Und dann noch der Unfall

Samstag.
Kurzentschlossen fahre ich mit dem Großen nach Kassel zum Intensiv-Café.
Mein Exmann war schon einmal mit ihm dort, doch ich hatte gezögert, immerhin bedeutete das eine Dreiviertelstunde Fahrt mit einem Kind, das an jeder Ampel quakt, aber der Kleine ist mit dem Papa Schlittenfahren, das letzte Mal für diesen Winter, also fahre ich doch hin.

Es gibt Tee und Kaffee und Frühstück, ein leckeres Büfett steht bereit und an allen Ecken und Enden treffe ich Leute, die wir von früher kennen: unsere erste Logopädin, die ihre Praxis direkt neben dem Klinikum hatte, die Ergotherapeutin aus dem Spielzimmer von Station F81, eine Krankenschwester, die früher bei uns war und jetzt einen kleinen Sohn bekommen hat.
Die Leiterin der Intensiv-Cafés kommt auf uns zu, begrüßt uns herzlich, zeigt uns ihren Sohn, der bewegungslos in einem elektronischen Rollstuhl sitzt und gerade abgesaugt wird.
Eigentlich sei er in einer Einrichtung untergebracht, aber die Leute sind krank und es herrscht Fachkräftemangel. Jetzt muss es so gehen, irgendwie.
Ich nicke und erzähle meine Geschichten.
Die von den Sensoren kennt sie auch.
Auch bei ihr war die Frist viel zu kurz, auch sie hatte sich bei der Krankenkasse beschwert.
Nur, dass der Fall bei ihr ein wenig anders lag. Er wog schon fast 40kg und nichts sprach gegen die Verwendung von Dauersensoren, es hatte schlicht und ergreifend nie jemand nachgefragt.
„Und auf einmal kommt man sich vor wie ein Sozialschmarotzer, nur weil er 11 Jahre lang die Einmalsensoren bekommen hat und es für uns normal war!“
Jetzt habe er einen Dauersensor, aber die Krankenkasse hatte sie schlecht beraten, lange habe es gedauert, bis der richtige gefunden war.

Währenddessen sitzt der Große in der Spielecke und wirft einen Ball. Schaut ihm hinterher, wie er fliegt. Freut sich.
Dann fängt er an zu weinen, der Ball ist weg und die Mama auch.
Ich rufe ihn zu mir.
Er hört mich, aber er sieht mich nicht. Während seine Augen die Menschen nach bekannten Gesichtern absuchen, schießen die Arme in die Luft.
Hol mich ab, Mama!, heißt das.
Ich gehe zu ihm und er will laufen, also nehme ich seine Hände in meine. Wir erkunden den Raum, jeden kleinsten Zentimeter, drehen unsere Kreise.
Dann setze ich ihn hin und bediene mich am Büfett.
F. krabbelt zur verschlossenen Küchentür, will sie öffnen, aber es klappt nicht. Unmut macht sich breit. Dann wirft jemand den Ball und er wirft ihn zurück.
Ich knabbere gerade an meinem Brötchen, da klingelt das Telefon. Mein Exmann.
„Ich glaube, ich hab mir den Fuß gebrochen. Ich bin gerade auf dem Weg ins Krankenhaus.“
Ich möchte mit dem Kopf auf die Tischplatte hauen und schaffe es gerade so, dem Drang zu widerstehen.
Dann esse ich mein Brötchen auf, trinke noch einen Kaffee, und mache mich auf den Weg zu unserem kleinen Vorstadtkrankenhaus.

„Die Strecke war vereist und wir sind immer schneller geworden, mitten auf die Bäume zu.“
Er wollte den Kleinen schützen, irgendwie bremsen. Und die Ferse musste dran glauben.
Es waren noch andere da, die hatten ihn zum Auto gezogen.
Er hatte es sich nicht nehmen lassen, selbst zu fahren, wollte den Wagen nicht stehen lassen, über 30km vom Wohnort entfernt. Wer hätte den auch abholen können?
Und so stand er dann vorm Krankenhaus und der Kleine war heldenhaft hinein gegangen, um Hilfe zu holen.
„Volltreffer!“, hatte es nach dem Röntgenbild geheißen. „Komplett zersplittert. Das muss operiert werden.“
Ich packe die Jungs in mein Auto, fahre zum Haus von meinem Exmann.
Der Große muss sondiert werden. Dann Klamotten packen für meinen Ex. Mit dem Buggy den Berg runter zum Krankenhaus, zum Glück liegt hier alles nah beieinander. Wir geben die Tasche ab, dann steige ich in das Auto meines Exmanns. Drücke möglichst viele Knöpfe, um das Radio auszuschalten. Dann ab zu meiner Wohnung, Kinder raus aus dem Auto und rein in den ersten Stock, schon jetzt spüre ich die Rückenschmerzen von Fs 19kg.
Sachen packen, was brauch ich alles?
„Nicht den Spiegel umwerfen, F!“
– „Mama, F macht den DVD-Player kaputt!“
„Ich komm ja schon!“
Als meine Taschen gepackt sind bin ich froh, dass er nur die Gardine heruntergerissen hat. Hätte schlimmer kommen können.

Zurück beim Haus ist F wieder dran. Um 16 Uhr wird immer sondiert.
Dann Sachen auspacken. Essen machen. Essen. F noch einmal sondieren. Die Kinder baden. F wickeln, umziehen, möglichst so, dass er den Schlafsack nicht aufbekommen, also Reißverschluss nach hinten und ein T-Shirt drüber, sicher ist sicher.
Natürlich haben wir heute keinen Pflegedienst da, also bin ich heute die Nachtschwester.
Das Bett wird nach unten gefahren, sodass F nicht aufstehen und herausfallen kann. Die Therapiehandschuhe anziehen. Den Klettverschluss eng um das Handgelenk gewickelt, sonst kriegt er sie wieder auf.
Ich überlege. Sollen wir hier bleiben?
Ich bleibe eine Stunde und F fällt immer wieder in seinen Fünfminutenschlaf, nickt weg, wacht auf, nickt wieder weg…
Um 22 Uhr hole ich den CD-Spieler aus Ts Zimmer. Bob der Baumeister läuft.
F schläft wieder ein. Und ich verschwinde mit T ins Schlafzimmer.
Kurze Zeit später ist alles ruhig.
Noch einmal wird er wach, von 12-1 und von 5 bis 5:10, fast 8 Stunden schläft er in dieser Nacht. Von einem Pflegekräfte mordenden F ist zumindest diese Nacht nichts zu sehen.

Aktueller Stand: Nächste Woche OP. Dann darf er 6 Wochen lang den Fuß nicht belasten.
Klingt…anstrengend. Für alle Beteiligten.

Funfact: Whatsapp-Nachricht vom Montag.
„Guten Abend Frau Mittwoch, die Schulassistenz ist diese Woche wieder krank und die Vertretung ist auch nicht da. Wie machen wir das mit dem Sondieren?“
Ich (nachdem ich innerlich mit dem Kopf gegen sämtliche Wände des Hauses geschlagen habe):
„Wenn alle Stricke reißen, komme ich mittags, aber mein Exmann liegt im Krankenhaus und der Pflegedienst kommt zur Zeit auch nur jede zweite Nacht und es wirklich super, wenn sich irgendjemand findet, der das Sondieren übernehmen würde.“
Zur Not auch ein dreiköpfiger Affe, füge ich in Gedanken hinzu.
Zwei Stunden später hat sich tatsächlich jemand gefunden 🙂

[Das war’s jetzt erstmal von der Front]

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