Ende Gelände

2018 geht zu Ende, Zeit für einen Rückblick.

Keiner ist gestorben, das stell ich mal auf die Haben-Seite.
Na gut, vermutlich sind doch irgendwo Menschen gestorben, aber wenigstens niemand aus meiner Familie.
Katastrophen gab es dennoch: die beinahe geflogene Zunge vom Großen, der gebrochene Fuß von seinem Vater und dann noch der Pflegedienst, der uns so plötzlich im Stich gelassen hat.
Dafür war auch Zeit für Neues: Das persönliche Budget wurde realisiert,
eigene Fachkräfte angestellt. Wie gut sich das anfühlt es selbst in der Hand zu haben, wer kommt und wer nicht!
Nach fast fünf Monaten hat sich alles eingependelt, die nächste Hürde wird die erste Prüfung im Februar.

Mein neuer Minijob tut mir gut, das Team fühlt sich an wie eine Familie, heimelig, humorvoll, rücksichtsvoll, ein bisschen Banane. Der Stundenlohn ist gut und ich mache etwas Sinnvolles, soziales Engagement. Was will man mehr?

Mein neues Auto bringt mich sicher von A nach B.

Was habe ich 2019 vor?

Mehr schreiben, mehr lesen, ein neuer Blog.
Letzteres spukt schon seit Jahren in meinem Kopf und ich werfe am Fließband Konzepte über den Haufen, eben weil ich mich so gut kenne, meine Launen, mein mangelnder Ehrgeiz und das Unvermögen mich auf ein Thema zu beschränken. Aber vielleicht kriege ich es dieses Mal hin.
Jedenfalls möchte ich mehr über Sprache lernen und experimentieren.

Ein Umzug wäre nicht schlecht, aber dafür bräuchte es mehr Einkommen.
Vermutlich eher 2020, klingt auch besser.

Außerdem würde ich gerne an einer offenen Lesebühne teilnehmen.
So mit echten Menschen im Publikum.
Das will ich eigentlich schon seit Jahren, vielleicht schaffe ich dieses Mal den Sprung.

Mit diesem Post verabschiede ich mich bis Februar in eine kleine Winterpause, damit ich anderen Projekten nachgehen kann.
Ab Februar wird es dann wieder gewohnt unregelmäßig 😉

Kommt gut rein und böllert nicht zu viel,
bis nächstes Jahr
eure Maria Mittwoch

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Ruf du doch an!

Meine Güte, Steffie…bist du das???
Ruf mal durch, wenn du Laune hast!!

0170 123…

Dein Schweigen zieht die Interpreationsmöglichkeiten an wie ein schwarzes Loch.
Als ob ich dein Wanken spüren könnte. Interesse? Desinteresse?

Hey, Freaky,
was hältst du davon, wenn wir uns nächste Woche mal treffen, Café oder so?
Wir könnten uns gegenseitig unsere Gefühle vortanzen
oder einen pädagogischen Gesprächskreis veranstalten
und über unser Scheitern reden.
Wird bestimmt lustig.

Ich bestehe aus zwei Komponenten. Wie Zwei-Komponenten-Kleber:
die eine Seite ist mein Verstand, die andere mein Mund.
Wenn mein Mund redet, schaltet sich der Kopf aus.
Das ist hinderlich, weil mir dann die richtigen Wörter entfallen
und die Grammatik auseinander bricht.
Syntax, was ist das?
Die Wörter taumeln über meine Zunge, schwer, wie vom Rotwein gezeichnet plumpsen sie heraus,
ungelenk wie ein Elefant im Ballettunterricht.
Dafür braucht es nicht mal einen Tropfen Alkohol.
Und es ist nicht nur die Sprache, die krankt, auch der Inhalt lahmt.
Ich kann nicht denken, wenn mir jemand zuguckt.
Zumindest: Jemand Fremdes.

 

Wenn ich das Fass also öffne und dir schreibe, als wäre ich kreativ und inspiriert und wüsste, wie man die Wörter richtig aneinanderreiht ohne wie ein Vollidiot dazustehen, wie würdest du reagieren, wenn dieser Teil mit einem Mal wegfiele und sich die Wörter in meinem Mund überschlagen und stolpern, was mich dann selbst ärgert und dazu verleitet stiller zu werden, was dich wiederum langweilen würde, so wie es mich an deiner Stelle genauso langweilen würde.

 

Hast du auch manchmal das Gefühl, alles ist eine einzige Wiederholung?
Du triffst jemanden und er ist okay, er ist nett, man versteht sich, man hat eine gute Konversation und der Sex ist in Ordnung, aber nichts davon berührt dich wirklich. Im Grunde ist es das gleiche wie bei dem Date davor, dem Date davor und dem davor auch; eigentlich wiederholt sich alles immer und immer wieder, wie ein durchschnittlicher Sendetag im Privatfernsehen, ein Perpetuum mobile des Grauens, und es gibt nichts, das du nicht irgendwo irgendwann schon mal gesehen oder gehört hättest…

 

Ich denke, du inszenierst dich.
Nicht, dass mich das stören würde.
Tun das nicht sowieso alle?
Gerade im Internet, hier kann doch jeder sein, wie er möchte,
wie er sich gerne sehen würde.
Auf der Bühne, vor den Augen der Zuschauer,
das ist schon eine andere Hausnummer.
Bukowski zum Beispiel.
Wie der sich inszenieren konnte.
Hat dem Publikum das gegeben, was es verlangte. Hat es angefeuert,
es bekräftigt in ihm das zu sehen, was es ohnehin in ihm gesehen hat.
Alle Erwartungen vollends erfüllt.
Wann ist eigentlich der Punkt, an den man wirklich zu der Person wird,
die man gerade spielt?

 

Warum eigentlich telefonieren?
Klar, ich verstehe die Logik dahinter: Fake-Check,
unbeantwortete Fragen, die Klangfarbe der Stimme…
Aber das ist lahm, warum nicht gleich das ganze Paket mit Mimik, Gestik, Ästhetik?

 

Wir könnten unser Treffen inszenieren.
Zum Beispiel in einem Kino.
Ich nähme einen Platz an unbeliebter Stelle, irgendwo am Rand des Saals,
in einem Film, für den sich niemand wirklich interessiert.
Ich wäre schon dort, wenn du kämst.
Du könntest dich neben mich setzen, wir würden uns kurz betrachten
und dann dem Film folgen.
Das gäbe uns die Möglichkeit, uns aneinander zu gewöhnen.
Oder du setzt dich ein paar Plätze weiter,
beobachtest mich und entscheidest dann, wie du vorgehen möchtest.
Wir könnten stumm nebeneinander sitzen, die Augen auf die Leinwand gerichtet,
und irgendwann würde ich meinen Kopf gegen deine Schulter lehnen.
Und nach dem Film würde jeder seiner Wege gehen.
Gerade WENN wir uns sympathisch wären, wäre diese Wendung ideal,
weil sie mit den Erwartungen bricht.
Und wenn du nicht kämst, wäre das egal – in einem Kino versetzt zu werden
ist weniger erniedrigend, als in einem Restaurant, beispielsweise.
Wie peinlich, wenn man einen Tisch für zwei reserviert und am Ende alleine dasitzt;
zerrissen zwischen Hoffen und Bangen verschickt man verzweifelte Nachrichten
während die Bedienung einem Mitleid bekundende Blicke zuwirft,
solange, bis man irgendwann kapituliert und die Rechnung zahlt.
Da ist es im Kino weit weniger demütigend. Im Kino ist es okay,
wenn du alleine kommst und alleine wieder gehst.
Im Kino ist man nicht auf Konversation angewiesen,
Kino kann lässt prima alleine bewältigen, Mund zu, Augen geradeaus.

 

Wie wäre ein Date ohne verbale Kommunikation?
Das Kino wäre so eine Möglichkeit, aber was gibt es noch?
Wie würde das aussehen, wenn wir allein mit Körpersprache kommunizieren müssten?
Vermutlich wäre es ziemlich ernüchternd.
Auch wenn das Wort immer wieder Anlass für Missverständnis bietet,
so würde ohne zu viel fehlen.
Vielleicht sind es doch nicht nur die Handlungen, die zeigen, wie wir wirklich sind,
vielleicht gehört auch das Wort dazu, auch wenn es taumelnd über die Zunge kommt.

„Ich, du, wir, er, sie – müssen alle in Therapie“

Was stimmt eigentlich nicht mit mir?
Ich liege auf dem Sofa, Kopf auf der Sitzfläche, Beine über die Polster geschwungen.
Neue Positionen erlauben neue Denkweisen.

Er war nett, richtiggehend bemüht.
Kein Otto, keine Tricks, kein doppelter Boden.
Es ist offensichtlich, dass ich ein Problem habe.
Ich will gar nicht einfach, aber vielleicht sollte ich einfach „wollen“.
Gut, was ist schon einfach?

Ich meine: Männer, von denen ich ausgehe, sie wären gut. Für mich. Oder für andere.
Interessieren mich nicht.
Eher so: Selbstdarsteller, Narzissten, Egozentriker. Zumindest in Teilen.
Das Badboy-Snydrom also.
Ja, kennen wir Frauen ja eigentlich.
Aber: Was kann man dagegen tun?
Wie kann ich normal werden?

Ich überlege es aufzugeben. Oder zumindest zu pausieren.
Bevor ich mir einen Psychopathen anlache,
kann ich auch so weitermachen.
Ist ja nicht so, dass ich nicht ausgelastet wäre: Die Kids mit ihren dauernden Krankheiten, meine Arbeit mit der Autistin, die Schreiberei …

Ich nehme mein Tablet, fliege über die letzte nichtssagende Anfrage.
Benutze die Suchfunktion, klicke mich durch das Dickicht an Männerbärten und Milchgesichtern bis ich auf dem Profil hängen bleibe, das ich mir die letzten Wochen schon so oft angesehen habe.

Dieses Profil ist anders.
Nicht so sympathisch. Wenn man es recht bedenkt, sogar das genaue Gegenteil.
Kurzbeschreibung: Ich bin 1,10 m klein, humorlos, menschenscheu und dumm wie Brot. An Wochenenden unternehme ich schon aus Prinzip nichts und wenn die Sonne scheint, bleibe ich am liebsten im Keller.“
Beantwortete Fragen:
Was bedeutet für Sie emotionale Intelligenz: Ihr den Abwasch ans Bett zu bringen
„Ich mag: Einen ordentlichen Haushalt
Ich mag nicht: Wenn ich sie dauernd daran erinnern muss.
Was ist das „Gewisse Etwas, das sie haben muss? Starke Nerven …

Tatsächlich sind die folgenden Antworten auf die vorgegebenen Fragen weit weniger antifeministisch (Schublade auf), aber nicht weniger kreativ und einfallsreich.
Mir gefällt dieser bescheuerte Humor.
Jedenfalls hoffe ich, dass es Humor ist und nicht einfach das Gerede eines Soziopathen.

Dieses Profil jedenfalls, führt Profiltexte ad absurdum.
Anstatt sich, wie üblich auf solchen Kanälen, möglichst authentisch zu inszenieren, verweigert er sich dieser Form der Darstellung.
Das einzige, was hier wirklich spürbar wird, ist der Hang zur Kreativität und ein kräftiger Sinn für Humor, alles dahinter ist reine Interpretation.

Scheiße, mir gefällt das.
Aber schreit hier nicht alles: „Ich bin ein Narzisst.
Schreib mich an und ich werde dich mitnehmen in mein finsteres Reich der Verdammnis!“?
Wäre das nicht so, als würde ich den Teufel selbst einladen?
Auf der anderen Seite: Ein bisschen Unterhaltung wäre nicht schlecht.
Und es ist mühselig andauernd Psychogramme erstellen zu wollen auf Grundlage weniger, vor die Füße geworfener Wortbrocken.

Also: Anschreiben?
Oder nicht?
Wo ich gerade zum 100. Mal auf diesem Profil bin…
Soll ich’s wirklich machen oder lass ich’s lieber sein?

Selbst wenn ich ihn anschreiben wollte, könnte ich das unmöglich mit einem einfachen „Hallo“.
Das ganze müsste wohldurchdacht sein, ausgeklügelt konstruiert, kreativ und einzigartig.
Ein tiefer Seufzer, dann klappe ich die Hülle meines Tablets zu, klack. Der Kopf wird gerade gerückt, die ungewohnte Perspektive verlassen, raus auf dem Eskapismus, rein in die reale Welt.

24 Stunden später befindet sich seine Nachricht in meinem Postfach.

Weihnachten

Meine Lieben, es ist wieder so weit:
Der kapitalistischste aller Feiertage ist da, samt Rauschebart und Rute für alle, die nicht ihr letztes Hemd gegeben haben, um die Wirtschaft ordentlich anzukurbeln.
Ha!

Aber vielleicht geht’s Weihnachten ja eigentlich um was anderes.
Um was, muss jeder mit sich selbst ausmachen.

Ich mag den Gedanken zu schenken, zu teilen, zu geben und zu bekommen.
Generell, das ganze Jahr lang, ohne Zwang im Nacken.
Aber vielleicht ist es trotzdem gut diese drei Tage zu haben, damit man sich erinnert.
Daran, wie es ist zu teilen, zu geben, zu schenken.
Oder daran, wie man selbst mit kindlicher Ungeduld darauf wartete, dass es draußen dunkel wird und die Geschenke endlich unter dem Baum liegen, mit einem Mal, als wär’s ein Zaubertrick. Die nagende Ungewissheit, ob man das bekommt, was man sich am sehnlichsten zu wünschen glaubt.

Natürlich bin ich der Meinung, man sollte sein Herz nicht an Gegenstände hängen. Man sollte auch lernen zufrieden zu sein mit dem, was man hat. Aber einem Kind etwas zu schenken, wovon es seit Monaten spricht und dann den Glanz in seinen Augen zu sehen, wenn es das Spielzeug endlich in Händen hält, das ist wunderschön.

Ich erinnere mich gern an das wohlige Gefühl von Familie und Heimat, dass ich jetzt wieder erleben darf. Rituale, die sich wandeln. Menschen, die heute fehlen.
Die Zeit verändert alles, also lieber die guten genießen.

Ich wünsche euch alen ein frohes und besinnliches Fest!
Versucht zu geben und zu schenken, wo es geht, Zeit mit Menschen zu verbringen, die ihr liebt – und wenn ihr das ganze Jahr zu kurz gekommen seid, dann vergesst euch selbst nicht. Belohnt euch mit Stille und einem Glas Rotwein unterm Weihnachtsbaum oder gönnt euch einen Tag in der Sauna, haltet inne und verschenkt Liebe zu wem auch immer.

Ich bedanke mich bei allen Lesern, die sich durch meine Texte quälen und ganz besonders bei allen, die selber ihre Geschichte/n und Gedanken mit uns teilen.

P.S.: Wer’s noch nicht kennt und den gleichen bescheuerten Humor hat, sollte sich mal die Weihnachtsgeschichte von Jan Böhmermann anschauen 🙂

Böhmermanns perfekte Weihnachten

Flucht-Reflex

Es war okay.
Er war okay.

Letzten Endes war er dann doch ganz anders, als ich mir einen Mann vorgestellt hatte, der gerne jagt und für Ende Dreißig einen furchtbar deutschen Namen trägt – so furchtbar, dass man das Drama seiner Kindheit förmlich vor sich sehen konnte.
Er war nett. Er war sympathisch.
Man konnte sich gut mit ihm unterhalten, ein Wort ergab das andere und in keinem Moment wirkte unser Gespräch in irgendeiner Art und Weise erzwungen.
Nun ja, was die Auswahl der Lokalität betraf, hätte ich besser einen anderen Ort gewählt, aber wer hätte schon ahnen können, dass an einem normalen Arbeitstag gegen 9 bereits sämtliche Tische mit Menschen jenseits des erwerbsfähigen Alters besetzt sein würden?

So blieb uns nur der schmale Tisch neben der Garderobe. Direkt neben der Kaffeemaschine,
die in regelmäßigen Abständen laut kreischend ihre Bohnen zermahl und dabei die Geräuschkulisse eines startenden Jumbojets produzierte.
„Was hast du gerade gesagt?“
Ich strich meine Haare hinters Ohr, den Kopf in seine Richtung gebeugt.
„Ich habe mich gefragt, warum die Leute hinter uns sich gegenseitig anbrüllen. Haben die schon mal was von Hörgeräten gehört?“
„Wie denn, wenn sie nix hören?!“

Zwischen schreienden Senioren (und Seniorinnen, für die Feministen unter uns) und der lärmbelästigenden Kaffeemaschine erzählte er mir also von seiner Vergangenheit, seinen Jobs und der Jagd. Als ausgebildeter Jäger ginge es nicht banal darum, wahllos Tiere zu töten, sondern sich den Regeln der Nachhaltigkeit unterzuordnen, Futterstellen anzulegen, den Wald sauber zu halten und das Ökosystem zu bewahren. Tiere sollten nicht zum Spaß getötet werden, sondern einen Nutzen bringen und möglichst komplett verwertet werden, zudem soll das Töten möglichst präzise und schmerzfrei erfolgen.
Viele Tiere wüssten gar nicht mal, dass sie getroffen wurden, gingen noch ein paar Schritte und fielen dann tot um.
Man muss kein Experte sein um festzustellen, dass dieser Umgang mit Tieren sich weitaus ethischer verhält als das, was dem abgepackten Fleisch in unserem Supermärkten widerfahren ist.

Ich verstand, wenngleich ich das Angebot mit auf die Jagd zu gehen fürs Erste auszuschlagen gedachte.

Ein anderes Thema war die Grundsteuer.
„Du musst eine Steuer zahlen für etwas, das du besitzt. Du hast es rechtmäßig erworben, es ist deins. Aber wenn du die Steuern nicht zahlen kannst, wird es dir weggenommen.“
Eigentlich war ich immer ein Freund vom Satz: „Eigentum verpflichtet.“
Die Idee, die Allgemeinheit müsse einen Nutzen vom Eigentum anderer haben, gefiel mir.
Aber ist das noch gerecht, wenn man selbst dadurch in eine finanzielle Schieflage gerät und sich die Steuern auf das eigene Haus nicht mehr leisten kann?
Und was ist mit Millionengräbern wie der Elbphilharmonie, die zum großen Teil durch Steuergelder finanziert wurde. Können wirklich alle behaupten, von diesem Gebäude zu profitieren?

„Wollen wir zu mir? Ich bin kurz vorm Gehörsturz.“
Wir zahlten, das heißt er zahlte, Autofahrt, Parkplatz, Corsa-Vergleich. 25 Jahre liegen zwischen unseren Personenkraftwagen. Amtlich!

Kaffee oder Tee? Tee.
Verhänge zu, wir näherten uns an und schließlich klebte sein Schweiß auf meiner Haut.

Er fand mich toll, ganz anders als die anderen, er fühlte sich geborgen, nicht so ex und hopp und ich wäre einfühlsam und dann bekam ich noch ein paar anderen Komplimente aufgedrückt, bevor er mich fragte, ob wir uns wiedersehen.
Diese Frage, wie ich sie hasse.

„Ich weiß nicht“, fing ich also an, „Wir können uns gerne mal wieder treffen, ich habe allerdings wenig Zeit, du weißt, die Kinder und so, es ist ja immer was und außerdem: Ich bin noch am Sondieren, möchte gerne noch den einen oder anderen kennen lernen.“
Er nickt, denkt nach, bedankt sich für die Ehrlichkeit.
„Dann werde ich mich die nächsten Wochen zurück halten“, sagt er. Und dann wird sein Gesicht traurig, weil er eigentlich gern eine wie mich zur Freundin haben möchte und dann fällt ihm ein, was wir alles gemeinsam unternehmen könnten und es wäre kein Problem, wenn ich die Kinder mitbrächte, ich solle nur ein paar Tage vorher Bescheid geben, wenn ich Lust auf Theme hätte, zum Beispiel, er nimmt dann einen Tag Urlaub.
Und während die Worte aus seinem Mund stürzen, überlege ich, ob es unangemessen wäre mit den Worten „Ich geh‘ mal kurz Zigaretten holen“ aus meiner eigenen Wohnung zu verschwinden, um mit dem neuen Corsa so weit wegzufahren, wie der Tank hergibt, das Gaspedal bis zum Anschlag in den Boden der Karosserie gedrückt, nur weg von hier, in meinem Gedanken liebäugle ich schon damit, nach Afrika auszuwandern, als er plötzlich fertig ist, mir einen Kuss auf die Wange drückt und mit einem „Melde dich einfach, wann es dir passt!“ meine Haustür passiert.

Er war ganz okay, eigentlich.

Profil-Neurose

„Ich will einfach nur ’n lockeres Leben.“

Hat er gesagt. Echt jetzt.
„Ganz easy. Spaß haben und so.“
Hmmm.
Das war noch vor dem Satz mit dem Knabbern (Wer sagt sowas heute noch?) und ja, nachdem er mit mehreren Zaunpfählen um sich geworfen hat, wäre auch der Letzten aufgefallen, dass er nicht gerade nach einer festen Beziehung sucht, aber: „lockeres Leben“?

Als ob man sich sowas aussuchen könnte.

Wenn ich Singer/Songwriter wäre, würde ich nicht so verschwurbeltes Zeug von mir geben.
Ist nicht mein Ding.
Aber immerhin weiß ich jetzt, wie Mark Forster aussieht.

Meine Setlist:

1. Schade, du bist auf Instagram
2. Lockeres Leben ist nicht mein Ding
3. Du postest Videos von deinem Milchkaffee (Baby)
4. Ich wünschte, du wärst smart
5. Knabbern verboten

Nebenbei entwickle ich mit dem Kleinen Weihnachtsgedichte

Lieber guter Weihnachtsmann
zieh dir mal ’ne Hose an

(weiter sind wir noch nicht, Work in progress)

Vor drei Jahren

 
Drei Jahre sind vergangen. Es kommt mir fast vor, wie eine andere Welt.
Damals war das Leben auf eigenen Beinen neu,
als ob man nochmal laufen lernt.
Freiheiten, die ausgekostet werden wollten.
Die eigene Wohnung. Mühsam hergerichtet.
Der versuch finanziell Fuß zu fassen.
Und dann kamst du in mein Leben.

Die Achterbahnfahrten brachten mich an Orte, von denen ich niemals geglaubt hätte, dass sie für mich existieren.
Wie der Augenblick, als ich dir die Weihnachtskarte vorlas und so überwältigt war von meiner Zuneigung für dich, das mir die Tränen liefen und der Atem stockte und dann sah ich in dein Gesicht und es ging dir nicht anders. Verbunden, in diesem einen Augenblick, der sich so tief in mein Gedächtnis drängte, dass ich ihn niemals vergessen werde.
Stillstand, Stillleben, Liebe.

Silvester, das Hotelzimmer, du zogst meinen Körper ganz nah an deinen heran, eng umschlungen, um mit mir zu tanzen, dein Mund an meinem Ohr, das leise Wispern von „The way you look tonight“, der Moment, in dem ich alle Zweifel vergaß und mich fallen ließ.
Fast.
Doch auf der Achterbahn geht es nicht nur bergauf und die Tiefen waren endlos und schwarz wie die Nacht und am Ende wurde es dann doch zu der sich selbst erfüllenden Prophezeihung.

Ich habe nicht dich gehasst. Ich habe das gehasst, was mit uns passiert ist, immer wieder und wieder.
Das ist der Grund, warum ich dich nicht wiedersehen wollte.

Die verletzten Gefühle, die Angst davor, mich wieder so zu verlieren.
Die Zeit macht nicht ungeschehen, aber die Zeit heilt.