Taub

Der Wecker klingelt viel zu früh nach dieser von Albträumen durchzogenen Nacht.
Ich versuche ihnen nachzuspüren, sie einzuordnen. Halluzinationen hatte ich im Traum, ich bekam texte und Bilder auf mein Handy, die sonst keiner sehen konnte, hörte sogar eine Stimme die vorlas. Unzusammenhängende Satzfetzen und doch allesamt irgendwie destruktiv. Schuld, Sühne, Vergänglichkeit, Sterblichkeit, Bilder von Menschen,die langsam verrotten. Ich wollte meinen Traum noch lenken, mir etwas positives vorstellen, ein ewiges, warmes Licht. Doch ich kam nicht dagegen an. Die Aussage hatte entweder was von Hölle oder von Vergänglichkeit, auf jeden Fall wenig tröstlich, dafür umso hoffnungsloser.
Ich versuche den Traum abzuschütteln und gehe ins Bad, ziehe mich aber noch nicht um. Lege mich dann im Wohnzimmer auf das Sofa, denn von dort aus bin ich schnell am Summer wenn es klingelt.
Kurz darauf ist mein Großer schon bei mir. Während ich mich umziehe, weckt er den Kleinen recht unsanft, indem er ihm die Decke wegzieht. Fertig umgezogen lege ich mich neben ihn und den Großen dazu. Es tut gut Nähe zu spüren. Befreit mich ein wenig von meinen Gedanken und Gefühlen, wenn die beiden um mich herum sind.
Wir beeilen uns nicht, wir machen langsam. Am Frühstückstisch liegt noch der Strohhut, den der Kleine vorgestern aus seinem Zimmer hierher geschleppt hat. Er gefällt ihm, manchmal setzt er ihn sich auch auf und macht Späße oder er setzt ihn mir auf dem Kopf. Gestern hat er noch einen kleinen Riss entdeckt. „Schau mal, das war F.!“ hatte er erschüttert gerufen.
Jetzt versetzt mir der Anblick einen Stich. Genauso wie das blaue Halstuch mit den weißen Punkten. Oder die Gardinen im Schlafzimmer, die ich mitgenommen hatte, als meine Großeltern ins Heim gekommen waren und das Haus ausgeräumt wurde um es anschließend zu verkaufen.
Ich bringe den Kleinen zum Kindergarten und den Großen zur Radiologie zum Röntgen.
Der Durst erinnert mich daran, dass ich noch Wasser brauche. Das hatte ich gestern schon vergessen, eigentlich wollte ich gestern schon was kaufen. Komisch, dass ich zu hause immer vergesse zu trinken und Durst bekomme, sobald ich unterwegs bin, denke ich.
In der Radiologie gibt es einen Wasserspender. Es gluckert, als ich davon nehme. Das Wasser ist kalt und erfrischend. Wir sind schnell dran, aber der Große mag nicht still stehen. Wir heben ihn hoch und er versucht zu beißen und zu kratzen und zu kneifen und am Ende sind alle nassgeschwitzt. Aber es ist geschafft.

Wir fahren zurück zum Kindergarten. Die Sonne scheint und es ist warm und im Radio sind alle gut gelaunt und spielen Sommerhits. Ich schalte das Radio aus. Von mir aus könnte es auch regnen. Ich verstehe das sowieso nicht: wie man sich so sonniges Wetter zum Sterben aussuchen kann. Das ist doch nicht fair. Bei Opa im Februar war ein kräftiger Wind, richtig stürmisch, mit Regenschleiern durchzogen. Das war ein Wetter zum Sterben! Ich hatte mir vorgestellt, das er das war. Sein Abschied, voller Energie. Ein großes „tschüß“, die große Geste winkender Äste von großgewachsenen Bäumen. Und jetzt Oma, bei 20 Grad und Sonnenschein, wo es die letzten Tage ja sogar deutlich schlechter war.
Ich bringe den Großen in seine Gruppe und rufe meinen Hausarzt an. Ob noch was frei wäre. Aber es ist schon zu spät und eigentlich muss man morgens um 7 schon den Termin machen, wenn man krank ist. Die Arzthelferin fragt nach meinen Beschwerden und ich sage „Meine Oma ist gestern gestorben und vorgestern habe ich meine Kündigung erhalten.“ Die Arzthelferin notiert meine Nummer und erklärt mir, dass der Doktor zurückrufen wird.

Ich fahre also erstmal zurück zu meiner Wohnung, bleibe auf der Auffahrt noch im Auto sitzen, starre das Lenkrad an. Eigentlich wollte ich ja zu Ostern hoch fahren. Dann hätte ich sie nochmal gesehen. Stattdessen war ich krank und der Kleine dann auch. Also haben wir nur telefoniert und als ich von meinem blöden Infekt erzählte meinte Oma „Warum wir Menschen nur immer so leiden müssen? Was soll das?“ und ich musste fast lachen, weil es so dramatisch klang und nicht wirklich aufbauend.
So war das letzte Treffen bei Opas Beerdigung. Als ich diesen familiären Zusammenhalt spürte, gerade zwischen meiner Mutter, meiner Tante und meinem Onkel, wie vielleicht noch nie in meinem Leben. Und als ich am offenen Grab weinte und Opa für alles dankte und ihm verzieh, dass er mich gerne bei Mühle oder Mensch-ärgere-dich-nicht bescheißen wollte – damals, als ich noch so jung war und fast jeden Tag bei ihnen – da rief meine Oma mich zu sich, mit einem „Maria, komm eben her!“ und ihr „eben“ war mehr ein „ehm“, wie sie das immer so sagte.
Und wir nahmen uns in den Arm so gut das eben geht, wenn einer im Rollstuhl sitzt und der andere nicht.
In der Gaststätte danach werde ich nicht vergessen, wie sie plötzlich so schweigsam und nachdenklich wirkte, während alle anderen sich unterhielten. Und ich versuchte ihre Gedanken zu erraten. War es Reue oder Sehnsucht? Oder der Gedanke, wie nah der Tod nun an sie selbst heran gekommen war und auch vor ihr nicht halt machen würde?
Denn ich bin mir sicher, dass die Angst vor dem Tod sie begleitete, auch wenn sie nie darüber sprach. Aber ich spürte es in ihren Umarmungen, immer wenn ich mich verabschiedete, als ob sie nie wusste, ob es das letzte Mal sein würde. „Ach Oma!“, sagte ich dann stets und versuchte sie aufzumuntern. Schließlich sieht man sich ja immer wieder, so ist doch das Leben aufgebaut, man kommt und geht und es gibt eine Routine, alles wiederholt sich immer wieder. Bis es das plötzlich nicht mehr tut.

Ich steige aus dem Auto aus und kümmere mich um das Internet. Der Betreiberwechsel zu O2 hat problemlos geklappt. Das kenne ich so gar nicht, das etwas einfach so funktioniert ohne Hotline und Techniker vor Ort. Als ich meine Mails checke sehe ich, dass ich 5 Euro im Lotto gewonnen habe. Ich habe also auf der Habenseite 5 Euro im Lotto und einen unproblematischen Betreiberwechsel und auf der anderen Seite eine gestorbene Oma und einen verlorenen Job. Bei 50.000 Euro hätte ich wenigstens ein Problem weniger.
Schließlich klingelt mein Handy und der Arzt ist dran. Irgendwie habe ich gerade nicht das Gefühl, dass meine Oma wirklich gestorben ist. Irgendwie fühle ich mich gerade ganz normal und nicht leidend und ich frage mich, wie jemand klingen sollte, der gerade einen Angehörigen verloren hat und ich versuche extra traurig zu klingen, um nicht für einen Hochstapler gehalten zu werden. Der Arzt hört mir geduldig zu, schreibt mich für die komplette nächste Woche krank und meint ich soll mich melden, wenn ich noch mehr Zeit brauche, er hätte jederzeit ein Offenes Ohr. Und dann fragt er ob ich noch was brauche. Ich sage, vielleicht was zum Einschlafen. Dabei bin ich mir gar nicht sicher, ob ich wirklich was zum Einschlafen brauche, vielleicht geht das auch so, aber irgendwas muss man doch nehmen wenn jemand gestorben ist, oder nicht? Als nächstes rufe ich auf der Arbeit an, versuche auch dort wehleidig zu klingen und ernte Mitleid. Manchmal könnte ich über mich selber kotzen.

Ich surfe noch kurz durchs Internet, sehe mir noch die Jobangebote an. Frage mich, was mit Mitarbeiter im Service gemeint ist. Kellnern oder Kundentermine ausmachen? Ich werde aus der Anzeige nicht schlau. Vielleicht hätte ich auch was gescheites lernen sollen. Physiotherapeutin oder Erzieherin, die werden hier dauernd gesucht. Ich bin nur Buchhändlerin und der Buchhandel ist tot.
Oder doch irgendwie schriftstellern… Ich schaue mir Crowdfunding-Seiten an, da gibt es auch Buchprojekte. Wenn du ein gutes Projekt hast und genug spendewillige Fans, dann kannst du sogar leben während du schreibst. Ein bisschen zumindest. Wenn du Glück hast.
Ich packe meine Tasche und fahre zur Arztpraxis. Versuche auch dort irgendwie schuldig auszusehen. Dann laufe ich Richtung Arbeitsamt. Die Sonne scheint und ihre Wärme tut mir gut. Und neben mir fahren junge Leute im Cabrio zu lauter Musik und ich denke mir „So sieht das Leben aus!“
Beim Laufen fühlt es sich wirklich nicht so an, als ob Oma tot wäre, sondern nur wie ein angenehmer Frühlingstag. Aber ich kenne dieses Trügerische. Bei Opa war das genauso.
Man denkt, es ist nicht wahr, zumindest zieht man es in Betracht. Erst wenn man es sieht, mit seinen eigenen Augen, dann wird es zur Gewissheit. Wenn man vorne sitzt, direkt vor dem hölzernen Sarg und daneben das Porträt in einem Bilderrahmen und man genau weiß: Dieser Mensch liegt da jetzt drin und rottet vor sich hin und es ist kein Leben mehr in ihm und nichts wird wieder so, wie es mal war.
Das ist der Moment der Wahrheit. Erst dann ist es amtlich. Erst dann zerreißt es dich in deinem Innersten.

Der Mann beim Arbeitsamt ist nett. Er nimmt meine Daten auf und fragt sofort „Sind die krank geschrieben?“ ich überlege kurz ob ich so fertig aussehe. Doch er holt aus und erklärt, dass viele Leute sich bis zur Kündigung krankschreiben ließen, weil es eine enorme psychische Belastung sein kann, bis zum Ende der Kündigungsfrist an seiner Arbeitsstelle zu verweilen. Und so lange ich krankgeschrieben bin, kann ich nicht als arbeitssuchend gemeldet werden. Immerhin habe ich meine Frist gewahrt, denn innerhalb von drei tagen muss man zum Arbeitsamt, damit einem die Ansprüche nicht flöten gehen. Ansprüche auf ALG habe ich eh keine, wenn dann hartz4, stellen wir fest.
Dann entlässt er mich wieder.
Ich hole noch meine Schlaftabletten ab und gehe zum Supermarkt. Ich brauche noch Wasser, mein Durst ist schon wieder da und nach dem Kindergarten habe ich vergessen welches zu besorgen. Dabei wäre dort auch der Getränkeladen gewesen, der mein Wasser immer da hat. Denn ich mag nur Medium, das normale ist mir zu spritzig und ohne Kohlensäure geht gar nicht. In der Nähe des Arbeitsamts gibt es noch einen kleinen, aber der hat medium nicht immer da. Ich will aber nicht nochmal los und entscheide das Wasser zu nehmen, dass ich dort kriege. Tatsächlich gibt es Medium, scheint ja fast mein Glückstag zu sein. Ich überlege noch was sinnloses zu kaufen und entscheide mich für Mikado Stäbchen, die sind gerade im Angebot. Und erinnere mich an den Zirkusbesuch vor zwei Wochen. Die Karten waren so teuer und ich hatte es verpennt noch was abzuheben und so konnten der Kleine und ich uns nur eine Apfelschorle und eine Packung Mikado-Stäbchen teilen. Popcorn war zu teuer. Und selbst die Mikado-Stäbchen haben wir nur aus Mitleid bekommen, denn mir fehlten noch 20cent. Plötzlich fühlt man sich, als wäre man wieder 12 und würde versuchen im Kiosk möglichst viel für sein mickriges Taschengeld rauszubekommen.
Umso besser schmeckten uns die Mikado-Stäbchen. Und natürlich steckte der Kleine sie so in den Mund, dass es aussah, als würde er rauchen, wie auch ich es als Kind getan hatte.
Ich packe also meine Mikado-Stäbchen und mein Wasser und gehe zum Auto. Mein Auto ist dreckig und ich denke, wie andere vielleicht ganz abschätzig an dem Auto vorbeigehen und sich abfällig äußern würden und denken, wie man nur so ein verstaubtes, dreckiges Auto besitzen kann und dass man sich ja schämen müsste. Und in meiner Fantasie würde ich dann sagen: Ich habe vorgestern meine Kündigung bekommen und gestern ist meine Oma gestorben und das würde alles relativieren und plötzlich wäre es okay,dass mein Auto so schmutzig ist.

Wieder zu Hause fällt mir das Buch ein, das als Geschenk verpackt auf dem Schreibtisch liegt. Ich wollte es meiner Mama zum Muttertag schicken. Wie kann ich ihr jetzt noch einen Thriller von Fitzek schenken an ihrem ersten Muttertag ohne Mutter?
Als wir gestern telefoniert hatten, war es schon spät. Ich hatte bis abends gearbeitet und dann noch den Kleinen abgeholt, um halb 9 waren wir erst in der Wohnung. Ich hatte schnell noch was gegessen und dann den Kleinen ins Bett gebracht. Ich hatte nicht gesehen, dass Mama bereits versucht hatte mich zu erreichen. Als es um 22 Uhr erneut klingelte, war ich gerade im Badezimmer. Ich hörte die Nachricht ab, meine Mama bat um einen Rückruf. Erst da sah ich, dass sie nachmittags schon angerufen hatte.
An dieser Stelle wusste ich bereits alles. Ich wollte es nicht wahrhaben, aber ich wusste es. Bei Opa war es genauso gewesen. Sonst schreibt sie mir per Whatsapp, aber wenn jemand stirbt, spricht sie auf den AB und bittet um Rückruf.
Mir wurde schlecht.
Ich rief zurück.
Oma war vormittags gestorben. Sie war am Tag zuvor mit einem Herzanfall ins Krankenhaus gebracht worden, aber abends ging es ihr schon wieder gut, eigentlich. Sie hatte ganz normal geredet, ihr Abendessen gegessen und alle heimgeschickt. „Wird schon wieder.“
Meine Oma war immer mal wieder im Krankenhaus, schon damals, als sie noch nicht Heim war. Immer wieder zusammengebrochen wegen ihrem Diabetes. Und immer wieder erholt, wie so ein Stehaufmännchen. Nur im Rollstuhl war sie, seit ihrem Schlaganfall. Damit hatte sie sich arrangieren müssen, deshalb ging es dann auch nicht mehr zu Hause.
Und jetzt ist sie gestorben und keiner hat damit gerechnet. Weil sie zäh war und unverwundbar wirkte.
„Das Ostergeschenk für die Kinder liegt auch noch bei ihr im Zimmer“, erzählte Mama mir.
In meinem Kopf fühlte es sich an, als wäre eine Bombe explodiert. Drei Monate, erst drei Monate nach Opas Tod. Konnten sie etwa doch nicht ohne einander? Nach all dem Streit und der unglücklichen gemeinsamen Jahre?
Ich erzählte noch kurz von meiner Kündigung. Dann legten wir auf.
Ich legte mich ins Bett, betrachtete die Dunkelheit und das matte Licht, das durch die Seitenränder des Rollos in das Zimmer fiel. Omas Gardinen davor.
Ich versuchte Oma in der Dunkelheit auszumachen. Ob sie irgendwo war. Doch alles wirkte gespenstisch und düster. Ich schloss die Augen, versuchte sie zu spüren. Aber da war nichts.
Dann sagte ich ihr, dass ich verstanden habe. All die Dinge, die sie nie gesagt hat, die ich aber spüren konnte. Und dass ich sie Liebe und sie vermissen werde und dass ich hoffe, dass sie glücklich wird, da, wo sie jetzt ist.

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