Traumtagebuch

Krieg, es herrscht Krieg.
Am Abend vorher schon flimmert die Botschaft in sämtlichen Nachrichtensendungen über unsere Bildschirme, sollen uns darauf einstellen. Aber irgendwie glauben wir das nicht.
Wie könnten wir auch etwas derart Unfassbarem Glauben schenken.
Der nächste Morgen ist sonnig und klar. Es ist Wochenende und der Typ mit dem Raum steht in meiner Küche und presst Orangen für mich aus. Der Kleine ist auch da, er will später noch zu einem Kindergeburtstag. Und der Mann in meiner Küche fragt, ob wir abends noch in den Club wollen, um die eine Frucht zu probieren, die ich noch nie gegessen habe.
Plötzlich wird alles schwarz und wir rennen nur noch.
Raketen, Bomben, explodierende Drohnen.
Die Menschen stieben auseinander, fort in alle Richtungen. Wo ist man jetzt noch sicher?
Ich verkrieche mich in einem Wohngebäude. Eine Wohnung ist doch sicher, sollte sie zumindest sein, oder nicht?
Welcher Winkel schützt mich, wenn hier gleich alles in die Luft fliegt? Unter dem Bett? Eingewickelt in Decke und Kissen?
Ich habe sowas noch nie versucht, nie probiert, nie geübt.
Wird es mich retten? Oder wird das Bettgestell mich zerdrücken, die Holzspähne sich in meinen Schädel und Körper bohren?
Ich warte scheinbar endlos, mein Herz rast wie wild.
Zuvor hatte ich die Drohne gesehen. Wie ein tödliches Fragezeichen hatte sie mich vom Fenster aus angestarrt. „Weg vom Fenster!“, war mein erster spontaner Gedanke. Ich habe alle Fenster gemieden, die hinterste Ecke gefunden. Doch nichts passiert. Endlich wage ich mich aus meinem Versteck. Entfernt höre ich Detonationen. Menschen schreien.
Ich werfe einen raschen Blick durch den Flur. Die Drohne ist noch da, verharrt geduldig auf der anderen Seite der Wohnung. Offensichtlich beobachtet sie nur. Zumindest für den Moment.
Ich beschließe nicht länger zu warten und nehme die Treppe, stürzte mich hinunter.
Hier sind Menschen, diskuttieren. Ich verstehe ihre Sprache nicht oder will sie nicht verstehen. Ich habe anderes zu tun. Rechts ist eine Treppe zum Steg. Dort sind Bote angeleint. Bote in die Freiheit. Aber ein Mann mit einer Pistole mit aufgesetztem Schalldämpfer nähert sich dem Steg.
In Seelenruhe schreitet er voran – und erschießt jeden, den er sieht.
Dieser Mann gehört nicht zu der Gruppe unserer Feinde. Er hat keine Motive, keine Beweggründe für sein Handeln. Vielleicht tötet er nicht mal aus Spaß, sondern lediglich aus Langeweile. Oder weil töten besser ist, als selber erschossen zu werden. Wahrscheinlich tötet er einfach, weil er es kann.
Und es ist erstaunlich einfach.
Ich höre das Wimmern der Menschen in den Boten. Sie glauben, sich verstecken zu können, glauben, der Kelch würde an ihnen vorüber gehen, wenn sie sich nur reglos auf den Holzboden legten und den Himmel anstarrten. Doch sie könnten es ihm kaum leichter machen. Ein Schuss. Und das Blut vermischt sich mit dem schmutzigen Wasser des Flusses.
Am Rande des Stegs sind noch weitere Menschen. Sie sind wie gelähmt, zittern, wimmern. Aber der Mann kennt keine Gnade.
Die Menschen, die oben diskuttieren teilen sich auf. Ein Teil flieht nach links oder nach oben, andere stürzen sich waghalsig zum Steg hinunter um fortzurennen.
Eigentlicht sind wir viele. Viel mehr, als dieser eine Typ mit seiner Pistole. Wenn wir nur zusammen arbeiten würden, wenn unsere Angst uns nicht lähmen würde, dann wäre es ein leichtes ihn zu stoppen und zu überwältigen.
Ich gehe zum Steg hinunter, langsam.
Noch bin ich nicht in seiner Schussbahn, noch kann er mich nicht sehen.
Ich bin die Einzige hier, die Mut aufbringt. Alle anderen fliehen oder lassen sich erschießen.
Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, das Risiko ist hoch. Es kann schief gehen. Vielleicht tötet er mich. Aber nicht kampflos. Wenigstens nicht kampflos.
Ich schalte alle Gedanken aus, versuche nur noch zu funktionieren.
Ich stürme auf ihn zu.
Er ist überrascht und es gelingt mir, ihm die Pistole aus der Hand zu reißen. Fest drücke ich sie gegen seine Brust. Für einen Sekundenbruchteil zögere ich. Dann wird mir bewusst, dass es keinen anderen Weg gibt, dass ich diesen Menschen nicht retten kann, weil er es immer wieder und wieder tun würde. Er würde sich nicht ändern, niemals.
Ich drücke ab. Töte ihn.
Er ist kaum ein Erwachsener.
Links und rechts stehen zwei Typen. In dem Moment, in dem ich sie anblicke, erkenne ich auch ihre Wahrheiten. Sie sind mit ihm, ebenso verlorene Menschen. Keine Hoffnung für sie, keine Rettung. Schnell töte ich die beiden.
Nicht, weil ich es kann, sondern weil ich es muss. Weil es sonst keiner tut.
Kurz darauf kommt ein Kommandant und verlangt nach der Waffe. Er erklät den Krieg für beendet, zumindest vorerst.
Ich reiche ihm sie hüber, vorsichtig. Dann muss ich mich rechtfertigen und hoffen, dass er mir glauben schenkt.
Nicht einfach, wenn es an einem selbst ist, den Retter zu spielen.

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Schreibwerkstatt

Antriebsschwach, so fühlte ich mich in der vergangenen Woche.
Ich habe nicht viel zustande bekommen, stand gedanklich immer wieder vor Sackgassen und war insgesamt nicht wahnsinnig motiviert.
Dabei habe ich privat/familiär doch einiges organisiert, nur die schriftstellerische Leistung schlägt sich gerade mal auf 9 Seiten wieder.
Dafür hat meine Google-Recherche zu Fragestellungen wie „Wie töte ich schnell und effizient?“, „jemanden zu Tode würgen wie lange“ und „jemanden mit Schlaftabletten töten“ einiges zutage gefördert und ich bin mir sicher, dass jetzt irgendwo ein kleines rotes Lämpchen leuchtet.
Achja, bei meinen Recherchen bin auf folgendes Shopping-Ergebnis gestoßen:

Endlich ist Suizid wieder salonfähig!
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Sie kennen das: Sie sind müde, gestresst, fertig mit der Welt und wollen nur noch sterben?
Sie laufen bei rot über Ampeln und keiner fährt Sie über den Haufen? Und Blut war noch nie so Ihr Ding?
Dann versuchen Sie es jetzt mit Suizide!
Die 60 kleinen Tabletten bringen Sie Ihrem Wunschziel jeden Tag ein Stückchen näher!
Vergiften Sie sich selbst und werden Sie zeuge, wie sich Ihr Körper Tag für Tag auflöst.
Das wird ein Abschied, den Sie so schnell nicht vergessen werden!

Serienjunkie

Ja, ich habe seit Dezember Amazon Prime. Ja, ich bin süchtig.
Zumindest, wenn mich eine Serie echt anmacht.
Nein, ich schaue kein „Game of Thrones“. Ich gucke grundsätzlich nichts, was gerade hipp ist. Vielleicht in 20 Jahren, wenn keiner mehr darüber redet.

The Man in the High Castle

Spektakulär, wenn in den USA zum Serienauftakt die Freiheitsstatue auf Plakaten den Hitlergruß zeigt.
Ich will hier gar nichts groß über den Inhalt verraten, nur so viel: Es handelt sich um ein alternatives Ende des 2. Weltkriegs, Deutschland und Japan haben die USA untereinander aufgeteilt, die Serie spielt in den 60er Jahren.
Spannend sind die verschiedenen Charaktere und ihre Beweggründe: Regierungsanhänger, Rebellen und die Menschen dazwischen, die einfach nur überleben wollen.
Wer tut was aus welchem Grund? Für sein Vaterland, aus ideologischen Gründen, um seinen Arsch zu retten, zu überleben, um jemanden zu schützen?
Kann man dem anderen trauen?
Eigentlich kann niemand jemanden trauen, man kann sich nie sicher sein, ob sein Gegenüber Freund oder Feind ist und oft genug ändert sich die Meinung der Figuren, wenn nur ein kleines Rädchen verschoben wird, wenn sich auch nur ein Teil ändert. Und schon ändern sie den Lauf der Geschichte.
Ich mag die Botschaft, dass man etwas ändern muss, wenn alles scheiße ist. Und die Fragestellung, ob das nur mit Gewalt geht.
Die Rebellen können und wollen keine Rücksicht auf Verluste nehmen, sie wollen das System mit Gewalt zum Wanken bringen. Dabei unterscheiden sie sich kaum noch von ihrem Gegner.
Aber wie kann eine friedliche Revolution aussehen?
Andererseits finde ich es generell irgendwie absurd, dass sich die große Masse der Bürger von der Minderheit der Regierenden unterdrücken lässt. Naja, man merkt, ich bin nicht so für die Diktatur gemacht.

Spannend finde ich auch die internen alternativen Realitäten, die auf den Videobändern zu sehen sind. Dieses Zeichen, dass die Zukunft sich noch ändern lässt, wenn man etwas unternimmt.
Großartige Serie, aber auch oft grausam.

 

12 Monkeys

Ja, vor ewig langer Zeit habe ich den Film gesehen. Konnte mich nur noch grob an Bruce Willis erinnern und daran, dass der Film eine spannende Wendung am Schluss hatte.
Jetzt habe ich die Serie für mich entdeckt.

Die Story: Ein Virus wird freigesetzt, das 99% der Weltbevölkerung eliminiert.
2043 will eine Wissenschaftlerin einen gewissen James Cole in die Vergangenheit schicken, um genau das zu verhindern.
Und weil die Serie über vier Staffeln laufen soll, gelingt ihm das natürlich nicht so einfach.
Es gibt Spannung, Action, Krawumm, Liebe, Abenteuer, Freundschaft, Mystery, Philosophie und auch ein bisschen Spaß.
Für mich, als zeitreiseinteressierter Mensch, ein absolutes Muss, die Serie hat mich sofort in ihren Bann gezogen, sodass ich zum Teil 6 Folgen am Stück sehen musste.
Mein Lieblingscharakter ist dabei Jennifer Goines. Sie hört Stimmen und ist verrückt und erinnert mich ein bisschen an mich selbst 🙂

Wer lieber was locker leichtes haben will, der ist bei „New Girl“ gut aufgehoben.
Eine junge Frau in einer Männer-WG und jede Menge zitierfähiger Sprüche („Sex ist es erst, wenn man den Strohhalm in die Kokosnuss steckt.“).

Auch gut: „Lucifer“
Der Teufel persönlich nimmt sich eine Auszeit in L.A. und eröffnet einen Nachtclub.
Um seiner Tätigkeit als Bestrafer weiterhin nachkommen zu können, wird er persönlicher Berater von Detective Chloe Decker.
Das Ganze ist natürlich witzig und chaotisch, aber auch sehr actionreich.
Lucifer hat einen interessanten exzentrischen Charakter, der durch Charme und Sexappeal besticht.

documenta

Keine Ahnung, was mich mehr berührt hat: Der Typ mit der Latexmaske, der seinen Kopf in einen übergroßen Luftballon steckt – was meines Erachtens als Wunsch des Mannes in die mütterliche Vagina zurück zu kriechen interpretiert werden muss, oder der Kurzfilm von dem Mann, der auf dem Rücken eines anderen Mannes sitzend einen Wald durchstreift, ohne Frage ein konsumkritischer Ansatz, jawohl.
Wozu dieser Klebestreifen zwischen den Schränken gespannt war, hat sich mir allerdings nicht erschlossen. Kunst ist halt subjektiv.
Kleinere Kritzeleien wie von Kinderhand motivieren mich jedenfalls, meine eigene Kreativität zu beflügeln. Nächstes Projekt: Punkt auf weißer Landwand.

Immerhin habe ich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Nach ewigen Zeiten habe ich mich wieder mit meiner ehemaligen Nachbarin getroffen und eine Woche vor Ablauf der documenta konnte ich nun doch noch meine Gutscheine einlösen.

Gerade dieses Jahr hagelte es massive Kritik an der ausgelagerten Ausstellung in Athen, einige haben die documenta deswegen auch komplett abgelehnt. Mit dieser Einstellung haben auch wir die Ausstellung besucht. Neugierig aber gleichzeitig auch Fragen stellend: Wozu braucht man eigentlich Kunst und haben wir nicht eigentlich ganz andere Probleme?
Kunst ist tatsächlich ein Luxus, den man sich leisten können muss. Generell geht es uns hier gut, so gut, dass wir einen Teil unserer Zeit und Aufmerksamkeit der Kunst widmen könnten.
Visuelle Kunst ist für mich aber längst nicht so wichtig wie Musik oder Schriftstellerei, von dem her kann ich gut darauf verzichten.
Für mich war es die erste documenta und vermutlich auch die letzte.
Ich finde es aber toll, dass in der ganzen Stadt Kunstwerke aufgebaut sind, die alle betrachten können. Die Ausstellung an sich ist mir für 22 Euro für ein Tagesticket aber zu teuer, da guck ich mir lieber die aktuellen Werke meines 5-Jährigen an.

Immerhin habe ich auf dem Rückweg eine Geo Kompakt über den Schlaf und unsere Träume mitgenommen. Naja, und eine Geo Kompakt mit dem Titel „Wer bin ich?“. Vielleicht hilft’s ja.

Lotta Wundertüte

Mein Ex hat mir das Buch zum Geburtstag geschenkt.
„Lotta Wundertüte – Unser Leben mit Bobbycar und Rollstuhl.“
Sandra Roth schreibt über das Leben mit ihrer schwerbehinderten Tochter.

Ich schlage das Buch auf, ich schlage es wieder zu.
Leben mit einem schwerbehinderten Kind – das kenne ich doch selbst zur Genüge.
Ich weiß sofort, dass das hier kein Märchen ist, keine Geschichte mit Happy End und dem bekannten „Und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende.“
Eigentlich lese ich lieber was spannendes, Psychothriller oder zumindest was mit Humor. Etwas, das mich den Alltag vergessen lässt.
Muss ich jetzt wirklich nochmal durch, muss ich nochmal all durchleben, was ich doch eigentlich schon hinter mir habe?
Und ich komme auf den Gedanken, wer denn eigentlich die Zielgruppe für dieses Buch ist.
Schreibt man seine Geschichte für andere auf, die auch behinderte Kinder haben, damit sie traurig nicken können und dann denken: „Stimmt, war bei uns auch so.“ Oder ist es etwa für die Menschen gedacht, die ein „normales“ Leben, mit „normalen“ Kindern führen, damit die dann erschrocken die Hand vor den Mund führen, ein betroffenes „Ach, wie schrecklich!“ nuscheln und für zwei Sekunden den Blick über den Tellerrand ihrer perfekten Welt werfen, bevor sie mit ihren gesunden Kindern zum Mutter-Kind-Turnen, Ballett-Unterricht oder dem Englischkurs für Kleinkinder sprinten?
Ich fange an, es zu lesen, bin nun doch neugierig und suche nach dem „Das ging mir genauso!“

Doch schon der Beginn ist ganz unterschiedlich: Sie erfährt es im Laufe der Schwangerschaft, hätte in der Spätschwangerschaft noch abtreiben können.
Sie hätte ein Kind abtreiben können, dessen Gehirn durch eine fehlgebildete Ader nicht richtig durchblutet wurde, ein Kind dessen Prognose ungewiss war. Das deswegen einige nicht ungefährliche Operationen über sich ergehen lassen musste, um die Hirndurchblutung Stück für Stück zu verbessern.
Du weißt nicht: Wird mein Kind die Geburt überleben? Die erste Operation, die zweite, die dritte?
Wie viel Schaden wird es davon tragen durch die Fehlversorgung im Gehirn, was wird mein Kind lernen und was nicht? Für immer Pflegefall?
Oder besser gleich Schluss machen. Spätabort.
Sie hatte die Wahl, sich zu entscheiden. Ich hatte sie nicht.
So sieht es auf den ersten Blick aus. Aber eigentlich wäre das auch für mich keine Wahl gewesen, Ich hätte mich so entschieden wie sie, weil ich die Frage nicht ertragen hätte, was sonst passiert wäre, ob das Kind eine Chance gehabt hätte oder nicht.
Was nicht heißen soll, dass ich generell gegen Abtreibungen wäre, das muss jede(r) mit sich selbst ausmachen. Und nach allem, was ich durch habe, spricht auch einiges dafür.

Schlimm finde ich allerdings Aussagen wie: „Das muss doch heute nicht mehr sein!“
Die werden liebend gerne bei Kindern mit Downsyndrom verteilt.
Tatsächlich wird die überwältigende Menge der Verdachtsfällen mittlerweile in der Frühschwangerschaft abgetrieben. Dabei gibt es mittlerweile so viele Anlaufstellen und Hilfen, wie selten bei einer Behinderung. Meistens können sie später in einer Wohngruppe ein relativ selbstständiges Leben führen, ein Mal habe ich sogar von einer Abiturientin mit Downsyndrom gelesen, auch wenn das eine große Ausnahmeerscheinung sein mag.
Ich weiß, die Prognosen bei Downsyndrom sind nicht einheitlich und doch würde ich jederzeit Downsyndrom eintauschen gegen die Behinderung, die mein Sohn jetzt hat.

Unterschiedliche Prognosen und Aussagen von unterschiedlichen Ärzten – das kenne ich auch.
Die Stunde Null damals, als F aufgehört hat zu atmen – jeder Arzt hat seine eigene Theorie dazu. Jeder schlug eine etwas andere Behandlung vor.
Damals im Nachbarbett waren sich die Ärzte nicht mal einig, ob das schwerstbehinderte Kind aufgegeben oder gerettet werden sollte. Wie schlimm das für die Eltern ist!
Du legst die Zukunft deines Kindes in die Hände der Ärzte, willst akzeptieren, was immer sie sagen. Ist es Zeit Abschied zu nehmen, weil der Leidensdruck zu hoch ist, das Kind zu große Schmerzen hat, die Chancen auf Besserung zu gering sind?
Oder solltest du nochmal alle Energie sammeln und aufbringen, um zusammen mit deinem Kind zu kämpfen?
Auch bei Sandra Roth wird deutlich, dass die vermeintlichen Halbgötter in weiß in Wirklichkeit kaum mehr bieten, als den Blick in eine trübe Kristallkugel und mit Weisheiten aufwarten, die aus einem Glückskeks stammen könnten.
„Sie kennen ihr Kind am besten“, dieser Satz ist auch ihr gut bekannt.
Ja, die ruckartigen Bewegungen mit dem Kopf sind normal, ja, er beißt sich immer in die Hände, wenn er wütend ist. Ja, dieses Geräusch macht er immer, wenn er was lustig findet und jetzt shakert er gerade mit Ihnen.
Aber manchmal weiß ich es auch nicht.
Kann sein, dass ihm was weh tut. Vielleicht der Bauch, vielleicht hat er Luft darin oder er hat Kopfschmerzen oder er zahnt oder er ist einfach schlecht drauf.
Verschiedene Ärzte und Therapeuten, mit unterschiedlichen Zielsetzungen und Ideen, führen immer wieder zu Widersprüchen. Zwischen „Da muss man unbedingt was machen!“ und „Ich würde einfach abwarten!“ liegen Welten und als Elternteil hängt man irgendwo dazwischen und zuckt mit den Schultern, weil man es doch selbst auch nicht weiß. Und im besten Fall noch ein „Dann müssen Sie mal richtig die Zähne aufmachen und für ihr Recht kämpfen!“ mit auf dem Weg bekommt.
Kämpfen? Für etwas, von dem ich nicht mal weiß, ob es das beste für mein Kind ist?
Was ist das überhaupt, das beste? Wie viel Förderung braucht mein Kind?
Reichen Logopädie, Ergotherapie, Physiotherapie und Frühförderung?
Klar, zwei mal im Jahr SPZ zur Entwicklungskontrolle, und zwei mal im Jahr zur orthopädischen Sprechstunde, um die Wirbelsäule kontrollieren zu lassen. In dem Atemzug müssen auch Korsett und Orthesen kontrolliert werden beim Orthopädietechniker.
Außerdem vier mal im Jahr das obligatorische Pflegeberatungsgespräch für die Pflegekasse.
Und immer wieder müssen Hilfsmittel beantragt werden und Behindertenausweise und Pflegestufen, immer wieder müssen Sondennahrung und -zubehör, Windeln oder andere Pflegeutensilien bestellt werden…
Aber man kann noch viel mehr machen. Alternative Therapien, Reitherapie, Petö, Fachkrankenhäuser, Kuren. Möglich ist vieles.
Wenn du bereit bist, dich selbst nach hinten zu stellen, um für dein Kind alles zu geben, auch wenn du dich dafür aufgeben musst.

Sandra Roth erlebte das, was auch ich erlebt habe.
Schon ein gesundes Kind ist für viele eine Belastungsprobe.
Selbst, wenn man sich vorher darauf geeinigt hat, als Frau zu Hause zu bleiben, weil es finanziell die klügere Entscheidung ist.
Für den Mann ändert sich auch etwas, aber nicht so viel, nicht so einschneidend.
Doch die Frau ist den ganzen Tag beim Kind.
Man kommt anfangs nicht viel raus und wenn, dann meist zu anderen Müttern. Viel Zeit für sich hat man selten.
Und bei Müttern mit behinderten Kindern ist das noch viel schlimmer, es gibt so viel zu organisieren und das Kind macht es einem nicht einfach.
Ich denke ungern an die ersten eineinhalb Jahre, in denen F. So viel geschrien hat, ich vier Stunden täglich zum Füttern gebraucht habe, unser Leben ein ewiger Kampf war. Er hat die Nächte oft durch geschrien, am Ende in seinem eigenen Zimmer, weil es nicht auszuhalten war und ich Schlaf brauchte. Wie er sich die Hände aufgebissen hatte, weil die Zähne durchbrachen und sein Bett voll Blut war. Und die Ärzte, die nicht helfen konnten, weil sie auch keine Ahnung hatten.
Manchmal war ich wochenlang allein, mein Exmann auf Montage.

Der Autorin ging es nicht anders.
Man merkt, wie sie und ihr Mann auseinander driften, wie schwer es fällt, noch (Liebes)Paar zu sein. Dieser Kampf lässt nicht viel Raum und nicht viel Fröhlichkeit.
Dieses Leben ist anstrengend, ermüdend, es raubt einem viel Kraft und Energie.
Sie hat sich abgeschottet, wie auch ich es tat.
Man will es nicht sehen. Man will die anderen Mütter mit ihren „perfekten“, gesunden Kindern nicht sehen, will jedem Vergleich aus dem Weg gehen.
Bei mir hat sich das erst geändert, als der Kleine da war. Da war ich stolz auf seine Fortschritte, er entwickelte sich so wahnsinnig schnell, war den anderen immer einen Schritt voraus.
Auch wenn die ersten zwei Jahre anstrengend waren, so hat mir der Kleine so viel gegeben, so viel Mut und Ansporn und Zuversicht…
Durch ihn hatte ich wieder mehr Kraft auch den Großen zu lieben und letztlich mich selbst.
Ich wollte immer zwei Kinder. Ich habe zwei und auch, wenn alles ganz anders gekommen ist als geplant, so bin ich doch sehr glücklich.

Aber der Schritt davor, dieses: „Es kann nicht sein, dass das Märchen nicht gut ausgeht!“, diese Erkenntnis hatte ich auch, ebenfalls wie die Autorin.
Sie dachte nach den ersten Operationen, dass alles gut werden würde, dass Lotta vielleicht einfach zwei/drei Monate später sitzen, krabbeln, laufen lernen würde. Sie dachte, mit ein bisschen Förderung und Physiotherapie würde sich das schon geben.
Sie vertraute auf die Positivbeispiele der Ärzte, hat nur das geglaubt, was sie glauben wollte.
Doch Lotta entwickelte sich kaum weiter, konnte mit einem Jahr wenig mehr als Lächeln und schnullern.
Auch F. konnte damals nicht mehr, als sich auf den Bauch drehen und wieder zurück.
Erst im Kindergarten hatte er sitzen gelernt, robben erst mit dreieinhalb.
Man hat eine magische Uhr im Kopf und denkt „Bis dahin wird er es können.“
Dann kann er es immer noch nicht und man stellt die Uhr ein wenig nach hinten. Und irgendwann hört man auf diese Uhr zu stellen. Nach fast 7 Jahren sage ich: Er entwickelt sich weiter, in seiner eigenen Zeit. Das hat er immer schon getan.
Als er ein Jahr alt war, habe ich mir ein Buch über die Förderung bei muskulärer Hypotonie im Kindesalter besorgt. Auf einer Seite fand ich die Abbildung eines Jungen, der mit 7 Jahren noch nicht laufen konnte und auf dem Boden lag.
Das war mein Schreckgespenst, das war die große Angst, die niemals wahr werden durfte. Es konnte nicht sein, es gab keinen Weg anzunehmen, dass mein Kind mit 7 noch nicht laufen könnte. Ich verdrängt den Gedanken, verurteilte ihn auf das schärfste.
Und es gab irgendwann diese Momente, in denen ich die Wahrheit spürte, in der eine realistische Zukunftsversion sich ausbreiten wollte – und ich ihr keinen Platz einräumte, weil die Wahrheit sich dumpf anfühlt, wie ein Abgrund, der im Nebel auf einen zu rauscht und einem den Boden unter den Füßen wegziehen will.
Jetzt ist F. bald 7 und kann nicht laufen, krabbelt über den Boden und zieht sich an Gegenständen hoch. Das ist kein Schreckgespenst, das ist meine Normalität.
Ich habe keine Pläne mehr, keine magische Uhr, kein „Das lernt er schon noch!“
Ja, es sieht alles so aus, als würde er irgendwann richtig laufen können. Vielleicht in einem Jahr, vielleicht in 5. Wer weiß das schon?
Heute lächle ich nur noch, wenn mich jemand fragt: Wird er das noch lernen? Kann er irgendwann laufen, sprechen, über Gebärden kommunizieren?

Auf eine besondere Art und Weise mag ich diese Entschleunigung sogar, die er mitbringt.
Er krabbelt in die Sonne, rupft Grashalme aus, legt sich hin. Er döst oder schaut seinem Bruder beim Spielen zu, genießt die Wärme und den Wind. Mehr braucht er gar nicht, um zufrieden zu sein. Er macht sich keine Gedanken um die Zukunft und wird sie sich vermutlich auch nie machen müssen. Irgendwie ist das beneidenswert.
Zu glauben, dass unser „normales“ Leben, mit all den täglichen Herausforderungen, in irgendeiner Form „besser“ wäre, halte ich für überheblich.

Sandra Roth vergleicht auch die Reaktionen auf die Behinderung ihrer Tochter.
Sie unterscheidet die Menschen, die sich so betroffen zeigen, dass sie anfangen zu weinen und dann selbst getröstet werden und die, die ernsthaft nicken und dann anfangen mit Sätzen wie: „Ja und wissen Sie, der Mann von der Frau Ellinger hat Krebs, dass hat sie mir gestern Abend erst gesagt!“
An unserem ersten Kindergarten gab es eine Frau, die zu mir meinte, ob ich mich nicht freuen würde. Ihre Kinder würden so schnell erwachsen werden und der F. wäre immer noch so klein und niedlich… Natürlich war das nur lieb gemeint, aber ein ewiges Kleinkind erschien mir eigentlich nicht wahnsinnig erstrebenswert zu sein.
In der Familie meines Exmannes gab es immer ein „Das schafft er schon noch!“ zu hören. „Das holt er schon nach, er kann noch alles werden!“ Bis heute höre ich eigentlich nichts anderes. Aber das ist ihre Art und Weise, damit umzugehen.
Vor vielen Jahren, als alles noch scheiße war, hat uns meine Tante mal besucht und ist in Tränen ausgebrochen. Das ist schwierig, wenn man selber kämpft und stark sein will.
Aber damals hat sie zum ersten Mal mitbekommen, wo ich jeden Tag durch musste.
Immer wieder erlebe ich auch Mitleid.
Mitleid, das hatte die Autorin mit ihrer Freundin, die ein Kind mit Downsyndrom bekam. Sie hatte Mitleid, weil sie davon ausging, dass ihre Lotta sich besser entwickeln würde.
Mitleid stellt einen selbst auf ein Podest, von dem man herunterblickt auf sein Gegenüber. Mitleid ist scheiße.
Was ist nun die beste Reaktion?
Die Wahrheit ist: keine. Man kann nur verlieren. Aber vor allem sollte man nicht so tun, als könne man sich vorstellen, wie das sein muss. Kann man nicht, wenn man es nicht selbst erlebt.

Ich kenne auch dieses „ich“ und „die anderen“.
Ich, mit dem beschissenen Schicksal. Deren Kind nicht einfach selbstständig, dessen Versorgung, Pflege und Betreuung in jeder Sekunde sichergestellt werden muss.
Und die anderen, die mit dem perfekten Leben, die Latte Macchiato Mütter, die mit den Luxusproblemen, denen nie was schlimmes passiert.
Dabei hat jeder seine Probleme. Vereinbarkeit von Job und Kindern, Haushalt schmeißen, organisieren – Mutter sein ist auch so hart genug. Und Schicksalsschläge gibt es überall. Und wenn es nur die Großeltern sind, die gestorben sind, so ist es doch schlimm genug.
Alle machen irgendwann etwas durch, erleben einen Schicksalsschlag. Niemand ist davor gefeit.
Und auch ich weiß manchmal nicht, was ich sagen soll, wie ich reagieren sollte. Und möchte am liebsten nicht darauf eingehen und das Thema wechseln. Ich selbst bin auch nicht besser.

Ein großer Unterschied zu mir: Sandra Roth hat sich am Anfang oft die Frage gestellt, wie Lotta hätte werden können. Sie betrauerte das Kind, das sie nie hatte.
Ich hatte nur eine ungefähre Vorstellung, die natürlich zeitgemäße Entwicklungsstadien beinhaltete und die Vorstellung, wie er und sein Geschwisterchen später miteinander spielen würden. Aber mehr Zukunftsversionen lagen mir fern. Zu F. gibt es keine alternative Zukunftsversion. Er ist so, weil er so hatte werden sollen. Es gibt in meinem Kopf keine „gesunde“ Version, die irgendwann gestorben ist.
Aber es gibt die „Schuldfrage“. Warum ich? Warum die Behinderung?
Ein Chromosomenschaden wird mittlerweile vermutet. Der Professor denkt, wenn wir beide neue Partner suchen und mit ihnen Kinder bekämen, wäre die Wahrscheinlichkeit gering, das der Chromosomenschaden noch einmal auftauchen würde. War es also von vornherein nicht vorgesehen, dass wir zusammen Kinder bekommen sollten? Ich hatte auch immer einen sehr unregelmäßigen Zyklus und es war schwer, schwanger zu werden.
Wollten wir zu viel?
Ja, mir kam der Gedanke, dass es purer Eigennutz ist, Kinder in die Welt zu setzen.
So schön das Leben ist, so sehr wiegen auch die Schattenseiten. Man kann das Kind nicht vor all dem Leid beschützen, dass ihm eines Tages begegnen wird. Ja, das Leben ist so schön, wie es scheiße ist.
Und doch gewann stets dieser Egoismus in mir. Ich wollte diese Familie, ich wollte für jemanden da sein, von jemanden bedingungslos geliebt werden.
Meine Hebamme sagte später „So spezielle Kinder suchen sich ihre Eltern aus. Die wissen, wer stark genug dafür ist!“
Mir kam das damals wie ein schlechter Witz vor. Ich fühlte mich nie stark.
Aber vielleicht sollte ich doch irgendwas daraus lernen.
Und wenn nur, wie es ist, mit einem Grashalm im Mund auf der Wiese zu liegen und die Sonne zu genießen.