwie im Weg. Also wurde ich gleich mitumarmt. Danach redeten wir über das Vorgefallene, klärten die Situation. Redeten über unsere Gefühle. Niemand schämte sich, niemanden war es peinlich. Ich schätzte, die Sache ging dann wohl so in Ordnung. Immerhin sorgte der eine dafür, dass ich mein Wasser als nächstes bekam. Das hatte er abgeklärt mit sämtlichen anderen Beteiligten am Bierstand. Guter Junge! Dann zeigte er noch auf eine der Theken…bedienungen. „Die ist total breit, die hat den ganzen Abend gebechert und jetzt hat die Schicht“, lachte er. Erst jetzt fiel mir auf, dass die eine wie Falschgeld im Weg herumstand und gar nix auf die Reihe bekam. Schöne Scheiße, dachte ich.

August

Wieder diese eine Tag im Jahr und ich bin unschlüssig. Meine Family ist zu weit weg, der Geburtstag mitten in der Woche und eigentlich auch kein besonderer Geburtstag (wer feiert schon seinen 29.?).
Also pack ich meine Sauna- und Badesachen zusammen, fahre das nölige Kind zum Papa („Will auch schwimmen gehen!“) und versinke im weichen Wasser der Therme.
Ich beglückwünsche mich zu meinem Entschluss, fällt es mir doch sonst oft schwer, mich alleine zu einer Unternehmung zu motivieren. Es macht mir nichts aus, dass ich an meinem Geburtstag alleine bin. Rede ich mir ein. Glaube es fast. Glaube es dann wirklich. Es ist nur komisch. Seltsam, anders. Ich mach das eigentlich nicht so, das ist außerhalb meiner Routine. Die Leute gucken auch gar nicht, weil ich alleine da bin. Vielleicht kurz mal, aber nicht komisch. Es ist okay. Es ist okay allein zu sein. Ich bin jetzt schon groß und so, ich kann das auch alleine.
Andere sind auch alleine dort.
Ich schwimme, lasse mich und meine Gedanken treiben. Kann abschalten, mich entspannen. Gönne mir zwischendurch einen Wellnesssalat mit drei S. Lese in Zeitschriften über unsere Stimmen im Kopf und dass es normal ist, wenn man ein widersprüchlicher Mensch ist. Das muss man nicht mehr auflösen, das darf heutzutage so sein. Prima.
6 Stunden bin ich dort und wäre gern für immer da geblieben. Ich erinnerte mich jedoch an meine zwei Kuchen, die ich am Vortag mir zu ehren gebacken hatte und die ich nun verschlingen wollte. Allein.

Am Ende des Tages (nachdem ich noch meine entgangenen Geburtstagsanrufe abgearbeitet hatte), fiel mir noch ein, dass ich noch schnell ein paar Gefallen einfordern sollte (wer kann einem Geburtstagskind schon einen Gefallen abschlagen?). Und so lud ich mir für den nächsten Tag den Masseur ein, damit er mich mit einer extrasupertollen Massage beglücken könnte.

Den Masseur lernte ich vor einem Jahr kennen, als ich erstmals einen Swingerclub betrat. Er arbeitete dort als Masseur und ja, kaum zu glauben, er massierte mich auch. Wir tauschten Nummern aus, aber irgendwie kam es zu keinem zweiten Treffen. Nur ein Mal sahen wir uns noch, als ich das zweite Mal in einem Swingerclub war. Doch wir verpassten uns: er kam und ich ging gerade und so blieb es nur bei einem Kuss.
Nun trafen wir uns wieder, nach einem knappen Jahr.
Er erzählte mir, er wäre eigentlich Ingenieur, hätte Maschinenbau gelernt. Aber das hatte ihn nicht ausgefüllt, er war mit dieser Arbeit unzufrieden. Er schmiss hin und wurde Masseur.
Sowas beeindruckt mich immer wieder. Wenn jemand seinen sicheren und gutbezahlten Job schmeißt, um seinem Herzen zu folgen.
Wir hatten einen recht intensiven und leidenschaftlichen Abend. Zum Schluss lachten wir nur noch wie kleine Schulmädchen. Endorphin-Overkill. „Ich fühle mich so leicht, ich glaube ich fliege gleich“, sagte er. Mir ging es nicht anders.
„Wann sehen wir uns wieder? Nächste Woche?“, fragte er.
Autsch, immer diese Fragen. Und ich weiß nicht, wie ich sozialgerecht darauf antworten soll. ‚War schön mit dir, aber das reicht dann erstmal?‘ Klar möcht ich ihn wiedersehen. Irgendwann. Wenns passt. „Nächste Woche kann ich nicht, da bin ich im Urlaub“, sagte ich. Und das war nicht mal gelogen. „Mhm“, erwiderte er.

Im Juli

Ich hatte das Gefühl, dass Sex mich nicht mehr satt macht, mich nicht mehr befriedigt. Da spielte es auch keine Rolle, wenn ich mich mit demjenigen gut verstand, ihn sympathisch fand und wir Freunde waren. Zu sehr empfand ich Sex als etwas, das von mir erwartet wurde. Und durch mein Erlebnis vom Juni wurde dieses Gefühl noch bestärkt. Ich fühlte mich allein. Es war keiner da, da ich keinen Geschlechtsverkehr liefern konnte. Ich hatte das Gefühl, einen neuen Weg beschreiten zu müssen. Und dann traf ich Ihn…

Wir schrieben schon seit einem Jahr miteinander. Auch, wenn der Kontakt immer wieder pausierte, so schrieb er mir doch auch immer wieder, dass er mich nicht vergessen hatte. Dann trafen wir uns vor ein paar Monaten das erste Mal, jedoch nicht allein. Er war der Fotograf, der die Fotos gemacht hatte, die ich an einer anderen Stelle mal erwähnt hatte.
Doch jetzt im Juli war er mehr oder weniger zufällig in meiner Nähe und wollte mir einen Besuch abstatten.
Ich war eigentlich nicht so gut drauf, schminkte mich auch nicht wie sonst üblich und wollte ihn nur kurz auf ein Getränk zu mir einladen. Die Hitze machte mir ziemlich zu schaffen und ich war noch nicht wieder ganz fit.
Dann war er endlich da und ich wollte mich mit ihm in die Küche setzen, doch er schlug das Sofa vor. Dort saßen wir und er erzählte von seiner kleinen Reise und den Dingen, die er gerade so erlebt hatte. Er erzählte furchtbar viel, fast zu viel, aber es war schön, es war mitreißend und spannend, wie er die Dinge beschrieb. Ich weidete mich an seiner eigenen Faszination und Leidenschaft für die Dinge, die um ihn herum passierten. Natürlich erzählte ich auch von meinem Ärger mit meinem Magen-Darm-Problem und er schien sehr besorgt.
Ich sah ihm immer wieder in seine lebhaften Augen, spürte das Knistern, fühlte mich elektrisiert und irgendwie schwach. Er war so groß und so stark und ich wollte mich gerne von seinen Armen auffangen lassen. Er zeigte mir Fotos von einem Volksfest, die er gerade geschossen hatte. Ich rutschte näher an ihn heran. Bald lag ich in seinen Armen. Und für einen Moment war alles still und ich dachte nur: „Halt mich!“
Und dann wurde es lauter und leidenschaftlicher, ich fühlte mich überwältigt und ließ mich treiben, ließ mich führen. Es fühlte sich gut an, ich fühlte mich komplett, vollständig. Ich ließ meine Gefühle über mich hinweg schwappen, dachte „Lass mich nicht los!“ und „Halt mich fest!“ und Tränen rannen mir über das Gesicht. Doch es waren keine Tränen der Trauer, sondern eher Tränen der Erlösung.
Zwischendurch Gespräche über offene Beziehungen und Polyamorie, über Eifersucht, über das Leben und den Tod. Ich habe noch lange über unsere Gespräche nachgedacht.
Schließlich war es Mitten in der Nacht und auch wenn er vielleicht noch gern geblieben wäre, war es dann an der Zeit Abschied zu nehmen.
Er ging und ließ etwas in mir. Ein Kribbeln. Eine Vorfreude auf das nächste Treffen, egal wann es sein wird. Und eine Freude auf das Leben.

„Deine Nähe tat mir gut“, schrieb er mir am nächsten Tag 🙂