Doppelter Spuckkraftverstärker, vorn

Er ist zurück.
Mit doppelter Speichelkraft. Jeder hat ein Talent und er presst den Sabber schneller zwischen seine Lippen hindurch als Lucky Luke auf seinen Schatten schießen kann (schon wieder ein Lucky-Luke-Vergleich?!)

A wie
Ablagefach in den Türen
Adaptives Bremslicht
Antiblockiersystem mit Scheibenbremsen (mit B, nicht mit D), vorn und Trommelbremsen, hinten
Auskuppelnde Sicherheitspedale PRS

„Unter diesen Umständen ist eine Teambesprechung wohl unabdingbar!“

Wir können heute gehen, hat die Ärztin gesagt. Sie muss nur noch den Brief fertig machen.
Das war vor drei Stunden.
Nein, vor vier, halt: vor fünf.
Die Sachen sind im Auto und wir laufen durch die Gänge, immer im Kreis, immer im Kreis.

B wie
Beheizbares Lederlenkrad und Sitzheizung, Fahrer und Beifahrer
Beifahrer-Haltegriff
Beifahrersitz, 2-fach einstellbar (Länge)
Berg-Anfahr-Assistent
Bordcomputer
B-Säule in schwarz

Kaum findet man die Zeit, eine vernünftige Tabelle mit den gewünschten Urlaubszeiten der Mitarbeiter anzufertigen, ist Polen offen.
Die eine hat ihren Urlaub frühzeitig angekündigt, die andere hat schulpflichtige Kinder und pocht auf die Ferien.
Ich rudere zurück, zwei Mitarbeiter sollten die zwei Wochen ohne die beiden schon irgendwie schaffen.

C wie
City-Modus

Scheiße, ich muss gleich los. Unbedingt.
F. nach Hause bringen, das Auto entladen, alles muss raus raus raus, zu meiner Wohnung fahren,
Sommerreifen vom Dachboden holen und in den Corsa werfen…

Gott, wie mich das ankotzt! Bin ich hier der Depp vom Dienst?
Ich krieg für diesen ganzen Scheiß hier nicht einen Euro!
Monatspläne schreiben, die Dokumentation der täglichen Arbeitszeit überprüfen bevor ich sie zum Steuerbüro schicke, die Pflegedokumentation aktualisieren, neu ausdrucken, das Arbeitszeitkonto auf dem neusten Stand halten, mir Gedanken machen über die Abrechnung der Fahrtzeit zum Krankenhaus…

D wie
Dekor (Türverkleidung) High Gloss Black
Dekor in Armaturentafel in Klavierlack Schwarz

„Ich habe wirklich nur noch 10 Minuten, sonst muss der Brief mit der Post …“
– „10 Minuten? Das schaff ich noch!“

Ernsthaft Leute! Ich hab sowas von keinen Bock mehr!
Und was soll das Geschachere, wenn sie sagt, sie kann mittwochs nicht, dann kann sie mittwochs nicht. Ich hab gefragt, ich hab euch alle gefragt, verdammt nochmal!!

E wie
Elektronische Bremskraftverteilung
Elektronisches Stabilitätsprogramm Plus inkl. Traktionskontrolle mit Motor- und Bremsei (?)

15 Minuten später.
– „So, Nachkontrolle in vier Wochen.“
„Und das Mittel, das den Speichelfluss hemmt, ist jetzt ganz abgesetzt?“
– „Vorsichtshalber. Solche Medikamente können immer auch Lungenentzündung machen.“
„Sahen die Kollegen auf der Intensiv anders. Wäre unwahrscheinlich wegen zu geringer Dosis.“
– „Wir gehen einfach auf Nummer sicher.“
(Im Arztbrief wird stehen: Das Medikament wurde wegen Unwirksamkeit abgesetzt.)

ICH werde bei der Teambesprechung ganz sicher nicht euer Buhmann sein.
Das macht mal schön unter euch aus!
Wir können das auch so machen, dass Urlaubswünsche grundsätzlich nur auf Teambesprechungen eingereicht werden. Und dann können wir diskutieren, bis die Schädel explodieren.
Aber ich geh so lange raus, damit ich mir den Wahnsinn nicht anhören muss.

F wie
Fahrerinfodisplay, groß
Fensterheber, elektrisch, Beifahrerseite
Fensterheber, elektrisch, vorn, Tippfunktion und Einklemmschutz
Fensterzierleiste, seitlich umlaufend, in schwarz
Front- und Seitenairbags, vorn, sowie Kopfairbags, vorn und hinten außen
Frontairbag, Beifahrer, manuell deaktivierbar
Fußgängerschutz

„Entschuldigen Sie die Verspätung, war alles sehr knapp heute.“
„Kein Problem, der Wagen steht für Sie bereit. Wir erledigen nur noch den Papierkram.“
[…]
„Sobald ich das Geld für Ihren Wagen in der Hand halte, melde ich mich bei Ihnen.“
„Achso, ich dachte das machen wir …“
„Anfang nächste Woche melde ich mich.“
Meinem Kontostand hätte das Geld schon gut getan …

Ich wollte das NIE. Arbeitgeber sein, Leuten sagen, was sie zu tun und zu lassen haben, vermitteln und schlichten. Könnt ihr das nicht alleine?
Ihr seid doch alle erwachsen!

G wie
Geschwindigkeitsregler
Gurtkraftbegrenzer, vorn
Gurtwarner für nicht angelegte Gurte, vorn bzw. vorn und hinten außen

Das Handbuch ist ja so dick wie die Bibel.
Und das kann mein Auto alles?
W-LAN? Start/Stop? Einparkhilfe?

Ich gebs auf. Macht doch alle, was ihr wollt.
Ich geh schlafen.

H wie
Halogen-Scheinwerfer mit Tagfahrlicht
Heckklappengriff mit Sensorfeld
Hochschaltempfehlung

Achso, das mit dem Internet kostet extra.
Nee, das ist mir zu teuer.
Und Einparkhilfe heißt nur, das es piept, verstanden.
Mal gucken, ob das mit dem Start/Stop mal irgendwann hinhaut…

I wie
Innenraumbeleuchtung, vorn
Innenrückspiegel, abblendbar

Aber dieses Licht, wow …
Dieses Licht ist verdammt sichtbar.
Wer hätte gedacht, dass ich jemals bei Dunkelheit so gut sehen würde?!
Da fühlt man sich ja direkt … sicher!

K wie
Kindersicherung in den hinteren Türen, manuell

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Müde, einfach müde

 

Ich wache auf und bin müde.
Weil acht Stunden Schlaf nicht mehr reichen. Weil das alles an meinen Nerven zerrt und meine Energie langsam aufgebraucht ist.

Letzte Woche hatte ich sie noch: Die notwendige Energie.
Trotz dem, dass ich angeschlagen war und den großen eine fette Lungenentzündung erwischt hat.
Ich hatte sie auch noch, als wir ihn am Mittwoch ins Krankenhaus brachten und die Flüssigkeit in der Lunge entdeckt wurde, die ihm das Atmen so sehr erschwerte.
Auch die folgenden Tage hatte ich meine Energie, während ihm eine Drainage gelegt wurde, um die Flüssigkeit abfließen zu lassen.

Dann fing mein Auto an, in den Kurven ein Verhalten an den Tag zu legen, das Autos eigentlich nicht zeigen sollten. Jetzt ist also auch das noch am Kränkeln.
Aber nach 14 Jahren und knapp 260.000 km, sollte ich ihm den Gnadenschuss verpassen.
Nicht wenige meinten ich wäre bekloppt, weil ich in den letzten Jahren immer wieder ’nen Tausender versenkt habe, aber: Ein Tausender ist immer noch günstiger als ein neues Auto.

Heute sehe ich mir also einen jungen Gebrauchten an, ein Jahr hat er auf dem Buckel, Vorführwagen. Sogar mit Türen hinten, damit ich den Großen nicht immer auf die Rückbank wuchten muss. Luxus, sozusagen.
Was mir Bauchschmerzen macht ist der notwendige Kredit: 4.000 hab ich, knapp 13.000 soll er kosten. Ob ich als kreditwürdig gelte?

Neben dem Auto ein weiteres Sorgenkind: Der Kleine hustet sich seit Sonntag die Seele aus dem Leib. Sodass ich Montag, anstatt den Großen im Krankenhaus zu besuchen, mit dem Kleinen zum Arzt gegangen bin.
Nur ein Infekt, nichts schlimmes, inhalieren und viel Trinken.
Dienstag fühlte er sich besser, also ab in den Kindergarten, ich zur Arbeit, danach Krankenhaus, mein Exmann hat sich zwei Tage frei genommen, um bis zum Nachmittag beim Großen zu sein.
Mittwoch das gleiche Spiel.

Müde fahre ich die 35 km zum Krankenhaus und wieder zurück, hole um 21 Uhr den Kleinen ab, bringe ihn zu mir, mache Essen, falle ins Bett.

Auf der Arbeit bin ich unkonzentriert, muss mich selbst ermahnen, mehr aufzupassen.

Gestern Nachmittag die Zerreißprobe: Der Große soll verlegt werden, endlich auf eine normale Station. Wo ihn auch sein Bruder besuchen könnte, denn auf der Intensiv geht das nicht.
Doch wir warten und warten und warten auf den Anruf von Station, dass wir endlich hochkommen können und er kommt und kommt nicht.
Der Große grapscht nach meinem Handy, weil ihm langweilig ist und er seine Spielsachen immer aus dem Bett wirft und im Krankenhaus ist der Boden Lava.

Ich bin ideenlos, was ich mit ihm anstellen soll, also machen wir Selfies und ich beobachte, wie die Zeit langsam zerfließt wie geschmolzene Butter.
Unsere Pflegekräfte sind auf Abruf: Auf eine normale Station können wir sie mitnehmen, müssen wir eigentlich auch, denn nachts sind nur zwei Schwestern da, für die ganze Station.
Und der Große rupft sich seinen Katheter schneller als Lucky Luke schießen kann.

Es wird dunkel draußen und ich bin müde und lustlos, seit einer Woche ziehe ich diesen Scheiß durch und auch der Große zeigt mit beiden Händen Richtung Ausgang, mit großen Augen, fordernd, bestimmt.
Wenn ich könnte, dann würde ich, Großer!

18 Uhr, endlich.
Die Schwester hatte schon überlegt, ihn einfach hochzufahren, der Platz wird gebraucht. Wir blockieren hier alles und es gibt noch mehr Kinder, die Hilfe brauchen. Ohnehin hätte alles viel schneller gehen können, die Drainage hätte am Montag schon gezogen werden können,
der Große am Dienstag hoch kommen können, aber nichts hat sich bewegt.

Im Krankenhaus sein, ist so zäh wie drei Mal gekautes Kaugummi.

Die Ärztin oben ist zufrieden mit dem Großen, am nächsten Tag könne der ZVK (zentrale Venen-Katheter) ab und um 20 Uhr sind auch unsere Pflegeengel vor Ort und übernehmen ihn.

Donnerstag:
Neuer Tag, neuer Arzt: Der Große brauche noch die Antibiose, also könne der ZVK natürlich nicht gezogen werden, die Restflüssigkeit müsse beobachtet werden und überhaupt, diese Blutdruckabfälle im Schlaf, sind die abgeklärt worden?

Die hat er schon seit Jahren. Auf der Intensiv auch. Ist alles bekannt., erwidere ich müde und mir kommt der Verdacht, dass die auf der Intensiv prophezeite Entlassung für Freitag oder Samstag gerade in weite Ferne rückt.

Noch immer hängt der Große also an viel zu vielen Kabeln und Schläuchen, noch immer muss ich ihn stoppen, wenn er auch nur in den Vierfüßler geht, damit er sich nicht aus Versehen irgendetwas zieht (obwohl das am Ende einiges beschleunigen würde).

Den Anruf vom Kindergarten sehe ich zu spät, ein Rückruf:
Der Kleine hustet so, ob ich ihn nicht abholen könne.
Ich rede mit den Schwestern, eine Schülerin bleibt beim Großen, bis sein Vater am Nachmittag kommt.
Ich fahre die 35 km und sammle den Kleinen an.

Was machen wir morgen? Das Hustenkind mit ins Krankenhaus nehmen? Das Hustenkind dem Kindergarten noch einmal aufbürden?

Einen Tag später:

Unglaublich, die Vorab-Abfrage bei der Bank war positiv, offensichtlich habe ich mir umsonst so viele Gedanken gemacht.
Nicht, dass ich die Sorge gehabt hätte, den Kredit nicht abbezahlen zu können – ich zahle wenig Miete und lebe relativ sparsam – aber irgendwie bin ich davon ausgegangen, sowas bekommen nur wohlhabendere Menschen, Ingenieure, Immobilienbesitzer oder so …

Ich weiß, dass die Banken sich die Raten gut bezahlen lassen, trotzdem bin ich irgendwie gerührt, eine Chance zu bekommen …
Hey, ich bekomme ein Auto, das hinten Türen hat! Und Sitzheizung und sogar Lenkradheizung!

Ich glaub das erst, wenn ich den Wagen nächste Woche Freitag vom Händler abhole.

Weniger erbaulich:
Schüttelfrost, Fieber, von jetzt auf gleich ist der Kleine im Eimer.
Der Große muss heute Vormittag alleine klar kommen.
Mein Exmann informiert mich, dass vor Montag nichts passieren wird. Entlassung im besten Falle Dienstag.

Es kotzt mich an.

Nützliche Lifehacks zur Landtagswahl in Hessen

1. Die Briefwahl

Du hast noch keine Ahnung, was du am 28.10. machst?
Oder du weißt schon, dass du nicht in deinem Wohnort verweilen wirst?
Oder du weißt genau, dass deine Ambitionen, bei Wind und Wetter an einem Sonntag die behagliche Wohnung zu verlassen, gen Null tendieren, selbst wenn das Wahllokal sich keine 500 Meter von deinem Wohnsitz befindet?
Dann geht es dir genauso wie mir.

Seit ich wählen darf, nehme ich Anspruch von der Möglichkeit der Briefwahl. Vor 15 Jahren musste man dazu noch einen Rückschein absenden, heute geht das alles online – auch wenn ich zugeben muss, dass sich diese Möglichkeit doch eher im Kleingedruckten befindet.

Als ich vorletzte Woche meine Wahlbenachrichtigung bekam, bestand der einzige Hinweis auf die Anforderungen der Unterlagen über das Onlineverfahren, aus einem kleinen QR-Code. Da mein smartes Phone leider doch nicht so smart ist, bin ich auf die Internetseite meiner Stadt gegangen, wo auch schon ein Link zur Landtagswahl auf mich wartete, der mich zur gewünschten Anforderung der Wahlunterlagen führte.
Schwupps, Name, Adresse, Wählerverzeichnisnummer eingegeben – fertig!
Zwei Tage später lagen die Unterlagen im Briefkasten.

 

Lifehack 2: Wen soll ich wählen? Der Wahl-O-Mat

Als langjähriger Freund und Nutzer des Wahl-O-Mat bin ich sehr glücklich darüber, ihn nun auch für die Landtagswahl in Hessen nutzen zu können.
Auch wenn der Name möglicherweise Assoziationen auslöst, die eher an Lottospielen oder eine Runde Roulette erinnern, hat das System doch Hand und Fuß.

Der Nutzer wird durch das Abfragen der persönlichen Meinung, ähnlich wie bei einem Psychotest, durch das Wahlprogramm der Parteien geführt und darf am Ende die (seiner Meinung nach) wichtigsten Punkte markieren, damit sie eine höhere Bewertung bekommen, außerdem wird er aufgefordert diejenigen Parteien auszuwählen, mit denen er bereits liebäugelt.
Anhand dieser Parteien werden die beantworteten Fragen ausgewertet, jeder Partei wird die Prozentzahl der Übereinstimmungen zugeschrieben, zudem kann der Nutzer sich Punkt für Punkt jede Frage noch einmal ansehen und die einzelnen Antworten der Parteien im Detail nachlesen.
Knappe Kurzportraits der Parteien runden das ganze ab.

Für mich eine kleine Überraschung festzustellen, dass ich tatsächlich mehr Übereinstimmungen mit dem Wahlprogramm der SPD habe, als mit den Grünen.

Leben und leben lassen oder: Volksabstimmungen in Hessen

Im Zuge der Landtagswahlen in Hessen dürfen die Wahlberechtigten auch ein paar Gesetzesänderungen überfliegen, die im Mai von der Landesregierung beschlossen wurden und nun darauf warten, von uns mündigen Bürgern bestätigt zu werden – oder auch nicht.

Neben so schwammigen Äußerungen wie dem Beschluss über den Schutz und die Förderung des Sports, der Kultur und des Ehrenamts (ohne wirklich konkret zu werden), sowie eine stärkere Berücksichtigung der Nachhaltigkeit, geht es unter anderem um die Aufhebung der Todesstrafe in Hessen.
Ja. Ernsthaft.

In den ausgesendeten Informationen zur Volksabstimmung wird betont, dass durch das Grundgesetz die Todesstrafe bundesweit bereits 1949 abgeschafft wurde, aber irgendwie steht dieser Paragraph lustigerweise noch immer in der Verfassung des Landes Hessen. Jaja, scheiden tut weh, da braucht es wohl ein paar Jahrzehnte, um mit dieser Tatsache umzugehen.
Nun ist ein wenig Aktionismus ins Land gekommen, im Mai wurde also beschlossen, die betreffenden Artikel aus der hessischen Verfassung zu streichen. Und wir Hessen dürfen entscheiden, ob wir zustimmen oder nicht.
Was ziemlich lustig ist.
Weil … ach, ihr wisst schon.
Da kann man mal der Demokratie bei der Arbeit zusehen.

Ansonsten geht es neben ein paar mehr oder weniger wichtigen Punkten noch um die Stärkung der Volksnähe: So soll ein Volksentscheid künftig schon durchgeführt werden müssen, wenn ein Zwanzigstel der Stimmberechtigten einen Gesetzesentwurf stellt. Beschlossen wird das Gesetz dann, wenn die Mehrheit der Bürger dafür stimmt, mindestens aber ein Viertel aller Stimmberechtigten.

Grundsätzlich sind Volksabstimmungen natürlich ein geeignetes Werkzeug für die Umsetzung direkter Demokratie.
Leider sind in meinem Kopf allerdings ganz blöde Beispiele, das Ergebnis solcher Abstimmungen betreffend, Stichwort Brexit.
„Das beste Argument gegen Demokratie ist ein fünfminütiges Gespräch mit einem durchschnittlichen Wähler“, sagte Churchill angeblich (= also vermutlich nicht).

Aufgewacht: Landtagswahlen in Hessen

Guten Morgen Hessen!

Da sitz ich des Morgens ganz ruhig und friedlich an meinem Schreibtisch und beobachte, wie die dicke fette Spinne an der Außenseite meines Fensters geschickt eine eingesponnene Fliege zu sich hochzieht, da fällt mir dieser Satz wieder ein.
„Wir werden Sie jagen!“
Stimmt, da war doch was.

Am 28.10. geht’s wieder los. Mit der Jagd nach den Stimmen. Also in Hessen.
Bayern ein bisschen früher, aber da müsst ihr euch selber drum kümmern.

Ich also mal die Prognose gegoogelt.
Leute, ich sag’s ehrlich heraus: Zwischen den Grünen und der AfD passt gerade mal ein Blatt Papier.
14% AfD, 17% Grüne, laut Infratest.
Drittstärkste Partei wäre tatsächlich möglich.
CDU bei 28% und SPD bei 23%.
Das ist alles nicht so dolle, Leute.

Auf den Schreck erstmal einen Schluck Kaffee, solange ich den noch schwarz trinken darf.

Wer schreit, hat Unrecht, wurde mir mal beigebracht.
So ganz stimmt das natürlich nicht, man kann auch Wahrheiten herausschreien, aber das sieht furchtbar scheiße aus und man versteht kein Wort.

Und wie Kant uns schon nahelegt, soll man sich ja seines eigenen Verstandes bedienen, um sich selbst eine fundierte Meinung zu bilden. Dazu gehört dann auch, die Gegenseite mit ihren Argumenten und Forderungen anzuhören. Anstatt immer gleich „Nazi“ zu brüllen.
Also les‘ ich mir mal das Parteiprogramm der AfD für Hessen durch.

Der Rundfunkbeitrag soll abgeschafft werden. Wegen Zwangsgebühr und so und außerdem kann man mit dem Geld ja viel mehr viel alternativere Fakten schaffen unabhängigere Medien auf die Beine stellen. Und überhaupt muss mehr zwischen Information und Meinung unterschieden werden.
Das stimmt natürlich, aber bei Anklage der „Lügenpresse“ kommt schon der Verdacht auf, dass diese gewünschten „unabhängigen“ Medien doch bitte positiv über die AfD berichten sollen.
(Gerade aktuell: Hamburger Schüler sollen Lehrer melden, die entweder gar nicht oder negativ über die AfD reden…)
Und überhaupt, die Sache mit dem Klimawandel, den es nicht gibt.
Ist das jetzt Meinung oder Information?

Geschenkt.
Hauptsache, der Bürger sieht auf den ersten Blick, das er weniger blechen muss. Wo wir doch eh alle keinen Fernseher mehr haben und so.

Nächstes großes Thema: Familie.
Eine Familie besteht aus einem Vater, einer Mutter und mindestens einem Kind.
Die großen Drei.
Danach sollten wir alle streben. Alles andere ist nicht natürlich und unchristlich, überhaupt sollten wir uns mehr nach der Bibel richten, alten Traditionen frönen, sie wieder aufleben lassen.
Hachja, das ist die Stelle, an der die Großeltern-Generation abgeholt werden soll. Früher war doch alles besser, ne?!
Jeder wusste, wo er stand. Papa war den ganzen Tag arbeiten, Mutti hat sich um die Kids gekümmert und die Blagen waren gut erzogen und konnten noch richtiges Deutsch, nicht diese Anglizismen von heute. Weshalb die AfD es für notwendig erachtet, ein Programm zur Rettung der deutschen Sprache zu starten.

Abtreibung sieht die AfD übrigens genauso ungern wie Regenbogenfamilien.
Irgendwo müssen die Kinder ja schließlich her kommen, wenn man Zuwanderung möglichst meiden möchte. Da soll sich die werdende Mutter mal nicht so anstellen und ein fröhliches Gesicht machen, denn „Ein Kind, das geboren wird, hat das Menschenrecht, von Mutter und Vater gewollt und geliebt zu werden.“ (Das steht ernsthaft gleich nach der Aussage, dass der Schutz des Ungeborenen Ziel jeder Beratung zum Schwangerschaftsabbruch sein muss).

Da hilft nur eins: Weniger schnackseln!
Zumindest vor der Ehe, wir wollen ja schließlich mehr deutsche Kinder.
Weshalb die AfD sexuelle Aufklärung einzig und allein in die Hände der Eltern legen will.
Es ist ziemlich interessant zu sehen, wie rückwärtsgewandt die AfD tatsächlich der Sexualität und der vielfältigen Möglichkeiten diese auszuleben gegenüber steht, aber das bringt die Aussagen, bezugnehmend auf den aktuellen Sexualkundeunterricht an hessischen Schulen, wohl auf einen Kern:

„Er ist ein unvereinbarer Verstoß gegen das Indoktrinationsverbot, wenn Kindern die Akzeptanz vielfältiger sexueller Verhaltensweisen vermittelt und insbesondere Homosexualität und andere sexuelle Orientierungen (LSBTTIQ) als gleichwertige Erscheinungsformen menschlicher Sexualität dargestellt werden, noch dazu, wenn sie gleichberechtigt neben der gesetzlich geschützten Ehe stehen sollen.“

Wäre ja schließlich noch schöner, wenn jeder einfach frei und ungesühnt seinen Vorlieben nachgehen könnte. Gott und die Kirche werden es mit Sicherheit jedem Homosexuellen danken, der es vorzieht seine Gefühle zu verleugnen und sich überwindet eine Frau zu heiraten und sie zu penetrieren, um süße blondgelockte Kinder zu zeugen. Er kann beim Akt ja an jemand anders denken, Justin Bieber oder so…

Okay, die AfD ist schwulenfeinlich, das wussten wir schon.
Sonst noch?

Kinder sollen die ersten drei Jahre zu Hause bleiben und von Mutti oder notfalls auch Vati bespaßt werden. Der Staat soll das irgendwie finanzieren und über drei Jahre Muttis Gehalt weiter zahlen, außerdem soll der Wiedereinstieg in den Job einfacher gestaltet werden.
Soweit, so utopisch.

Eines der großen Kernthemen ist natürlich die Flüchtlingspolitik.
Flüchtlinge lieber gar nicht und wenn, dann nur im Notfall und wer Mist baut, soll zurück.
Der Familiennachzug soll außerdem verboten werden, Flüchtlinge sollen nicht den Markt als „billige Arbeitskraft“ überschwemmen, aber auf der anderen Seite sollen sie ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen.
Vielleicht bin ich ja die einzige, die da einen Widerspruch sieht.

Außerdem soll die doppelte Staatsangehörigkeit verschwinden, stattdessen fordert die AfD die Angehörigkeit nach dem Abstammungsprinzip. Das heißt: Wenn deine Eltern nicht Deutsche sind, dann ist es egal, ob du hier geboren und aufgewachsen bist. Du wirst sie nie bekommen.

Aber keine Angst, vermutlich wirst du immer noch viele Berufe erlernen können. Nur Polizist kannst du halt nicht mehr werden. Denn dafür fordert die AfD die deutsche Staatsbürgerschaft.
Da ist es dann auch egal, ob du aus Syrien kommst oder aus Österreich, Deutsch bleibt Deutsch und alles andere bleibt fremd.

Überhaupt geht es noch sehr viel über Polizei, man bräuchte meeeehr Polizei, viel mehr und auch viel mehr Justizbeamte um Recht, Ordnung und Sicherheit zu schaffen.
Dabei ist die Zahl an Straftaten in Hessen so niedrig wie zuletzt 1980.
Damit will ich nicht sagen, wir hätten in Deutschland genug Einsatzkräfte, nein. Es gibt einen Personalmangel, der gerade bei Großkundgebungen und spontanen Versammlungen deutlich wird und dagegen muss man tatsächlich etwas unternehmen. Nur wird man dieses Defizit nicht schließen, indem man Menschen, die nicht von Deutschen abstammen, kategorisch ausschließt.

Zudem ist es ja natürlich nicht so, dass es keine Straftäter deutschen Ursprungs gäbe. Umso wichtiger, jeden Kriminellen unabhängig von seiner Herkunft angemessen zu verurteilen und im Zweifelsfall Menschen zurück in ihr Heimatland zu schicken, die voraussichtlich weiterhin Straftaten begehen werden.

Was die AfD aber macht, ist Migranten unter generellen Strafverdacht zu stellen. So plädiert sie in ihrem Parteiprogramm zum Beispiel für „verdachtsunabhängige Kontrollen“, um Ausländerkriminalität zu verhindern!
Auch solle bei Verdachtsmomenten frühzeitig öffentlich gefahndet werden „ohne Rücksicht auf Täterinteressen“, was einer bloßen Hetzjagd gleichkommt, erinnern wir uns mal an Emden 2012, als einem 17jährigen ein brutaler Mord unterstellt wurde, den er nie begangen hat oder sowas hier http://www.spiegel.de/panorama/justiz/bremen-mutmassliche-selbstjustiz-taeter-verpruegelten-den-falschen-a-1212965.html
Genau solche Szenarien würden die Selbstjustiz nur noch befeuern und gegen das stehen, was die AfD doch angeblich um jeden Preis erreichen möchte: Sicherheit und Ordnung.

Die AfD sieht sich also unterm Strich als eine Partei, die den deutschen Bürger Freiheit, Sicherheit und Ordnung gewährt und vor Kriminalität und Terror bewahren will, Terror, den sie erst eigenhändig in die Köpfe ihrer Wähler pflanzt, indem sie alles Nichtdeutsche und vor allem Flüchtlinge zum Feindbild erklärt.

Zusammen mit dem rückständigen Rollenverständnis und dem Negieren sexueller Vielfalt, ergibt das ein gesellschaftliches Bild, das gut und gerne in die 30er Jahre des letzten Jahrhunderts passt und uns um viele Jahrzehnte zurückwirft.

Zum Glück steht auf meinem Kalender immer noch 2018.

Ein Trauer-Spiel

Arbeitstitel: Wahnsinn (Hölle, Hölle, Hölle)

Handlung: Eine Frau möchte ihren Angestellten das Gehalt überweisen

Beteiligte:
Lohnbüro in der Rolle der Frau, die „sowas auch noch nie hatte“
Finanzamt in der Rolle als kompetenter Datenverleger, kann leider kein Faxgerät bedienen
Bank 1 in der Rolle einer automatisierten Telefonanlage
Bank 2, freundlich, kompetent, aber auch ein bisschen glitschig
DATEV, der große Unbekannte
Display vom Überweisungsautomaten, Nihilist

1. Szene
Auftritt Lohnbüro: Unsere Abrechnungsprogramm DATEV verknüpft sich mit ihrem Bankkonto. Der Lohn wird dann als Sammelüberweisung hinterlegt. Aber rufen Sie bitte nochmal bei Ihrer Bank an, ob Sie da was umgestellt werden muss.
Abgang Protagonistin.

2. Szene
Warteschleifenmusik, eine weibliche Automatenstimme erklärt, dass heute furchtbar viele Menschen anrufen und man gar nicht damit gerechnet hätte. Das käme sonst nie vor, ganz sicher nicht. Totale Ausnahme, das alles. Aber man könne ja auch einfach eine E-Mail schicken oder das Kontaktformular nutzen, das ginge ja auch.
Automat: Okay, ich seh‘ schon, Sie gehören zu der Sorte, die nicht so schnell aufgibt. Dann verraten Sie mir doch in einem kurzen Satz, worum es geht.
Protagonistin sichtlich bemüht: DATEV einrichten.
Automat: Okay, Sportsfreund. Kurze mathematische Denkaufgabe: Verraten Sie mir die letzten 10 Zahlen Ihrer IBAN“
Protagonistin: Ich ähm … die letzten 10 … das ist ja ewig lang hier …“
Automat: Ahh, Chance verpasst. Zu schade. Kennen Sie schon unsere neusten Services?
Protagonistin genervt: Ich möchte jetzt gerne mit einem richtigen Menschen reden!
Automat: Jaja, Sie werden mit dem nächsten freien Mitarbeiter verbunden, ich schwör‘!. Wenn Sie damit einverstanden sind, dass das Gespräch zu Testzwecken aufgezeichnet wird, sagen Sie jetzt: Ja.
Protagonistin: Ja! Mein Gott ….
Automat: Vielen Dank. Leider sind immer noch alle Leitungen belegt. Versuchen Sie es später nochmal.
Klick
Tuut.

Drei identisch ablaufende Gesprächsversuche später, versucht die Protagonistin den Sachverhalt als E-Mail zu formulieren.
24-Stunden später greift sie erneut zum Telefon und wird mit folgender Aussage belohnt:
Also mit DATEV haben wir nix zu tun. Da müssen Sie das Lohnbüro fragen.
Klick.
Tuut.

Eine Woche später bekommt die Protagonistin die Antwort auf ihre E-Mail: Nein, DATEV ginge mit dem Konto nicht. Vielen Dank für Ihr Verständnis.
Doch zu dem Zeitpunkt hat sie schon längst einen Termin bei der regionalen Bank ihres „Vertrauens“.

3. Szene
Mann von Bank 2: Ihr Sohn ist 7 und er braucht ein Konto mit dem Gehälter bezahlt werden sollen und das voll geschäftsfähig sein muss?
Die Protagonistin nickt vorsichtig.
Im Scheinwerferlicht sieht man, wie sich schwere Schweißperlen auf der Stirn vom Mann von Bank 2 sammeln.
Bank 2: Na, das sollten wir doch irgendwie hinbekommen.
Bank 2 tippt los, wie ein Virtuose benutzt er die Tastatur zu seinen Händen, hämmert auf sie ein, zwischendurch prüfende Blicke auf den Bildschirm, nickend, sich selbst bestätigend, dann hält er inne. Ein verständnisloser Blick. Der Kopf wird geschüttelt.
Bank 2: Hmmhmmhmm
Bank 2 greift zum Telefon. Er muss das klären. Stellt Fragen in einer Sprache, die der Protagonistin eigenartig fremd klingt. Er hört zu, nickt, tippt dabei. Dann bedankt er sich bei seinem Gegenüber, legt auf, tippt weiter.
Monolog Bank 2: Wir versuchen das jetzt mal. Vielleicht klappt es, vielleicht nicht.
Aber wer wären wir, wenn wir es nicht wenigstens versuchten, wenn wir nicht alles in unserer Macht stehende tun würden, um das Schicksal der Menschheit zu einem Besseren zu machen?!
Mit verheißungsvollem Getippe endet sein Monolog. Irgendwo ertönt ein Drucker.
Bank 2: Alles klar. Das Konto ist sofort eröffnet. Bringen Sie einfach bis übermorgen die Verträge unterschrieben zurück. Und dann reden wir nochmal über Ihre Finanzen.
Die Protagonistin schluckt sichtbar.

Ein Gespräch über die Finanzen der Protagonistin später, stellt sie fest, dass das neue Konto offensichtlich keine Onlinenutzung beinhaltet.

4. Szene
Auftritt Mann von der Bank 2.
Bank 2: Da sehen wir uns ja schon wieder!
Protagonistin mit gezwungenem Lächeln: Das dritte Mal in sieben Tagen. Rekordverdächtig.
Bank 2: Nun, was kann ich für Sie tun?
Protagonistin: Ich hätte gern für das neue Konto einen Onlinezugang
Der Mann der Bank 2 setzt sich tatkräftig an seinen Bildschirm, lässt seine Finger knacken und beginnt zu tippen.
Bank 2: Es wäre ja am einfachsten, wenn sich das Konto mit Ihrem bestehenden Konten verknüpfen ließe…
Protagonistin: Wäre toll, wenn das ginge
Ein energisches Tippen hallt durch den Raum.
Der Mann von Bank 2 wirkt unsicher. Ein fragender Blick zum Bildschirm. Ein Griff zum Telefon.
In einer unbekannten Sprache spricht er Codewörter in das Telefon. Zum ersten Mal sieht die Protagonistin den Mann der Bank nicht als Helden, der jeden und alles bezwingen kann.
Die Protagonistin denkt: Warum sitzen die Männer in den großen Büros und die Frauen erledigen den Papierkram und arbeiten am Empfang? Kann nicht, in Zeiten der Emanzipation, auch mal eine Frau den Superhelden mimen?
Da öffnet sich die Tür und eine Frau kommt hineingeschwebt, engelsgleich mit klugem Blick. Jeder erkennt sogleich: Diese Frau hat den Überblick über alles!
Bank 2: Frau Weiß ist viel mehr im Onlinethema als ich.
Der Mann der Bank 2 blickt etwas verschämt auf die Oberfläche seines Tischs, während seine Kollegin irgendwo ein Häkchen setzt.

Zwischenspiel:
Die Krankenkassen der Pflegekräfte werden über die neue Kontoverbindung informiert.
Die Krankenkasse der Protagonistin wird über die neue Kontoverbindung informiert, samt gewünschter Kopie über den Kontostand.
Die Berufsgenossenschaft wird über die neue Kontoverbindung informiert.

Szene 5
Auftritt Lohnbüro.
Lohnbüro: Hat das Finanzamt sich bei Ihnen gemeldet wegen der Steuernummer?
Protagonistin: Nein. Den Antrag auf steuerliche Erfassung haben wir ausgefüllt, unterschrieben und abgegeben, ebenfalls das Lastschriftmandat mit der neuen Kontonummer.
Keine Rückmeldung.
Lohnbüro: Okay. Ohne wird die Lohnabwicklung schwierig. Ich hake nochmal nach.

Szene 6
Finanzamt – Lohnbüro
Finanzamt: Um Ihnen die Steuernummer auszuhändigen, benötigen wir die Vollmacht Ihres Mandanten.
Lohnbüro: Ich faxe Sie Ihnen zu
Finanzamt: Gut, ich melde mich dann bei Ihnen.
Ein wenig später.
Lohnbüro: Ich hatte ein Fax mit der Vollmacht meines Mandanten geschickt und Sie wollten sich eigentlich gemeldet haben.
Finanzamt: Ein Fax? Also, ich seh hier nichts. Ich forsche mal nach und melde mich dann bei Ihnen.
Ein wenig später.
Lohnbüro: Ich hatte ein Fax mit der Vollmacht meines Mandanten geschickt und Sie wollten sich eigentlich gemeldet haben.
Finanzamt: Ich erinnere mich. Nee, hier ist nichts. Faxen Sie nochmal, ich lauf direkt zum Faxgerät und bearbeite den Fall.
Ein wenig später.
Finanzamt 2: Ich habe ein Fax von Ihnen gefunden. Um den Fall zu bearbeiten, bräuchte ich die Steuernummer des Arbeitgebers.
Lohnbüro: sprachlos.

Szene 7
Lohnbüro – Protagonistin
Lohnbüro: Die Steuernummer habe ich jetzt. Nur sind wir jetzt wohl aus Sicht des Finanzamts alleiniger Ansprechpartner und nicht Sie.
Etwas später.
Lohnbüro: Durch das Finanzamt hat sich leider alles verzögert. Ich habe alles an DATEV weitergeleitet, ich melde mich, sobald die Überweisungen da sind.

Mittwoch Nachmittag, kurz vor Dienstschluss von Lohnbüro:
Lohnbüro: DATEV ist da, Sie können die Überweisungen morgen früh abholen.
(Onlinebank ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht aktiv)

Szene 8
Donnerstag Vormittag:
Es ist 8:45. Die Überweisungsträger in Händen haltend betritt die Protagonistin Bank 2.
Protagonistin: So, wo kann ich die denn jetzt erstmal unterschreiben?
Protagonistin sieht sich um: Hmm, kein Stift, nirgends. Ärgerlich.
Früher, da hatte man noch Stifte in der Bank. An kurzen oder längeren Schnüren, damit die Leute sie nicht mitnehmen konnten.
Heute gibt es das nicht mehr.
Vielleicht habe ich einen Stift in meiner Tasche?
Protagonistin kramt in ihrer Handtasche. Shit. Kein Stift.
Etwas lauter in Richtung Kamera: Scheiße, kein Stift da, nirgends!
Protagonistin seufzt genervt. Dann packt sie die Überweisungsträger ein, geht zum Auto, zieht einen Kugelschreiber aus dem Handschuhfach und kehrt zurück.
Die Protagonistin unterschreibt die Überweisungsträger.
Protagonistin: So, und wohin nun? Kein Kasten für die Überweisungen zum Reinwerfen? Gibt’s das denn?
Die Protagonistin sieht sich um. Kein Kasten zu sehen. Sie verlässt die Bank, scannt mit ihrem Blick die Häuserfassade und entdeckt einen überdimensionalen Briefkasten mit der Aufschrift: Bitte keine Überweisungen einwerfen.
Mit hängenden Schultern kehrt sie in den Vorraum der Bank zurück.
Es ist 8:55.
Verloren sieht die Protagonistin sich um. Da entdeckt sie einen Überweisungsterminal.
Die Protagonistin setzt sich, steckt die Karte probehalber in einen Schlitz. Dann einen Überweisungsträger in einen weiteren. Der Beleg wird eingescannt und gelesen. Es folgt die Abfrage der PIN.
Protagonistin: Scheiße.
Die Protagonistin fährt zum Haus ihres Exmanns, sucht den benötigten Zettel, rubbelt die PIN frei und kehrt zurück zur Bank 2.
Sie setzt sich an den Überweisungsterminal, steckt die Karte in den Schlitz, dann den Überweisungsträger in den zweiten. Wieder wird er gelesen. Wieder wird nach der PIN gefragt.
Voller Euphorie tippt die Protagonistin die bedeutsamen Zahlen ein
Display: Diese Funktion ist leider nicht ausführbar.
Ungläubig starrt die Protagonistin auf den Bildschirm, während die Karte ausgeworfen wird.
Die Protagonistin versucht es erneut.
Display: Diese Funktion ist leider nicht ausführbar.
Sie versucht es ein drittes Mal.
Display: Diese Funktion ist leider nicht ausführbar.
Genervt steckt die Protagonistin die Karte ein und zieht Position vor der gläsernen Front.
Es ist 9:23.

9:30. Feierlich schiebt sich die Glastür in Richtung der beiden Wände.
Die Protagonistin betritt die Haupträume der Bank, wedelt mit den Überweisungsträgern, kommt auf den Infostand zu.
Frau am Infostand: Die können Sie hier vorne reinwerfen.
Die Protagonistin wirft die Überweisungen in den Kasten.
Abgang Protagonistin.

Freitag.
Zwei Angestellte haben pünktlich ihr Geld bekommen, zwei nicht.
Die Protagonistin versucht nicht die eingehenden Whatsapp-Nachrichten zu lesen, tut es dann aber doch.
Protagonistin: Wow. Frauen können wirklich schlimm sein.

Nachspiel:
Angestellte 1: Kannst du mir beim nächsten Dienst die Geburtsurkunden meiner Kinder hinlegen?
Protagonistin: Das waren Originale?!

Wie der erste Mensch

Mit einem behinderten Kind schleicht sich oft das Gefühl ein, man sei der erste Mensch, der vor eben diesem oder jenem Problem steht, als wäre man der allererste Mensch auf diesem Planeten und würde gerade einem Primaten erklären, was eine Magensonde ist und wofür man Sondennahrung benötigt.
In Wirklichkeit ist das ganze System natürlich etwas komplexer, es gibt da nicht nur die Mutter, das Kind und den Primaten, sondern ein verzweigtes System von Hindernissen, Umwegen, Einbahnstraßen und Sackgassen. Im Grunde ist das Leben mit einem behinderten Kind wie ein Dauerlauf durch ein Labyrinth, nur ändern sich die Ziele andauernd und man kommt nie wieder raus.

Man könnte sich auch bildhaft ein Point-and-Click-Adventure vorstellen, das mit falschen Fährten ausgestattet ist.
Nebenquest: Besorge Sodennahrung für deinen Sohn.
Das naheliegendste wäre natürlich den Vertreter der Firma, die die Sondennahrung liefert, zu kontaktieren. Aber das alleine wäre natürlich zu einfach!
Um die Angelegenheit ein wenig spannender zu gestalten, hätten die Spielentwickler zum Beispiel die Kommunikation zwischen Vertreter und Auslieferung stören können.
Spielen wir das einfach spaßeshalber durch:

Es kommt also zu der Fehlermeldung. „Die Nahrung ist in der Auslieferung und vermutlich schon bei Ihnen.“
Nein ist sie nicht.
Auch nicht am nächsten Tag.
Oder am übernächsten.
Übers Wochenende schon gar nicht.

Montag.
Benutze Telefon mit Vertreter:
„Wenn die Nahrung bis heute Abend nicht da ist, muss sie per 24-Stunden-Lieferung geliefert werden.“

Dienstag Morgen.
Benutze Telefon mit Vertreter:
„Die Nahrung muss jetzt unbedingt per 24-Stunden-Lieferung kommen.“

Dienstag Nachmittag.
Benutze Telefon mit Vertreter:
„Die Nahrung wäre heute Mittag gekommen. Ich hätte sogar da sein können, wenn die Logistikfirma vorher wenigstens kurz angerufen hätte. Jetzt erreiche ich niemanden mehr dort (15:45 Uhr).“

Mittwoch Morgen.
Benutze Telefon mit Auslieferung:
„Guten Tag, Sie haben gestern versucht die Sondennahrung für meinen Sohn zuzustellen und ich wollte einen neuen Termin ausmachen.“
„Ahja, hier hab ich’s. Gut, wir melden uns dann die nächsten Tage.“
(Funfakt: Diese Behauptung hat sich schon des Öfteren als unwahr erwiesen)
„Nee, nee. Ich brauch die Nahrung noch diese Woche.“
„Gut, dann muss ich mal sehen, was ich für Sie tun kann. Ich melde mich nochmal.“

Benutze Telefon mit Vertreter:
„Der Große braucht die Nahrung. Seit drei Wochen sage ich Ihnen, dass die Nahrung knapp wird.“
„Ich ruf nochmal bei der Logistik an, das geht ja so nicht.“

Die Logistikfirma ruft an.
„So, wann könnten Sie denn?“
„Morgen bin ich ab 15 Uhr zu Hause.“
„15 Uhr ist leider schlecht, das ist zu spät für unsere Tour. Dann müssen wir es nächste Woche versuchen.“
„Nee, nee. Mein Sohn braucht die Sondennahrung. Um zu überleben. Er kann nicht essen, er ist auf die Sondennahrung angewiesen und seit drei Wochen…“
„Jaja, wo können wir die Nahrung sonst abgeben? Alternative Lieferadresse?“
„Bei jedem Nachbarn, der hier wohnt. Oder Sie stellen es unter den Carport.“
„Na, wenn das man klappt!“

Es klappte. Das Quest wurde gelöst, aber irgendwie fühlte sich der Lösungsweg falsch an. Also versuchte ich eine Alternative zu finden.

Lösungsweg 2

Benutze Telefon mit Krankenkasse:
„Nein, Sie sind an keinen Versorger gebunden. Aber Apotheken können in der Regel keine Sondennahrung beziehen, das sind dann eher die Sanitätshäuser.“

Benutze Telefon mit Sanitätshaus 1:
„Tut mir leid, die Krankenkassen bieten uns keine Verträge mehr an über die Abrechnung von Sondennahrung“

Benutze Telefon mit Sanitätshaus 2:
„Tut mir leid, die Krankenkassen haben alle Verträge Sondennahrung betreffend zurückgezogen. Fragen Sie dort mal nach, wer jetzt noch liefern kann.“
„Die haben mir ja gesagt, am ehesten die Sanitätshäuser.“
Schenkelklopfiges Gelächter.
„Achja, die Krankenkassen! Verträge kündigen und dann nicht mehr wissen, wo man die Sachen herbekommt!
Aber Spaß beiseite, ich habe gehört, dass die Apotheke am Marktplatz Sondennahrung beziehen kann, zumindest früher mal.“

Benutze Telefon mit Apotheke am Marktplatz:
„Bringen Sie uns einfach das Rezept rein und wir gucken mal, was wir für Sie tun können!“

Bestelle Rezept bei Kinderarzt.
Hole Rezept bei Kinderarzt ab.
Gehe zu Apotheke (im gleichen Gebäude).
Gib Rezept an Apotheker.
„Sieht alles gut aus. Nahrung sollte heute noch kommen. Ab wann dürfen wir sie Ihnen vorbeibringen?“
„Wir sind ab 16 Uhr zu Hause.“
„Ist notiert!“

17 Uhr. Es klingelt. Es ist die Nahrung.
Mit Tränen in den Augen öffne ich die Tür.
Das Leben kann so einfach sein ❤