Taub

Der Wecker klingelt viel zu früh nach dieser von Albträumen durchzogenen Nacht.
Ich versuche ihnen nachzuspüren, sie einzuordnen. Halluzinationen hatte ich im Traum, ich bekam texte und Bilder auf mein Handy, die sonst keiner sehen konnte, hörte sogar eine Stimme die vorlas. Unzusammenhängende Satzfetzen und doch allesamt irgendwie destruktiv. Schuld, Sühne, Vergänglichkeit, Sterblichkeit, Bilder von Menschen,die langsam verrotten. Ich wollte meinen Traum noch lenken, mir etwas positives vorstellen, ein ewiges, warmes Licht. Doch ich kam nicht dagegen an. Die Aussage hatte entweder was von Hölle oder von Vergänglichkeit, auf jeden Fall wenig tröstlich, dafür umso hoffnungsloser.
Ich versuche den Traum abzuschütteln und gehe ins Bad, ziehe mich aber noch nicht um. Lege mich dann im Wohnzimmer auf das Sofa, denn von dort aus bin ich schnell am Summer wenn es klingelt.
Kurz darauf ist mein Großer schon bei mir. Während ich mich umziehe, weckt er den Kleinen recht unsanft, indem er ihm die Decke wegzieht. Fertig umgezogen lege ich mich neben ihn und den Großen dazu. Es tut gut Nähe zu spüren. Befreit mich ein wenig von meinen Gedanken und Gefühlen, wenn die beiden um mich herum sind.
Wir beeilen uns nicht, wir machen langsam. Am Frühstückstisch liegt noch der Strohhut, den der Kleine vorgestern aus seinem Zimmer hierher geschleppt hat. Er gefällt ihm, manchmal setzt er ihn sich auch auf und macht Späße oder er setzt ihn mir auf dem Kopf. Gestern hat er noch einen kleinen Riss entdeckt. „Schau mal, das war F.!“ hatte er erschüttert gerufen.
Jetzt versetzt mir der Anblick einen Stich. Genauso wie das blaue Halstuch mit den weißen Punkten. Oder die Gardinen im Schlafzimmer, die ich mitgenommen hatte, als meine Großeltern ins Heim gekommen waren und das Haus ausgeräumt wurde um es anschließend zu verkaufen.
Ich bringe den Kleinen zum Kindergarten und den Großen zur Radiologie zum Röntgen.
Der Durst erinnert mich daran, dass ich noch Wasser brauche. Das hatte ich gestern schon vergessen, eigentlich wollte ich gestern schon was kaufen. Komisch, dass ich zu hause immer vergesse zu trinken und Durst bekomme, sobald ich unterwegs bin, denke ich.
In der Radiologie gibt es einen Wasserspender. Es gluckert, als ich davon nehme. Das Wasser ist kalt und erfrischend. Wir sind schnell dran, aber der Große mag nicht still stehen. Wir heben ihn hoch und er versucht zu beißen und zu kratzen und zu kneifen und am Ende sind alle nassgeschwitzt. Aber es ist geschafft.

Wir fahren zurück zum Kindergarten. Die Sonne scheint und es ist warm und im Radio sind alle gut gelaunt und spielen Sommerhits. Ich schalte das Radio aus. Von mir aus könnte es auch regnen. Ich verstehe das sowieso nicht: wie man sich so sonniges Wetter zum Sterben aussuchen kann. Das ist doch nicht fair. Bei Opa im Februar war ein kräftiger Wind, richtig stürmisch, mit Regenschleiern durchzogen. Das war ein Wetter zum Sterben! Ich hatte mir vorgestellt, das er das war. Sein Abschied, voller Energie. Ein großes „tschüß“, die große Geste winkender Äste von großgewachsenen Bäumen. Und jetzt Oma, bei 20 Grad und Sonnenschein, wo es die letzten Tage ja sogar deutlich schlechter war.
Ich bringe den Großen in seine Gruppe und rufe meinen Hausarzt an. Ob noch was frei wäre. Aber es ist schon zu spät und eigentlich muss man morgens um 7 schon den Termin machen, wenn man krank ist. Die Arzthelferin fragt nach meinen Beschwerden und ich sage „Meine Oma ist gestern gestorben und vorgestern habe ich meine Kündigung erhalten.“ Die Arzthelferin notiert meine Nummer und erklärt mir, dass der Doktor zurückrufen wird.

Ich fahre also erstmal zurück zu meiner Wohnung, bleibe auf der Auffahrt noch im Auto sitzen, starre das Lenkrad an. Eigentlich wollte ich ja zu Ostern hoch fahren. Dann hätte ich sie nochmal gesehen. Stattdessen war ich krank und der Kleine dann auch. Also haben wir nur telefoniert und als ich von meinem blöden Infekt erzählte meinte Oma „Warum wir Menschen nur immer so leiden müssen? Was soll das?“ und ich musste fast lachen, weil es so dramatisch klang und nicht wirklich aufbauend.
So war das letzte Treffen bei Opas Beerdigung. Als ich diesen familiären Zusammenhalt spürte, gerade zwischen meiner Mutter, meiner Tante und meinem Onkel, wie vielleicht noch nie in meinem Leben. Und als ich am offenen Grab weinte und Opa für alles dankte und ihm verzieh, dass er mich gerne bei Mühle oder Mensch-ärgere-dich-nicht bescheißen wollte – damals, als ich noch so jung war und fast jeden Tag bei ihnen – da rief meine Oma mich zu sich, mit einem „Maria, komm eben her!“ und ihr „eben“ war mehr ein „ehm“, wie sie das immer so sagte.
Und wir nahmen uns in den Arm so gut das eben geht, wenn einer im Rollstuhl sitzt und der andere nicht.
In der Gaststätte danach werde ich nicht vergessen, wie sie plötzlich so schweigsam und nachdenklich wirkte, während alle anderen sich unterhielten. Und ich versuchte ihre Gedanken zu erraten. War es Reue oder Sehnsucht? Oder der Gedanke, wie nah der Tod nun an sie selbst heran gekommen war und auch vor ihr nicht halt machen würde?
Denn ich bin mir sicher, dass die Angst vor dem Tod sie begleitete, auch wenn sie nie darüber sprach. Aber ich spürte es in ihren Umarmungen, immer wenn ich mich verabschiedete, als ob sie nie wusste, ob es das letzte Mal sein würde. „Ach Oma!“, sagte ich dann stets und versuchte sie aufzumuntern. Schließlich sieht man sich ja immer wieder, so ist doch das Leben aufgebaut, man kommt und geht und es gibt eine Routine, alles wiederholt sich immer wieder. Bis es das plötzlich nicht mehr tut.

Ich steige aus dem Auto aus und kümmere mich um das Internet. Der Betreiberwechsel zu O2 hat problemlos geklappt. Das kenne ich so gar nicht, das etwas einfach so funktioniert ohne Hotline und Techniker vor Ort. Als ich meine Mails checke sehe ich, dass ich 5 Euro im Lotto gewonnen habe. Ich habe also auf der Habenseite 5 Euro im Lotto und einen unproblematischen Betreiberwechsel und auf der anderen Seite eine gestorbene Oma und einen verlorenen Job. Bei 50.000 Euro hätte ich wenigstens ein Problem weniger.
Schließlich klingelt mein Handy und der Arzt ist dran. Irgendwie habe ich gerade nicht das Gefühl, dass meine Oma wirklich gestorben ist. Irgendwie fühle ich mich gerade ganz normal und nicht leidend und ich frage mich, wie jemand klingen sollte, der gerade einen Angehörigen verloren hat und ich versuche extra traurig zu klingen, um nicht für einen Hochstapler gehalten zu werden. Der Arzt hört mir geduldig zu, schreibt mich für die komplette nächste Woche krank und meint ich soll mich melden, wenn ich noch mehr Zeit brauche, er hätte jederzeit ein Offenes Ohr. Und dann fragt er ob ich noch was brauche. Ich sage, vielleicht was zum Einschlafen. Dabei bin ich mir gar nicht sicher, ob ich wirklich was zum Einschlafen brauche, vielleicht geht das auch so, aber irgendwas muss man doch nehmen wenn jemand gestorben ist, oder nicht? Als nächstes rufe ich auf der Arbeit an, versuche auch dort wehleidig zu klingen und ernte Mitleid. Manchmal könnte ich über mich selber kotzen.

Ich surfe noch kurz durchs Internet, sehe mir noch die Jobangebote an. Frage mich, was mit Mitarbeiter im Service gemeint ist. Kellnern oder Kundentermine ausmachen? Ich werde aus der Anzeige nicht schlau. Vielleicht hätte ich auch was gescheites lernen sollen. Physiotherapeutin oder Erzieherin, die werden hier dauernd gesucht. Ich bin nur Buchhändlerin und der Buchhandel ist tot.
Oder doch irgendwie schriftstellern… Ich schaue mir Crowdfunding-Seiten an, da gibt es auch Buchprojekte. Wenn du ein gutes Projekt hast und genug spendewillige Fans, dann kannst du sogar leben während du schreibst. Ein bisschen zumindest. Wenn du Glück hast.
Ich packe meine Tasche und fahre zur Arztpraxis. Versuche auch dort irgendwie schuldig auszusehen. Dann laufe ich Richtung Arbeitsamt. Die Sonne scheint und ihre Wärme tut mir gut. Und neben mir fahren junge Leute im Cabrio zu lauter Musik und ich denke mir „So sieht das Leben aus!“
Beim Laufen fühlt es sich wirklich nicht so an, als ob Oma tot wäre, sondern nur wie ein angenehmer Frühlingstag. Aber ich kenne dieses Trügerische. Bei Opa war das genauso.
Man denkt, es ist nicht wahr, zumindest zieht man es in Betracht. Erst wenn man es sieht, mit seinen eigenen Augen, dann wird es zur Gewissheit. Wenn man vorne sitzt, direkt vor dem hölzernen Sarg und daneben das Porträt in einem Bilderrahmen und man genau weiß: Dieser Mensch liegt da jetzt drin und rottet vor sich hin und es ist kein Leben mehr in ihm und nichts wird wieder so, wie es mal war.
Das ist der Moment der Wahrheit. Erst dann ist es amtlich. Erst dann zerreißt es dich in deinem Innersten.

Der Mann beim Arbeitsamt ist nett. Er nimmt meine Daten auf und fragt sofort „Sind die krank geschrieben?“ ich überlege kurz ob ich so fertig aussehe. Doch er holt aus und erklärt, dass viele Leute sich bis zur Kündigung krankschreiben ließen, weil es eine enorme psychische Belastung sein kann, bis zum Ende der Kündigungsfrist an seiner Arbeitsstelle zu verweilen. Und so lange ich krankgeschrieben bin, kann ich nicht als arbeitssuchend gemeldet werden. Immerhin habe ich meine Frist gewahrt, denn innerhalb von drei tagen muss man zum Arbeitsamt, damit einem die Ansprüche nicht flöten gehen. Ansprüche auf ALG habe ich eh keine, wenn dann hartz4, stellen wir fest.
Dann entlässt er mich wieder.
Ich hole noch meine Schlaftabletten ab und gehe zum Supermarkt. Ich brauche noch Wasser, mein Durst ist schon wieder da und nach dem Kindergarten habe ich vergessen welches zu besorgen. Dabei wäre dort auch der Getränkeladen gewesen, der mein Wasser immer da hat. Denn ich mag nur Medium, das normale ist mir zu spritzig und ohne Kohlensäure geht gar nicht. In der Nähe des Arbeitsamts gibt es noch einen kleinen, aber der hat medium nicht immer da. Ich will aber nicht nochmal los und entscheide das Wasser zu nehmen, dass ich dort kriege. Tatsächlich gibt es Medium, scheint ja fast mein Glückstag zu sein. Ich überlege noch was sinnloses zu kaufen und entscheide mich für Mikado Stäbchen, die sind gerade im Angebot. Und erinnere mich an den Zirkusbesuch vor zwei Wochen. Die Karten waren so teuer und ich hatte es verpennt noch was abzuheben und so konnten der Kleine und ich uns nur eine Apfelschorle und eine Packung Mikado-Stäbchen teilen. Popcorn war zu teuer. Und selbst die Mikado-Stäbchen haben wir nur aus Mitleid bekommen, denn mir fehlten noch 20cent. Plötzlich fühlt man sich, als wäre man wieder 12 und würde versuchen im Kiosk möglichst viel für sein mickriges Taschengeld rauszubekommen.
Umso besser schmeckten uns die Mikado-Stäbchen. Und natürlich steckte der Kleine sie so in den Mund, dass es aussah, als würde er rauchen, wie auch ich es als Kind getan hatte.
Ich packe also meine Mikado-Stäbchen und mein Wasser und gehe zum Auto. Mein Auto ist dreckig und ich denke, wie andere vielleicht ganz abschätzig an dem Auto vorbeigehen und sich abfällig äußern würden und denken, wie man nur so ein verstaubtes, dreckiges Auto besitzen kann und dass man sich ja schämen müsste. Und in meiner Fantasie würde ich dann sagen: Ich habe vorgestern meine Kündigung bekommen und gestern ist meine Oma gestorben und das würde alles relativieren und plötzlich wäre es okay,dass mein Auto so schmutzig ist.

Wieder zu Hause fällt mir das Buch ein, das als Geschenk verpackt auf dem Schreibtisch liegt. Ich wollte es meiner Mama zum Muttertag schicken. Wie kann ich ihr jetzt noch einen Thriller von Fitzek schenken an ihrem ersten Muttertag ohne Mutter?
Als wir gestern telefoniert hatten, war es schon spät. Ich hatte bis abends gearbeitet und dann noch den Kleinen abgeholt, um halb 9 waren wir erst in der Wohnung. Ich hatte schnell noch was gegessen und dann den Kleinen ins Bett gebracht. Ich hatte nicht gesehen, dass Mama bereits versucht hatte mich zu erreichen. Als es um 22 Uhr erneut klingelte, war ich gerade im Badezimmer. Ich hörte die Nachricht ab, meine Mama bat um einen Rückruf. Erst da sah ich, dass sie nachmittags schon angerufen hatte.
An dieser Stelle wusste ich bereits alles. Ich wollte es nicht wahrhaben, aber ich wusste es. Bei Opa war es genauso gewesen. Sonst schreibt sie mir per Whatsapp, aber wenn jemand stirbt, spricht sie auf den AB und bittet um Rückruf.
Mir wurde schlecht.
Ich rief zurück.
Oma war vormittags gestorben. Sie war am Tag zuvor mit einem Herzanfall ins Krankenhaus gebracht worden, aber abends ging es ihr schon wieder gut, eigentlich. Sie hatte ganz normal geredet, ihr Abendessen gegessen und alle heimgeschickt. „Wird schon wieder.“
Meine Oma war immer mal wieder im Krankenhaus, schon damals, als sie noch nicht Heim war. Immer wieder zusammengebrochen wegen ihrem Diabetes. Und immer wieder erholt, wie so ein Stehaufmännchen. Nur im Rollstuhl war sie, seit ihrem Schlaganfall. Damit hatte sie sich arrangieren müssen, deshalb ging es dann auch nicht mehr zu Hause.
Und jetzt ist sie gestorben und keiner hat damit gerechnet. Weil sie zäh war und unverwundbar wirkte.
„Das Ostergeschenk für die Kinder liegt auch noch bei ihr im Zimmer“, erzählte Mama mir.
In meinem Kopf fühlte es sich an, als wäre eine Bombe explodiert. Drei Monate, erst drei Monate nach Opas Tod. Konnten sie etwa doch nicht ohne einander? Nach all dem Streit und der unglücklichen gemeinsamen Jahre?
Ich erzählte noch kurz von meiner Kündigung. Dann legten wir auf.
Ich legte mich ins Bett, betrachtete die Dunkelheit und das matte Licht, das durch die Seitenränder des Rollos in das Zimmer fiel. Omas Gardinen davor.
Ich versuchte Oma in der Dunkelheit auszumachen. Ob sie irgendwo war. Doch alles wirkte gespenstisch und düster. Ich schloss die Augen, versuchte sie zu spüren. Aber da war nichts.
Dann sagte ich ihr, dass ich verstanden habe. All die Dinge, die sie nie gesagt hat, die ich aber spüren konnte. Und dass ich sie Liebe und sie vermissen werde und dass ich hoffe, dass sie glücklich wird, da, wo sie jetzt ist.

Ankommen, um zu gehen

In den letzten Wochen ist mir vieles durch den Kopf gegangen, was ich hätte bloggen können und der eine oder andere Beitrag hat sich still in meinem Kopf formiert und dann doch nicht den Weg der Veröffentlichung gefunden.

Die wichtigste Erkenntnis der letzten Tage ist, dass es kein Zurück gibt.
Wenn die Dinge sich ändern, wenn es einen (Um-)Bruch gibt, dann kommt man nie mehr zurück zu dem, was mal war oder wie es war.
Ich werde nie wieder vorbehaltlos das für Mistkerl empfinden, was ich damals für ihn empfand.
Der alte Mann und ich werden uns nie wieder tagtäglich mit einem „Guten Morgen!“ begrüßen und den Tag mit einem „Gute Nacht!“ beenden.
Ebenso wie mein Vater all die vielen Jahre die er gefehlt hat, nie wieder wird aufholen können.

Dinge ändern sich und es gibt kein Zurück.
Umso mehr sollten wir den Moment willkommen heißen, ihn genießen und in uns aufnehmen mit jeder Faser unseres Daseins.

Das Gute ist: Man kann immer anknüpfen.
Auch, wenn es vielleicht anders wird als vorher, kann man weiter machen.
Jedes Ende ein Neuanfang.
Vielleicht wird es nicht besser, aber es muss auch nicht gleich schlechter werden.
Einfach anders.

Ich konnte damals auch nicht mehr zurück.
Ich wusste: Wenn ich diese Tür öffne, kann ich nie wieder zurück.
Ich habe mein altes Leben hinter mir gelassen, abgestreift wie eine alte Schlangenhaut.
Bin ich jetzt glücklicher als früher?
Manchmal ja, manchmal nein.
Es ist anders.
Aber ich bereue nichts.

Und zum Glück erzählt mir der alte Mann, dass er mich immer noch sehr lieb hat, dass er für mich da ist in Zeiten von Kummer und Not. Danke dafür.

Und der Mann, den ich liebe, obwohl ich ihm das so nie sage; nur im Gedanken, in den stillen Momenten der Einsamkeit?
Wir sind uns so ähnlich und strahlen zusammen…wie ein gemeinsames Leuchten gegen die Dunkelheit…
Wir gehen jeden Tag, Stück für Stück, und sehen wie weit der Weg uns führt.

Ich bin dieses Jahr so sehr angekommen, wie lange nicht mehr.
Mein Ex und ich sind früher oft umgezogen, mit jeder beruflichen Veränderungen ein neuer Ort, eine neue Umgebung.
Und ich dachte immer: Wenn erstmal die Kids da sind und wir unser Haus haben, dann wird es ruhiger, dann kann ich Wurzeln schlagen.
Aber die innere Rastlosigkeit verschwand nie und vielleicht hätte ich mich ohne die räumliche Veränderungen sogar schon viel eher getrennt.
Vielleicht war ich damals zu sehr auf die ganzen äußeren Veränderungen fokussiert, vielleicht waren die ganzen Umzüge ein willkommenes Weglaufen und Nichtsehenwollen.

Die Trennung war ein riesiger Bruch in meinem Leben.
Nicht nur, weil ich nach 13 Jahren einen Weggefährten verloren habe, sondern auch, weil ich nicht einfach von einer Beziehung in die nächste stürzen wollte. Ich hatte mich abgewandt von gesellschaftlichen Normen und einem polygamen Lebensstil zugewandt.
So hungrig ich war, so sehr ich mich nach Abenteuern und neuen Erfahrungen sehnte, so sehr spürte ich auch immer wieder die alles durchdringende Einsamkeit.
Hochs und Tiefs wechselten sich ab, ein Wechselbad der Gefühle. Das war nicht immer leicht zu ertragen.

Dieses Jahr war ein Jahr der Konsolidierung.
Ich fühle mich gefestigter und weiß, wo ich stehe. Welche Beziehungen mir guttun und welche nicht. Ich habe viel gelernt über mich.
Der Sturm und Drang ist abgeebbt, Qualität geht über Quantität. Was nicht heißen soll, dass es nichts mehr zu erleben gäbe. Immer noch mehr Pläne als zeitliche Ressourcen…

Es geht mir gut.
Ich bin im Jetzt angekommen.
Auch wenn ich weiß, dass das kein Zustand für die Ewigkeit ist, dass ich mich immer wieder und wieder verändern will und werde. Aber fürs erste reicht es.

Alles in allem war es also ein gutes Jahr.
Besser als die beiden Jahre davor und wer weiß, was das kommende bringen wird?
Ich bin frohen Mutes.

Und nun, da meine Zeit so knapp wird und ich versuche mich von seelischen Dramen fernzuhalten, brauche ich diesen Blog vorerst nicht.
Dafür möchte ich meine Zeit lieber in andere Schreibprojekte stecken.
Vielleicht fange ich auch einen fiktionalen Blog an, wer weiß.
Ideen hab ich massenhaft 😀

Ich wünsche euch allen frohe Feiertage (ich habe leider noch drei Tage an der Einzelhandelsfront vor mir…) und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Alltagswahnsinn

Falls sich jemand fragt was ich den ganzen Tag lang so mache und warum ich so wenig Zeit zum Schreiben finde: Hier ein üblicher Tag zwischen Banalität und Wahnsinn, exemplarisch festgehalten für Freitag, den 11. November.

7 Uhr.
Hopphopp, schnell aufstehen, waschen, Zähne putzen und mit Chlorhexamed gurgeln*, umziehen, das vorbereitete Frühstück in die Kindergartentasche packen und den schlaftrunkenen Mini-Zombie umziehen, waschen, Zähne putzen, Jacke, Schuhe, Taschen und ab zum Kindergarten.

(*Warum mit Chlorhexamed Gurgeln?
Möglicherweise induziert durch den Laternenlauf am vorherigen Abend hatten sich Halsschmerzen bei mir eingestellt. Chlorhexamed hat sich diesbezüglich mehrfach als hervorragendes Abwehrmittel entpuppt um einer Angina vorzubeugen.)

Vom Kindergarten heute mal nicht direkt zur Arbeit sondern zur Werkstatt.
Warum zur Werkstatt?
Begeben wir uns auf eine Reise in die Vergangenheit.
Im Herbst 2015 versagen plötzlich die Scheibenwischer.
Ich gehe meine Liste männlicher Kontaktpersonen durch und schicke ein großes Fragezeichen durch die Gegend. Schließlich meldet sich jemand, der sich mit sowas auskennt. Während ich erkältet auf dem Sofa liege, behebt er das Problem. Prima.

August 2016. Erneut versagen die Scheibenwischer.
Leider habe ich meinen Kontaktmann verloren. Also konsultiere ich erneut den Rat der Gentlemen. Und werde fündig. Er erklärt mir, dass die Scheibenwischersicherung durchgebrannt sei und zeigt mir, wie man eine neue einsetzt. Ich bin stolz darauf etwas gelernt zu haben, was mit einem Auto im Zusammenhang steht.

8. November. Dienstag.
Als ich nach meiner 10-Stunden-Schicht nach Hause fahre, stelle ich auf der Autobahn fest, dass der Scheibenwischer nicht mehr funzt.
Es regnet. Scheiße.
Ich beschließe am nächsten Tag eine neue Sicherung zu besorgen.

9. November. Mittwoch
Ich fahre mit dem Auto die 4km zum Bahnhof, nehme bei dem Wetter lieber den Zug. In der Mittagsstunde besorge ich eine Sicherung, die ich nach der Arbeit einsetze (im Dunkeln mit Handybeleuchtung). Ich fühle mich zunächst erleichtert.

10. November. Donnerstag.
Ich fahre morgens mit dem Auto zum Bahnhof – und der Scheibenwischer streikt erneut.
Es regnet wie blöd und alles ist scheiße.
Beim Opel wird mir angeboten, dass ich nachmittags vorbeikommen kann.
Dort führe ich den Wagen vor und der Werkstatt-Mensch wechselt nochmals die Sicherung (an diesem Punkt darf ich glänzen und ihm zeigen, welche der Sicherungen man dafür wechseln muss).
Ich werde Zeuge, wie die Sicherung sich beim Anlassen mit einem kleinen Minifeuerwerk feierlich verabschiedet.
Wir verabreden einen Werkstatt-Termin für den nächsten Tag.
(Es folgt: Lustiges Laternenlaufen bei 2°C im Regen).

Das herausfordernde beim Fahren ohne Scheibenwischer ist ja die Situation bei Regen in Kombination mit Dunkelheit. Das Licht entgegenkommender Autos wird so immer und immer wieder in den Regentropfen der Frontscheibe gebrochen, sodass man genau gar nichts sieht und raten muss, ob die Straße nun kerzengerade oder etwas kurvig verläuft.
Ganz schön spannend.

Zurück zum Freitag.
Ich gebe also mein Auto ab.
Ursprünglich wollte ich bis mittags im Haus meines Ex verweilen, aufgrund des guten Wetters (es regnet nicht!) entscheide ich mich aber doch für die 30min Fußmarsch zu meiner Wohnung.
Während des Frühstücks sinniere ich über den Traum der vorangegangenen Nacht.
Die Werkstatt hatte mich angerufen und mir mitgeteilt, dass nun das Auto gar nicht mehr anspringen würde und ein Totalschaden wäre. Natürlich seien sie selber absolut unschuldig, das wäre auch bei mir als nächstes passiert.
Kurze Zeit später gibt es tatsächlich Neuigkeiten von meinem Auto: Ein neues Gestänge und ein neuer Motor für den Scheibenwischer werden fällig. Kostenpunkt 450 Euro. Na wonderbra.
Als nächstes kümmere mich um meine to-do-Liste, schreibe zwei Rezensionen für einen Flyer mit Buchempfehlungen und rufe bei der Rentenversicherung an.

Warum rufe ich bei der Rentenversicherung an?

Reisen wir in die Vergangenheit.

Mai 2016.
Mein Ex und ich sind beim Anwalt, weil wir die Sache mit der Scheidung mal in die Hand nehmen wollen.
Daraufhin muss ich für den Versorgungsausgleich ganz viele unlustige Zeiten nachwiesen, Zettel ausfüllen und Kopien machen.

September 2016.
Ich werde aufgefordert von der Pflegekasse einen Wisch ausfüllen zu lassen, weil ich stundenweise meinen Sohn pflege. Ich reiche den Zettel weiter.

Oktober 2016.
Ich bekomme eine Erinnerung daran, dass ich den Zettel ausfüllen lassen muss. Es eilt und so.
Ich schreibe der Pflegekasse eine Mail und hänge das stressige Gelaber von der Rentenkasse mit ran.

4. November
Ich bekomme eine weitere freundliche Erinnerung, in der mir nun mitgeteilt wird, dass die Pflegekasse unverzüglich den Wisch schicken soll, weil ich sonst wahlweise a) 25 000 Euro zahlen oder b) für 6 Monate in Gefängnis gehen darf.
Da diese nette Drohung vom Amtsgericht ausgesprochen wurde, wende ich mich als erstes an die dort angegebene Telefonnummer, wo man mir mitteilt, ich solle mich an die Rentenversicherung wenden, damit dort notiert wird, das ich mich gekümmert habe.
Zunächst rufe ich jedoch die Pflegekasse an, wo man mir mitteilt, der Wisch sei am 27.10. abgeschickt worden.
Die regionale Beratungsstelle der Rentenversicherung erreiche ich nicht mehr.

Zurück zum Freitag.
Nach der turbulenten Woche schaffe ich erst heute erneut bei der Rentenversicherung anzurufen. Nachdem ich 3 Mal nach jeweils 7 Minuten aus der Warteschleife geworfen werde, versuche ich bei der bundesweiten Servicenummer mein Glück. Dort teilt man mir mit, dass die fehlenden Zeiten nun eingetragen worden sind.

Ausblick auf Samstag: Mich erreicht ein Brief der Rentenkasse. Es hat sich gezeigt, dass die Pflegezeiten für eben den noch offen gewesenen Zeitraum für die Rentenversicherung total unerheblich sind. Man würde die Zeiten aber dennoch notieren, wenn ich noch weitere Nachweise erbringen könnte.
Ich zähle langsam bis 10, um mir nicht mit voller Kraft die Stirn an die Wand zu schlagen.

Als nächstes komme ich endlich dazu die Wohnung zu putzen und aufzuräumen, bevor ich um 13 Uhr langsam und entspannt gen Stadt aufbreche, wo ich um 13:45 einen Augenarzttermin habe.
Um 13:15 fällt mir auf halber Strecke ein, dass ich Brille und Kontaktlinsenflüssigkeit vergessen habe, also: Zurück zum Start.
13:25: Nicht mehr ganz so entspannt sprinte ich los zum Augenarzt.
13:50 Völlig außer Puste komme ich nach nur 5 Minuten Verspätung an, ziehe meine Kontaktlinsen aus und werde getropft.
14:57: Ich verlasse die Praxis mit zwei gesunden, aber riesengroßen Augen/Pupillen und sprinte zum Friseur, wo Schwiegermutter schon mit dem Großen auf mich wartet.
In dem großen Laden geht es turbulent zu und wir müssen noch 10 Minuten warten, wobei ich stets bemüht bin, dass der Große einerseits nicht vor Langeweile nölig wird (was wirklich KEINE gute Voraussetzung für unser heutiges Unterfangen darstellen würde) und andererseits weder für sich noch für seine Umwelt eine Gefahr darstellt (durch lustiges Poporutschen durch den Friseursalon und Hochziehen an allen erdenklichen Möglichkeiten).
Schließlich werden wir aufgefordert Platz zu nehmen.
Da ich seit unserem letzten Friseursalon dazugelernt habe (gedankliche Reise zum Anfang des Jahres: Der Große hampelt auf meinen Schoß herum, ich versuche ihn festzuhalten, er wehrt sich und hampelt noch mehr, wir versuchen ihn mit 3 Leuten festzuhalten, schließlich meint die Friseurin nur: Zum Glück hat er Locken, da sieht mans ja nicht wenn es schief ist! Und ich vollgeschwitzt und ausgepowert wie nach einem Boxkampf), versuche ich ihn irgendwie abzulenken und bei Laune zu halten OHNE ihn richtiggehend zu fixieren. Anfangs funktioniert es noch ganz gut, er ist damit beschäftigt sich seinen Umhang vom Hals zu reißen, schafft es jedoch relativ schnell. Die Friseurin reagiert zügig, drückt ihm eine alte Bürste in die Hand. Immer wieder hält er für eine halbe Minute inne in seinen Bewegungen, was die erfahrene Dame sogleich für ein paar Schnitte nutzt.
Während er schließlich versucht möglichst viele Haare in seinen Mund zu stopfen, schafft es die Friseurin tatsächlich auch noch ihm die Ohren freizurasieren. Das Ergebnis ist verblüffend: Die Frisur ist tatsächlich gerade und ebenmäßig, der Große war wie zu erwarten etwas unruhig, ist aber nicht eskaliert und es gab weder physisch noch psychisch irgendwelche Opfer zu beklagen.
Und so verlassen wir um 15:30 frohen Mutes den Salon, um uns in Richtung Werkstatt zu begeben.

Wir sind ein wenig zu früh, bekommen dafür aber einen Kaffee während der Große irgendwelche Aufkleber von den herumliegenden Reifen puhlt. Ich bezahle die Rechnung (tatsächlich bekomme ich noch einen Nachlass und muss „nur“ 400 Euro zahlen) und bekomme schließlich mein Auto wieder, von außen so sauber wie seit einem knappen Jahr nicht mehr. Da haben sich doch die 400 Euro gelohnt. Oder so.
Da ich noch nicht wieder fahren kann/darf, fährt uns meine Schwiegermutter im zweiten Gang die 3km zum Haus meines Ex.
Es folgen: Fütterung des Großen, Kaffee und Kuchen, Abendessen, bis ich schließlich um19 Uhr in meiner Wohnung ankomme, mir noch eine Ibuprofen reinpfeiffe und schließlich früh ins Bett gehe, da ich am nächsten Tag arbeiten muss.

Zwischen den Zeilen

Er: Wann sehen wir uns denn nächste Woche? Bei mir siehts Mittwoch und Freitag ganz gut aus.
Ich: Mittwoch muss ich lang arbeiten, hätte danach aber noch Zeit, würde mir zum Übernachten gut passen.
Er: Okay, dann haben wir aber vom Mittwoch nicht mehr wirklich viel. Freitag ist dann eher schlecht?
Ich: Hmm, Freitag hab ich Spätschicht und danach eigentlich nichts mehr vor. Und Mittwoch reichts noch für n Quickie 😉
Er: Für einen Quickie reicht es auf jeden Fall 😉
Wollte aber einen Abend auch was mit Martina unternehmen. Wollte dich nur erstmal fragen, wie es dir passt.
Ich: Achso. Alles klar.

Handy auf standbye.
Scheiße, die letzte Antwort kam zu schnell. Jetzt denkt er, ich bin beleidigt. Eifersüchtig. Patzig.
Maaaann, das kam jetzt echt patzig rüber.
„Alles klar“, das sagt doch schon alles. Das schreit doch förmlich „Leck mich am Arsch!“
Ich muss lachen.
Wie absurd!
Jetzt sitzt er bestimmt da und versucht meine drei Wörter zu deuten.
Ich sehe ihn vor meinem geistigen Auge die Stirn runzeln.
Kompliziert, diese Frau ist echt kompliziert.

Ich sollte etwas ergänzen, etwas klärendes hinzufügen.
Obwohl es auch witzig ist, wenn er sich Gedanken macht. Soll er mal machen! Und ich lass ihn im Leeren hängen 😀
Naja, er kann ja auch nachfragen.

Nee, ich schreib jetzt „bei mir gibt es übrigens keine Doppeldeutigkeit“.
So, ich bin nämlich anders als die anderen Frauen. Ich meine alles so, wie ich es sage.
Ha, reingefallen.
Stimmt ja gar nicht 😀
Um unbequeme Wahrheiten mach ich lieber einen Bogen.

Also, hmm. Wie hab ich meine Antwort denn eigentlich gemeint?
Ich erinnere mich grob an meine Gedanken, dass ich früher immer dachte: Beziehungen entweder ganz oder gar nicht. Wenn man es macht, dann bitte richtig und tieeeef reingehen ins Emotionale und sich fallen lassen und den ganzen Scheiß. Und irgendwann hat man die Enttäuschungen satt und bleibt lieber an der Oberfläche, versucht sich ständig soweit abzukapseln, dass eine Flucht jederzeit ohne bleibende Schäden möglich ist.
Okay, möglicherweise war das Glas gerade halb leer.

Also war ich möglicherweise tatsächlich ein wenig patzig und aufgewühlt und eifersüchtig, zumindest für die paar Sekunden, die ich für meine Antwort gebraucht hatte.
Ganz schön kompliziert. Kann das wirklich sein?
Hmm, ich weiß nicht, ich mag eigentlich keine komplizierten Gedanken. Können wir nicht über was anderes nachdenken?
Ich finde Spaghetti toll. Die stehen unangefochten auf Platz Nummer eins meiner Lieblingsnudeln. Ich liebe es, wenn ich sie mit der Gabel zu einem Knäuel zusammenrolle, zum Mund führe und genüsslich verschlinge.
Ein Haufen Spaghetti im Pastateller erinnert mich unweigerlich an Gehirnwindungen. Die Windungen in meinem Gehirn. Spaghetti, die sich zu Fragezeichen formieren.
Wie war die Frage?
Achja. Scheiße, schon so viel Zeit vergangen und ich habe noch nichts ergänzt. Immer noch dieses „Achso. Alles klar“ als letzte Nachricht.
Mein Gott, jetzt denkt er vermutlich, du ignorierst ihn, trotzig wie ein Kleinkind.
„Ha, was für eine Scheiß-Antwort! :-D“ setze ich an, überlege dann aber doch ob ich nicht etwas übers Ziel hinaus schieße.
War das jetzt wirklich so schlimm? Mach ich gerade aus einer Mücke einen Elefanten?
Vielleicht hat er überhaupt nichts gemerkt.
Jede Menge Männer hätten überhaupt nichts gemerkt, da würde ich wetten.
Aber er hat so ein Gefühlsradar, er ist empathisch. Ich glaube schon, dass seine Rute da ausgeschlagen ist (^^).
Ich lese nochmal alles im Kontext.
Wow, das klingt echt schlimm.
Ich muss unbedingt ablenken. Zeigen, dass ich nicht sauer bin.
Katzenbabys wären jetzt gut. Die mag jeder.
Hey, ich bin niedlich und so.
Hmm, hab gerade kein Katzenbabybild.
Dann versuch ichs mit nem Smiley.
Ich mache also abwechselnd den Smiley, der auf dem Kopf steht und den, der richtig rum ist. Als ob ich mich rumrolle.

Irgendwann antwortet er:
Du drehst dich so, dass mir ja ganz schwindelig wird.
Ich: Ja, mir auch.

Und ich denke mir: Du bist ein Freak, Maria.
Du bist ein verdammter Freak.

Das Sofa. Part two

F. und ich schreiben. Immer mal wieder. Nähern uns an.
F. will spielen.

Unlängst hat er auf dubios-verruchten Seiten des schamlos frivolen Internets eine Bekanntschaft gemacht. Männlicher Art.
Natürlich beteuerte er an dieser Stelle, er wäre nicht „bi“, wie Männer das eben im Allgemeinen tun. Das hier wäre etwas anderes, es handelte sich lediglich um das gemeinsame Ausleben eines Fetischs.
Ich rolle gedanklich mit den Augen und versuche der Geschichte zu folgen.
Und da komme ich ins Spiel.
Ob man sich nicht mal zu dritt treffen könnte.
Ich bin noch dabei ein zurückhaltendes „Okay…“ zu erwidern, da befinde ich mich auch schon in einer von F. gegründeten Whatsapp-Gruppe.
Es ist 23 Uhr und ich will eigentlich nur schlafen.
Zwischen Waschlappen und Zahnbürste bringe ich kurze Einwortsätze zustande, bei denen es mir fast schon egal ist, sollten sie als Desinteresse gewertet werden.
Der Dritte im Bunde ist ebenso überrumpelt wie ich und versucht sich peinlich berührt für seinen Spielgefährten zu entschuldigen.

In den nächsten Tagen gelingt es uns ein gemeinsames Datum für ein Treffen festzulegen.
„Das passt mir gut, an dem Tag kommt mein Sofa. Dann hab ich ja jemanden, der mir das aufbaut!“ freue ich mich.
Das die Freude am anderen Ende „der Leitung“ sich etwas verhaltender gestaltet ignoriere ich gekonnt.

Es ist also Abend.
Ich habe bereits gegessen und bin am Überlegen, ob es klug von mir war den Jungs eine Gleitzeit einzuräumen („Ihr könnt ja zwischen 19 und 20 Uhr kommen!“). Natürlich kommen sie um 20 Uhr.
F. hatte noch verweggeschickt ob ich Rotweingelüste verspüren würde. „Trocken“, hatte ich lediglich erwidert und erinnerte mich noch an das vorhergegangene Treffen. Dieser Rotwein war vorzüglich gewesen. Ich kann mich nicht mehr an den Namen erinnern, jedoch war es nichts, was sich auch nur im entferntesten auf den Supermarkt-Grabbeltischen finden ließe.
Und so steht F. natürlich um 20 Uhr ohne Rotweinflasche vor mir.
Ich überlege, ob es unhöflich wäre, ihn direkt darauf anzusprechen.
(Verdammt nochmal, wo ist mein Rotwein???)
Doch er kommt mir zuvor, entschuldigt sich dafür die Flasche zu Hause stehen gelassen zu haben. Ich rolle mit den Augen.
Dann geleite ich die Herren ins Wohnzimmer.
Ich höre ein leichtes bis mittelschweres Seufzen und gefolgt von der Fragestellung ob ich denn schon einen Plan hätte.
Ähm, nö.
Bisher war es mir nur gelungen die drei großen Haufen auf der Anleitung als Haufen A, Haufen B und Haufen C zu identifizieren.
Ich überlasse also F. das Feld, zum einen, weil ich um sein handwerkliches Geschick weiß (^^), zum anderen, weil er von Berufswegen Ahnung davon hat ein Regiment zu führen (und weil ich das letzte Mal ein schiefes Wandtattoo zu verantworten hatte, als ich meinen Kopf durchsetzen musste…).
P., der zusammen mit F. gekommen war, packt mit an so gut es geht und so weit es meine niedrige Deckenhöhe zulässt. (Er ist wirklich sehr sehr groß.)
Ich besorge das nötige Werkzeug, halte fest, wo noch eine Hand gebraucht wird, werfe kluge Blicke auf die Anleitung und nicke zustimmend.
Zwischendurch stellt F. sich auffallend dicht neben mich, drängt sich an mich heran, guckt über meine Schulter auf den Plan.
Ich versuche möglichst professionell das Knistern zu ignorieren und serviere Weißwein und Wasser.
Nachdem ich als handwerkliche Höchstleistung die beiden Kopfstützen zusammengeschraubt habe, sind es nur noch ein paar letzte Handgriffe bis das Sofa komplett steht. Erschöpft lassen wir uns darauf sinken.
Wir reden über belangloses, Small-Talk, als F. mir plötzlich die Kopfstütze klaut, sich breit macht und somit zwingt, mich näher an P. zu setzen.
Cleverer Schachzug, denke ich. So geht das also mit der modernen Kriegführung.
Ich sitze also näher an P. Und noch immer ist das Gespräch relativ belanglos, wenn auch nicht uninteressant. Dann kommen wir auf die Art und Weise des Kennenlernens der beiden Nicht-bi-Männer zu sprechen und ich bitte um szenische Vorführung aufgrund meiner mangelnden Vorstellungskraft.
Es wird also fetisch. Und dann noch ein bisschen fetischer.
Und zum Schluss auch noch sexuell, was ja gar keiner gedacht hätte (außer mir).

Das Sofa. Part one

Ich bin im Möbelhaus und gedenke mir ein neues Sofa zuzulegen. Die Eckdaten sind klar: Kein Leder, aber auch kein zu grober Stoff, damit ich ihn leicht reinigen kann (Kinder!), über Eck, damit ich mich beim Fernsehen schön langmachen kann, außerdem mit Bettfunktion und am Rücken bitte hoch genug um meinen Kopf anzulehnen.
Ich finde genau ein Sofa, das sämtliche Bedürfnisse meinerseits befriedigt.
Es ist das perfekte Sofa.

An der Kasse frage ich wie teuer der Lieferservice wäre. 42 Euro on top. Geht doch. Also buche ich den dazu.
Der Kassierer will einen Termin eintragen, aber ich weiß meinen Einsatzplan noch nicht. Außerdem kann die Spedition leider nicht mal eine grobe Uhrzeit festhalten, ich bräuchte also komplett frei. Wir verbleiben damit, dass der Termin telefonisch ausgemacht wird, sobald das Sofa sich im Lager am Ort befindet.

10 Tage später bekomme ich einen Anruf.
„Guten Tag Frau M., wir waren gestern da und es hat keiner aufgemacht. Was war denn da los?“
Ich erkläre, dass ich arbeiten war und dass in keinster Weise ein Termin für den gestrigen Tag mit mir verabredet gewesen war.
Daraufhin verwies mich die Spedition an die Servicestelle des Möbelhauses.
Auch dort erkläre ich nochmal den Sachverhalt und mache schließlich einen Termin für Ende September aus.

Zwei Tage vor dem Termin.
Ich mache ein paar Fotos von dem alten, abgewrackten Sofa und stelle eine Anzeige bei EbayKleinanzeigen rein unter der Rubrik „zu verschenken“.
Gegen Abend bekomme ich eine Whatsapp von einer Interessentin, die das Teil am nächsten Tag abholen will.

Ein Tag vor dem Termin.
Zwei junge Ökologiestudentinnen schlagen mit einem Caddy bei mir auf und transportieren das Sofa hinunter zum Wagen. Im Kofferraum liegt ein großer Sack Hafer.
Als Dank für das Sofa bekomme ich ein Glas selbstgemachten Zwetschenkompott.
Ich stelle es an die Stelle, an der vorhin noch das Sofa gestanden hatte, doch es füllt den Raum nicht annähernd aus. Dafür aber später meinen Magen.
Rückblickend betrachtet war es das beste Zwetschenkompott das ich jemals in meinem ganze Leben gegessen habe.

Der Tag des Termins.
Ich bringe den Kleinen morgens zum Kindergarten.
Beim letzten Termin hatte ich bereits drauf hingewiesen, dass die Spedition mich doch bitte kurz vor ihrer Ankunft anruft, da ich meine Kids morgens in den Kindergarten bringe und nachmittags wieder abhole.
Um nichts zu riskieren, hinterlasse ich dennoch einen Zettel an der Tür und beeile mich im Kindergarten besonders.

10:30. Mein Chef ruft an.
„Frau M., ich weiß Sie sind im Urlaub, aber ich habe heute zwei Krankmeldungen… Könnten Sie heute Nachmittag vielleicht aushelfen?“
Ich erkläre, dass ich gerne kommen würde, allerdings nicht genau wisse, wann mein Sofa denn nun tatsächlich kommt. Wir verabreden, dass ich mich melde, sobald es da sei.

11:30. Mein Chef gibt Entwarnung. Eine Aushilfskraft springt ein.

12:00. Das Sofa kommt. Natürlich ohne vorherigen Anruf.
Zwei Männer tragen große sperrige Teile über die steile Treppe mit den kleinen Stufen nach oben. Dann höre ich auf einmal den Satz: „Sie wissen, dass wir heute die 68 Euro mitnehmen?“
Kurz entgleisen mir meine Gesichtszüge.
Natürlich wusste ich, dass die Liefergebühr direkt an die Spedition zu entrichten ist, weshalb ich mir die 42 Euro bereits abgezählt auf meinen Schreibtisch gelegt hatte.
Von 68 Euro war jedoch niemals die Rede gewesen. Abgesehen davon hatte ich tatsächlich nur 50 Euro im Haus.
Ich glaube also zunächst an ein Missverständnis und korrigiere den Herrn.
„42 Euro. Ja, die habe ich hier.“
„Nein, das ist ja jetzt die zweite Anfahrt, Sie waren ja letztes Mal nicht hier. Dann sind es 68 Euro.“
Mir fällt fast die Kinnlade runter.

Eine Mischung zwischen Ohnmacht und Wut breitet sich in heftigen, heißen Wellen über meinen Körper aus und ich fange an leicht zu zittern, während ich den Männern von der Spedition nochmal alles in Ruhe erkläre.
Schwankend zwischen Mitleid und Angst sieht der eine der beiden mich an und sagt dann „Das müssen Sie mit dem Büro klären. Wir haben unsere Anweisungen, die wir befolgen müssen.“
Ich rufe also im Büro an und versuche dabei möglichst ruhig zu sein. Ohne dass meine Stimme anfängt schrill und laut zu werden und ohne dass sie sich polternd überschlägt. Ohne Vorwürfe, Provokationen und Anfeindungen. Es gelingt mir. Fast.
Der Büromensch redet zuerst mit mir, dann mit den Speditionsmenschen, dann wieder mit mir. Ich erkläre zum 1000. Mal was Sache ist und gebe zu Protokoll, dass ich die erhöhte Forderung von 68 Euro „irgendwie dreist“ finde.
Innerlich bin ich schon fast bei „nehmt das Scheißding einfach mit und macht damit, was ihr wollt, ich hab echt keinen Bock mehr auf den ganzen Zirkus hier!“ als der Büromensch schließlich doch ein Einsehen zeigt und sich mit den 42 Euro zufrieden gibt. Ich gebe den Hörer erneut weiter, da die Speditionsleute ja nur Anweisungen „von oben“ entgegennehmen.
Ich bin also ein wenig erleichtert, als die beiden sich wieder in Bewegung setzen um auch die Reste aus dem Lieferwagen zu holen.
Gänzlich zufrieden stimmt mich diese Art von „Kompromiss“ jedoch nicht, muss ich doch daran denken, wie sehr ich bei dem Laden um mein Recht kämpfen musste.
Vielleicht geht es der Möbelindustrie schlicht zu gut, als dass sie die Bedürfnisse ihrer Kunden ernst nehmen und sowas wie Kundenservice und Kundenfeundlichkeit in ihr Vokabular einbauen müssten.

Ich bleibe also verschnupft und rühre die Pakete nicht mehr an, bis es schließlich Abend wird. Wobei ein gründlicher Blick auf die großen Pakete, die nun das komplette Wohnzimmer in Beschlag nehmen, einen tiefen unheilvollen Seufzer zur Folge haben.

Wo es beginnt

Hoppla, gerade denke ich noch „Hey, meine Archive gehen bis Oktober 2014, muss bald Jahrestag sein“, da schickt WordPress mir auch schon die Gratulation zum Zweijährigen. Aus dramaturgischen Gründen hier anlässlich der Zweijahresfeier also nochmal mein allererster Beitrag 🙂

Maria Mittwoch

„Ich hab mich gefragt,
wo will ich hin
und macht mein Leben wirklich einen Sinn ?
Und mir wird klar,
ich war nur blind,
denn ich bin da
wo es beginnt!“

Wir entscheiden uns jeden Tag, jede Stunde, jede Sekunde und mit jeder Phase unseres Daseins für das Leben, das wir führen wollen. Es gibt kein „richtig“ und kein „falsch“, es gibt nur „tun“ oder „lassen“.

Ich habe mich entschieden etwas zu tun, etwas zu verändern, auszubrechen aus meinem Leben, das nach außen hin schön und geordnet verlief, während ich innerlich emotional stagnierte. Ich möchte nicht mehr stagnieren. Ich möchte Höhen und Tiefen, auf den Wellen surfen und mich unter ihnen begraben lassen. Ich möchte Leute suchen und finden und letztlich auch mich selber. Und ich denke, das krieg ich hin 🙂

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