Hatte Orwell recht oder Urlaub war früher besser

Es sind Ferien, aber nicht mehr diese Art Ferien, die ich als Kind gehabt hatte, mit grenzenloser Freiheit, Abhängen am Baggersee oder wahlweise im Freibad, bis man hinausgekehrt wurde vom Bademeister oder von einem anrollenden Gewitter, mit dem Fahrrad durch die Schwüle rasend, der Himmel zugezogen, bis er schließlich sein Innerstes entlud und man sich trotzend dem Tosen stellte, während die einbrechende Flut versuchte einem vom Sattel zu reißen. Es sind nicht die Ferien, die ich damit zugebracht hatte, mich mit einem Buch in einen Sessel zu fläzen oder um mit Freunden durch das Dorf zu ziehen und vor dem Combi zu campieren, weil das das beste war, was dieser Vorort von Garnichts zu bieten hatte, nein.

Weil ich jetzt erwachsen bin und Kinder habe, heißen meine Ferien jetzt Urlaub und sie beeinhalten den verzweifelten Versuch den Spagat zu machen, zwei vollkommen unterschiedliche Kinder zu bespaßen: Man will Abenteuer bieten, ein Kontrastprogramm jenseits des Kindergartenalltags und gleichzeitig muss man einkalkulieren, das andere Kind um 16 Uhr zu sondieren und für alle Eventualitäten gerüstet zu sein, die so ein behindertes Kind mit sich bringen.

Als ob du bei einem Abenteuerexpress, der ursprünglich dafür gedacht war mit Tempo 250 in bisher unbekannte Sphären vorzudringen, die Handbremse angezogen lässt. Statt Ferne, die Nähe.

Wir brauchen: 300 ml Sondennahrung, 100 ml Wasser, eine 60ml-Spritze und für den Notfall noch eine von den kleinen Grünen, einen Verbinder, mindestens zwei Windeln, Feuchttücher, ein komplettes Set Wechselkleidung und ein Spucktuch. Und natürlich den Buggy.

Komm, wir fahren „spontan“ an den Bugasee!

Der Bugasee, ein künstlich angelegter Baggersee umgeben von einem Park, der eigens für die Bundesgartenschau 1981 angelegt wurde, ist heute eine mögliche Alternative für Menschen, denen die Nord- oder Ostsee zu teuer oder zu schön ist. Man könnte Teile der angelegten Ufer auch „Hundestrand“ nennen, bezugnehmend auf die vielen Hinterlassenschaften, die im Sand zu finden sind.

Erstmal Minen umschiffen, getreu dem Motto: Zwei Mal hingesehen ist besser als ein Mal in die Scheiße getreten.

Der Sand ist nur oberflächlich weiß und wie so oft im Leben, lauert unter dem Augenscheinlichen etwas vollkommen Ungeahntes: undefinierbares, schwarzes Zeugs. Es erinnert verblüffend an die Hinterlassenschaften der Hunde, ist aber mit Sicherheit nur Zeichen eines funktionierenden Ökosystems (rede ich mir ein).

Der See ist so grün, dass der Inhalt euphemistisch gesprochen als „mystisch“ bezeichnet werden kann, in Wahrheit aber aussieht, wie man sich einen See vorstellt, in dem radioaktives Material zwischengelagert wird.

Genau dieses Unvorhersehbare in dem trüben Gewässer war es wohl, was den Kleinen im Jahr zuvor noch davon abgehalten hat, sich in die Fluten zu stürzen, dieses Mal aber nicht.

Mit mutigen Schritten stapft er in die schwarzbeige Pampe, beschmiert sich mit Schlamm und empfindet Spaß am Spritzen.

Herrlich, denke ich, und ermahne ihn, nicht weiter ins Wasser zu laufen, als bis zur Höhe seiner Brust. Und bitte nichts davon trinken.

Ich bleibe am Rand, der Große mag Wasser nur bedingt, alles unter Körpertemperatur ist praktisch ungenießbar. Zaghaft streckt er den Zeh ins Gewässer und zieh das Beinchen wieder an. Ich setze ihn am Rand ab, er rutscht auf dem Po noch weiter Richtung Festland. Er misstraut dem Wasser.

„Guck mal, Mama, so weit kann ich laufen!“

Ein Auge auf den Kleinen, eins auf den Großen.

„Schön, aber komm mal wieder ein Stück zu mir!“

Der Große auf Erkundungstour, andere Mütter haben auch schöne Kinder. Und die haben wiederum Dinge zum Werfen.

„Nein, das ist nicht Deins. Komm, wir gehen zum Platz zurück.“

Ein Auge auf den Großen, eins auf den Kleinen.

„Mama, ich hab Hunger.“

Der Kleine kommt angerannt, nimmt sich Waffeln und Wasser, haut wieder ab. Der Große krabbelt los.

„Nix da, hier geblieben!“

Ein Auge auf den Großen, ein Auge auf den Kleinen.

Da kommt der Schwan mit seinen Kindern.

„Komm mal lieber aus dem Wasser raus!“

Mit Tieren haben wir es nicht so, zudem weiß ich selbst aus leidvoller Erfahrung, wie Tiere reagieren, wenn sie ihren Nachwuchs schützen wollen. Als Kind wurde ich von so einem Vieh angegriffen, dass jetzt giftig und großkotzig den Schnabel aufreißt und die umliegenden Schwimmer ankeift.

Weg da, jetzt kommen wir. Swans First, humans second!

Der Kleine kommt zu mir, wir warten ab. Wohin soll die Reise gehen?

An Land sind die Schwäne nicht so schnell, wie auf dem Wasser. „Wenn es drauf ankommt, mach ich ihm einen Knoten in seinen langen Hals“, denke ich und stelle mich schützend vor meine Brut. Schwer beeindruckt von der beharrlichen Unbeeindruchbarkeit der Gruppe, beobachte ich, wie die Karawane an uns vorbei zieht.

Der Umzug wirkt wie eine Inszenierung der Eitelkeit, eine Machtdemonstration.

„Der Typ denkt wirklich, er wäre ein A-Promi“, denke ich. In aller Seelenruhe läuft die Crew Slalom, dicht vorbei an den umliegenden Picknickdecken, mit hocherhobenen Haupt lassen sie sich still feiern, dann nehmen sie Platz ohne die Menschen dabei aus den Augen zu lassen.

Während der Familienoberhauptvogel einen Erwachsenen nach dem anderen anstarrt, voller Wut und Verachtung vor dem, was wir aus dieser Welt gemacht haben, überlege ich, wohin das alles führen soll. Was ist dein Schachzug, Schwan? Was hast du vor? Willst du uns belagern? Uns mürbe machen? Ist das dein stiller Protest, ein Sit-in, eine Demonstration? Was sind deine Forderungen? Welche ethisch-moralischen Wertvorstellungen bestimmen dein Dasein?

Der Schwan starrt mich an. Ich starre zurück.

Wir starren uns gegenseitig an.

Ein Anstarrwettbewerb.

Dann schaut er verächtlich zur Seite.

Habe ich etwa gewonnen? Und wenn ja, warum schmeckt es nicht nach Sieg, sondern nach bitterer Niederlage?

Er erhebt sich von seinem Platz. Sein Nachwuchs tut es ihm gleich.

Die Parade zieht sich zurück, steuert auf den See zu, ohne sich noch einmal umzusehen. Wir sind es nicht würdig, das spüre ich tief in mir. Ein paar Schritte noch, dann gleiten sie reibungslos in den grünen See hinein und verschwinden im Schilf.

(15 Minuten später kehren sie mit dem zweiten Elternteil zurück und machen exakt das gleiche nochmal, siehe Beweisstück A)

[Gerade gelesen, dass genau heute das Wasser mit Sauerstoff angereichert werden soll, um die Algenbildung zu mindern. Sag ich doch, funktionierendes Ökosystem.]

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Von Zauberflöten und Bildnissen und Opern

 

Da sitzen wir also mitten in der sengenden Nachmittagssonne auf der Waldbühne und sehen uns „Die Zauberflöte“ an.
Für uns beide nicht das erste Mal: der Kleine hatte die Oper bereits vor einem halben Jahr gesehen, bei mir lag das Ganze ein wenig länger zurück, so um die zehn Jahre, Oper Frankfurt, natürlich nicht zu vergleichen mit der nordhessischen Provinz.
Zehn Jahre waren lange genug, um den Inhalt zu vergessen, natürlich mit Ausnahme der Arie der Königin der Nacht und dem papageiähnlichen Papageno.
Gespannt versuche ich der Geschichte zu folgen, was kein leichtes Unterfangen darstellt, wenn man vor Hitze gar nicht weiß, wo man zuerst hinschwitzen soll.
Die Menschen in den Kostümen tun mir schon ein bisschen leid.
Der Kleine aber erfreut sich an dem Schauspiel.

Ich versuchte also irgendwie am Ball zu bleiben, als dieser Jüngling sich in das Bildnis der Prinzessin verliebt.
Gott, ist das bescheuert, denke ich. Man kann sich doch nicht in ein Foto … Okay, natürlich kann man das. Vielleicht sogar besser als je zuvor. Internet sei dank, wir verlieben uns in Profilbilder und Worte. Natürlich kann man argumentieren, dass ein Foto sehr flach und eindimensional ist, auf der anderen Seite wäre es aber auch vermessen behaupten zu wollen, man kenne eine Person, nur weil man viel Zeit mir ihr verbracht hat. Dann wird dieses Bildnis mit Sicherheit vielschichtiger, aber es bleibt, was es ist: Ein Bild, das ich von einer Person habe.

Bei ‚I Love Dick‘ ist es ebenso.
Chris hatte diesen einen Abend, auf dem das Bild, was sie von Dick hat, beruht. Und dann baut sie alles um dieses Bildnis herum, teilt ihm ihre Gedanken auf telepathischem Weg mit, bezieht ihn in ihre Welt mit ein, ohne dass er davon weiß oder es auf irgendeine Art spüren kann. Es gibt keine magische Verbindung.
Das Lesen seiner selbst verfassten Bücher kann ihr vielleicht einen kleinen Einblick in seine Gedankenwelt ermöglichen, aber es bringt ihn ihr nicht näher. Durch die Interpretation seiner Worte verfestigt sich sogar das Bild, das sie von ihm hat, was ihm dann gar keine Luft mehr lässt anders zu sein, als so, wie sie es von ihm erwartet.
Durch den fehlenden Kontakt und die Unmöglichkeit auf ihre Gedanken zu antworten und einzugreifen, hebt sie ihn auf ein Podest, macht ihn zu etwas Übermenschlichem, etwas Göttlichem.
So etwas kennen wir von Stars und Sternchen, die sich uns im Fernsehen präsentieren und von denen wir glauben zu wissen, wie oder wer sie sind. Wir bauen eine Beziehung zu ihnen auf, ohne dass sie auch nur ahnen, dass es uns überhaupt gibt.
Chris konnte nicht anders als scheitern, in dem Moment, in dem sie durch den Vorhang trat. Bzw. in dem Moment, in dem Dick sie durchließ.
Es musste alles zerbrechen, denn Dick war kein Gott und all ihre selbstauferlegten Wahrheiten entpuppten sich als, was sie immer schon waren: Gebilde ihrer Fantasie.

Ich erinnere mich an meine Kindheit. Ich war fast immer verliebt.
Als erstes in eine Zeichentrickfigur. Speedy Gonzales, die schnellste Maus von Mexiko.
Wie bitter die Erkenntnis war, dass ich zwar Speedy lieben konnte, er mich aber niemals zurücklieben würde, weil er schlicht nicht existierte!
So bescheuert das klingt, so groß war die Enttäuschung.
Die folgenden Lieben waren realer, allerdings nur in dem Sinne, dass die Menschen tatsächlich existierten. Ich verliebte mich in Jungs, die mich nicht beachteten, was furchtbar einfach ist, wenn man sich klein fühlt und die Welt einem vorkommt wie ein übergroßes Zirkuszelt.
Ich liebte aus der Ferne, ich liebte die Jungs an der Bushaltestelle, die Jungs aus meiner Klasse, mit denen ich nie sprach, ich liebte den Nachbarjungen, wenn er Ball spielend durch die Straße lief, ich liebte die Jungs, die in der Schulband waren.
Einmal liebte ich auch ein Mädchen, aber nur, weil sie bei ‚Tanz der Vampire‘ den Alfred gespielt hatte. Trotzdem, als sie mit einem Mal im Waschraum der Mädchen stand, bebte mein Herz bis zum Anschlag.

Es ist dieses Bild, die Erscheinung, die Oberflächlichkeit, die dann weiter gesponnen und interpretiert wird. Das Hirn versucht das Bild zu vervollständigen. Und es ist immer perfekt. Solange, bis man sich dem Objekt der Begierde nähert.
Als ob das Bild zerbricht, sobald man es berührt.
Berührung kann eine Chance sein. Eine neue Ebene. Andererseits kann sie auch alles zerstören.

Vielleicht erkennt unser Jüngling also, dass er sich geirrt hat, sobald er dem Bildnis in der Realität begegnet.

Fahret fort, denke ich, aber das Stück ist sowieso in vollem Gange.

Irgendwie zieht es sich. So wahnsinnig toll ist die Story jetzt nicht. Der Opern-Anteil ist eh auf ein Minimum reduziert. Die Arie der Königin der Nacht ist natürlich dabei, die, die wir alle kennen, wo sie so ganz nach oben mit der Stimme und so.
Vielleicht ist diese Opern-Sache auch nicht mein Ding.
‚La Bohème‘ hatte ich gesehen, auch in Frankfurt. Auf Italienisch natürlich.
Mit deutschen Untertiteln beziehungsweise Obertiteln, wenn man es genau nehmen möchte.
Ja, was soll ich sagen. Aus mir wird wohl nie ein Teil der Hochkultur.
Vielleicht darf man sich auch nicht so naiv in eine Oper stürzen, vielleicht muss man vorher erklärt bekommen, was man daran gutzufinden hat. Pädagogisch aufbereitet natürlich.

Der Abels, der eigentlich Professor Doktor ist, der konnte sowas. Der kam in den Raum und hat uns Opernaufnahmen vorgespielt.
„Und jetzt schließt die Augen und stellt euch vor, ihr wärt mitten drin.“
Wir schlossen die Augen und folgten ihm in seine Welt.
„Da – an dieser Stelle“, sagte er dann oder „Hier, achtet mal genau …“
Die Begeisterung eines kleinen Jungen, der gerade eine erstaunliche Entdeckung gemacht hat. Mit dem Unterschied, dass Abels Anfang 50 war und seit Jahrzehnten als Dramaturg arbeitete. Vermutlich war es eben diese Leidenschaft, dieses Brennen, das ihm die Stelle als Chefdramaturg an der Oper Frankfurt eingebracht hatte.
Am besten erinnere ich mich an Purcells ‚Dido and Aeneas‘. Abels spielte uns ‚When I am laid in earth‘ vor. Und wie üblich schlossen wir unsere Augen und warteten auf das ‚Remember me‘, das er uns angekündigt hatte und dann kam es mit so einer Wucht, dass es einem die Tränen in die Augen trieb.

 
Remember me. Erinnere dich an mich. Vergiss mich nicht.
Die ganze Arie ist so ungeheuer schwermütig und intensiv …
Abels wusste, wo er uns packen musste.
Und es war kein Wunder, dass wir am Ende des Kurses alle auf unseren Tischen standen, um unserem Captain zu huldigen.

Die Zauberflöte nähert sich dem Ende. Zum Glück, ich zerfließe hier in der Hitze. Wenigstens habe ich meine Wasserflasche dabei.
Eigentlich sind Musicals eher mein Ding.
Die Texte sind verständlicher, die Musik moderner. Tatsächlich waren unsere Schulaufführungen immer der Hammer. ‚Tanz der Vampire‘ zum Beispiel. Großartig.
Oder ‚Haltestelle. Geister‘ von Helmut Krausser, tituliert als ‚Trash- Oper‘, aber eigentlich war es ein Theaterstück, das mit Musik gefüllt werden konnte, so als kurze Zwischensequenz. Unsere Band zum Beispiel, spielte ‚Suddenly I see‘ von KT Tunstall.

Die Zauberflöte ist zu Ende. Am gleichen Abend noch, mache ich mich an ‚Haltestelle. Geister‘. Vor einem Monat erst, ist mir der Band ‚Theater Theater 11 – Aktuelle Stücke‘ in die Hände gefallen, nachdem ich ihn drei Jahre lang vergeblich gesucht hatte.
Ich stelle fest, dass ‚Haltestelle.Geister‘ mich noch immer umhaut. Alles drin, was ein gutes Stück braucht: Drogen, SM, Internetliebe, Tod.

Ich erinnere mich, dass unser Lehrer in der Stunde nach der Aufführung fragte, wie uns das Stück gefallen hätte. Um nicht aufzufallen, blieb ich möglichst passiv, erklärte lediglich, dass es mir gefallen hätte und ich den anderen Kommentaren beipflichten würde. Wie konnte ich sagen, dass gerade das SM-Pärchen mit den zum Kreischen absurd-bissigen Dialogen einen tiefen Eindruck hinterlassen hatte?!
(Glücklicherweise können Menschen sich doch noch ändern.)

Beim erneuten Lesen fällt mir auf, wie sehr Krausser ’99 seiner Zeit voraus war. Das Stück hat nicht an Aktualität verloren, gerade wenn man an das Thema Internetdating denkt. Ein Mann und eine Frau die sich in einem anonymen Hotelzimmer treffen wollen, um Sex zu haben, das Zimmer verdunkelt, falls man sich gegenseitig nicht gefiele. Das könnte ebenso gut 2018 spielen.
Wie gern würde ich dieses Stück noch einmal inszeniert sehen …