Alltagswahnsinn

Falls sich jemand fragt was ich den ganzen Tag lang so mache und warum ich so wenig Zeit zum Schreiben finde: Hier ein üblicher Tag zwischen Banalität und Wahnsinn, exemplarisch festgehalten für Freitag, den 11. November.

7 Uhr.
Hopphopp, schnell aufstehen, waschen, Zähne putzen und mit Chlorhexamed gurgeln*, umziehen, das vorbereitete Frühstück in die Kindergartentasche packen und den schlaftrunkenen Mini-Zombie umziehen, waschen, Zähne putzen, Jacke, Schuhe, Taschen und ab zum Kindergarten.

(*Warum mit Chlorhexamed Gurgeln?
Möglicherweise induziert durch den Laternenlauf am vorherigen Abend hatten sich Halsschmerzen bei mir eingestellt. Chlorhexamed hat sich diesbezüglich mehrfach als hervorragendes Abwehrmittel entpuppt um einer Angina vorzubeugen.)

Vom Kindergarten heute mal nicht direkt zur Arbeit sondern zur Werkstatt.
Warum zur Werkstatt?
Begeben wir uns auf eine Reise in die Vergangenheit.
Im Herbst 2015 versagen plötzlich die Scheibenwischer.
Ich gehe meine Liste männlicher Kontaktpersonen durch und schicke ein großes Fragezeichen durch die Gegend. Schließlich meldet sich jemand, der sich mit sowas auskennt. Während ich erkältet auf dem Sofa liege, behebt er das Problem. Prima.

August 2016. Erneut versagen die Scheibenwischer.
Leider habe ich meinen Kontaktmann verloren. Also konsultiere ich erneut den Rat der Gentlemen. Und werde fündig. Er erklärt mir, dass die Scheibenwischersicherung durchgebrannt sei und zeigt mir, wie man eine neue einsetzt. Ich bin stolz darauf etwas gelernt zu haben, was mit einem Auto im Zusammenhang steht.

8. November. Dienstag.
Als ich nach meiner 10-Stunden-Schicht nach Hause fahre, stelle ich auf der Autobahn fest, dass der Scheibenwischer nicht mehr funzt.
Es regnet. Scheiße.
Ich beschließe am nächsten Tag eine neue Sicherung zu besorgen.

9. November. Mittwoch
Ich fahre mit dem Auto die 4km zum Bahnhof, nehme bei dem Wetter lieber den Zug. In der Mittagsstunde besorge ich eine Sicherung, die ich nach der Arbeit einsetze (im Dunkeln mit Handybeleuchtung). Ich fühle mich zunächst erleichtert.

10. November. Donnerstag.
Ich fahre morgens mit dem Auto zum Bahnhof – und der Scheibenwischer streikt erneut.
Es regnet wie blöd und alles ist scheiße.
Beim Opel wird mir angeboten, dass ich nachmittags vorbeikommen kann.
Dort führe ich den Wagen vor und der Werkstatt-Mensch wechselt nochmals die Sicherung (an diesem Punkt darf ich glänzen und ihm zeigen, welche der Sicherungen man dafür wechseln muss).
Ich werde Zeuge, wie die Sicherung sich beim Anlassen mit einem kleinen Minifeuerwerk feierlich verabschiedet.
Wir verabreden einen Werkstatt-Termin für den nächsten Tag.
(Es folgt: Lustiges Laternenlaufen bei 2°C im Regen).

Das herausfordernde beim Fahren ohne Scheibenwischer ist ja die Situation bei Regen in Kombination mit Dunkelheit. Das Licht entgegenkommender Autos wird so immer und immer wieder in den Regentropfen der Frontscheibe gebrochen, sodass man genau gar nichts sieht und raten muss, ob die Straße nun kerzengerade oder etwas kurvig verläuft.
Ganz schön spannend.

Zurück zum Freitag.
Ich gebe also mein Auto ab.
Ursprünglich wollte ich bis mittags im Haus meines Ex verweilen, aufgrund des guten Wetters (es regnet nicht!) entscheide ich mich aber doch für die 30min Fußmarsch zu meiner Wohnung.
Während des Frühstücks sinniere ich über den Traum der vorangegangenen Nacht.
Die Werkstatt hatte mich angerufen und mir mitgeteilt, dass nun das Auto gar nicht mehr anspringen würde und ein Totalschaden wäre. Natürlich seien sie selber absolut unschuldig, das wäre auch bei mir als nächstes passiert.
Kurze Zeit später gibt es tatsächlich Neuigkeiten von meinem Auto: Ein neues Gestänge und ein neuer Motor für den Scheibenwischer werden fällig. Kostenpunkt 450 Euro. Na wonderbra.
Als nächstes kümmere mich um meine to-do-Liste, schreibe zwei Rezensionen für einen Flyer mit Buchempfehlungen und rufe bei der Rentenversicherung an.

Warum rufe ich bei der Rentenversicherung an?

Reisen wir in die Vergangenheit.

Mai 2016.
Mein Ex und ich sind beim Anwalt, weil wir die Sache mit der Scheidung mal in die Hand nehmen wollen.
Daraufhin muss ich für den Versorgungsausgleich ganz viele unlustige Zeiten nachwiesen, Zettel ausfüllen und Kopien machen.

September 2016.
Ich werde aufgefordert von der Pflegekasse einen Wisch ausfüllen zu lassen, weil ich stundenweise meinen Sohn pflege. Ich reiche den Zettel weiter.

Oktober 2016.
Ich bekomme eine Erinnerung daran, dass ich den Zettel ausfüllen lassen muss. Es eilt und so.
Ich schreibe der Pflegekasse eine Mail und hänge das stressige Gelaber von der Rentenkasse mit ran.

4. November
Ich bekomme eine weitere freundliche Erinnerung, in der mir nun mitgeteilt wird, dass die Pflegekasse unverzüglich den Wisch schicken soll, weil ich sonst wahlweise a) 25 000 Euro zahlen oder b) für 6 Monate in Gefängnis gehen darf.
Da diese nette Drohung vom Amtsgericht ausgesprochen wurde, wende ich mich als erstes an die dort angegebene Telefonnummer, wo man mir mitteilt, ich solle mich an die Rentenversicherung wenden, damit dort notiert wird, das ich mich gekümmert habe.
Zunächst rufe ich jedoch die Pflegekasse an, wo man mir mitteilt, der Wisch sei am 27.10. abgeschickt worden.
Die regionale Beratungsstelle der Rentenversicherung erreiche ich nicht mehr.

Zurück zum Freitag.
Nach der turbulenten Woche schaffe ich erst heute erneut bei der Rentenversicherung anzurufen. Nachdem ich 3 Mal nach jeweils 7 Minuten aus der Warteschleife geworfen werde, versuche ich bei der bundesweiten Servicenummer mein Glück. Dort teilt man mir mit, dass die fehlenden Zeiten nun eingetragen worden sind.

Ausblick auf Samstag: Mich erreicht ein Brief der Rentenkasse. Es hat sich gezeigt, dass die Pflegezeiten für eben den noch offen gewesenen Zeitraum für die Rentenversicherung total unerheblich sind. Man würde die Zeiten aber dennoch notieren, wenn ich noch weitere Nachweise erbringen könnte.
Ich zähle langsam bis 10, um mir nicht mit voller Kraft die Stirn an die Wand zu schlagen.

Als nächstes komme ich endlich dazu die Wohnung zu putzen und aufzuräumen, bevor ich um 13 Uhr langsam und entspannt gen Stadt aufbreche, wo ich um 13:45 einen Augenarzttermin habe.
Um 13:15 fällt mir auf halber Strecke ein, dass ich Brille und Kontaktlinsenflüssigkeit vergessen habe, also: Zurück zum Start.
13:25: Nicht mehr ganz so entspannt sprinte ich los zum Augenarzt.
13:50 Völlig außer Puste komme ich nach nur 5 Minuten Verspätung an, ziehe meine Kontaktlinsen aus und werde getropft.
14:57: Ich verlasse die Praxis mit zwei gesunden, aber riesengroßen Augen/Pupillen und sprinte zum Friseur, wo Schwiegermutter schon mit dem Großen auf mich wartet.
In dem großen Laden geht es turbulent zu und wir müssen noch 10 Minuten warten, wobei ich stets bemüht bin, dass der Große einerseits nicht vor Langeweile nölig wird (was wirklich KEINE gute Voraussetzung für unser heutiges Unterfangen darstellen würde) und andererseits weder für sich noch für seine Umwelt eine Gefahr darstellt (durch lustiges Poporutschen durch den Friseursalon und Hochziehen an allen erdenklichen Möglichkeiten).
Schließlich werden wir aufgefordert Platz zu nehmen.
Da ich seit unserem letzten Friseursalon dazugelernt habe (gedankliche Reise zum Anfang des Jahres: Der Große hampelt auf meinen Schoß herum, ich versuche ihn festzuhalten, er wehrt sich und hampelt noch mehr, wir versuchen ihn mit 3 Leuten festzuhalten, schließlich meint die Friseurin nur: Zum Glück hat er Locken, da sieht mans ja nicht wenn es schief ist! Und ich vollgeschwitzt und ausgepowert wie nach einem Boxkampf), versuche ich ihn irgendwie abzulenken und bei Laune zu halten OHNE ihn richtiggehend zu fixieren. Anfangs funktioniert es noch ganz gut, er ist damit beschäftigt sich seinen Umhang vom Hals zu reißen, schafft es jedoch relativ schnell. Die Friseurin reagiert zügig, drückt ihm eine alte Bürste in die Hand. Immer wieder hält er für eine halbe Minute inne in seinen Bewegungen, was die erfahrene Dame sogleich für ein paar Schnitte nutzt.
Während er schließlich versucht möglichst viele Haare in seinen Mund zu stopfen, schafft es die Friseurin tatsächlich auch noch ihm die Ohren freizurasieren. Das Ergebnis ist verblüffend: Die Frisur ist tatsächlich gerade und ebenmäßig, der Große war wie zu erwarten etwas unruhig, ist aber nicht eskaliert und es gab weder physisch noch psychisch irgendwelche Opfer zu beklagen.
Und so verlassen wir um 15:30 frohen Mutes den Salon, um uns in Richtung Werkstatt zu begeben.

Wir sind ein wenig zu früh, bekommen dafür aber einen Kaffee während der Große irgendwelche Aufkleber von den herumliegenden Reifen puhlt. Ich bezahle die Rechnung (tatsächlich bekomme ich noch einen Nachlass und muss „nur“ 400 Euro zahlen) und bekomme schließlich mein Auto wieder, von außen so sauber wie seit einem knappen Jahr nicht mehr. Da haben sich doch die 400 Euro gelohnt. Oder so.
Da ich noch nicht wieder fahren kann/darf, fährt uns meine Schwiegermutter im zweiten Gang die 3km zum Haus meines Ex.
Es folgen: Fütterung des Großen, Kaffee und Kuchen, Abendessen, bis ich schließlich um19 Uhr in meiner Wohnung ankomme, mir noch eine Ibuprofen reinpfeiffe und schließlich früh ins Bett gehe, da ich am nächsten Tag arbeiten muss.

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