Von Zauberflöten und Bildnissen und Opern

 

Da sitzen wir also mitten in der sengenden Nachmittagssonne auf der Waldbühne und sehen uns „Die Zauberflöte“ an.
Für uns beide nicht das erste Mal: der Kleine hatte die Oper bereits vor einem halben Jahr gesehen, bei mir lag das Ganze ein wenig länger zurück, so um die zehn Jahre, Oper Frankfurt, natürlich nicht zu vergleichen mit der nordhessischen Provinz.
Zehn Jahre waren lange genug, um den Inhalt zu vergessen, natürlich mit Ausnahme der Arie der Königin der Nacht und dem papageiähnlichen Papageno.
Gespannt versuche ich der Geschichte zu folgen, was kein leichtes Unterfangen darstellt, wenn man vor Hitze gar nicht weiß, wo man zuerst hinschwitzen soll.
Die Menschen in den Kostümen tun mir schon ein bisschen leid.
Der Kleine aber erfreut sich an dem Schauspiel.

Ich versuchte also irgendwie am Ball zu bleiben, als dieser Jüngling sich in das Bildnis der Prinzessin verliebt.
Gott, ist das bescheuert, denke ich. Man kann sich doch nicht in ein Foto … Okay, natürlich kann man das. Vielleicht sogar besser als je zuvor. Internet sei dank, wir verlieben uns in Profilbilder und Worte. Natürlich kann man argumentieren, dass ein Foto sehr flach und eindimensional ist, auf der anderen Seite wäre es aber auch vermessen behaupten zu wollen, man kenne eine Person, nur weil man viel Zeit mir ihr verbracht hat. Dann wird dieses Bildnis mit Sicherheit vielschichtiger, aber es bleibt, was es ist: Ein Bild, das ich von einer Person habe.

Bei ‚I Love Dick‘ ist es ebenso.
Chris hatte diesen einen Abend, auf dem das Bild, was sie von Dick hat, beruht. Und dann baut sie alles um dieses Bildnis herum, teilt ihm ihre Gedanken auf telepathischem Weg mit, bezieht ihn in ihre Welt mit ein, ohne dass er davon weiß oder es auf irgendeine Art spüren kann. Es gibt keine magische Verbindung.
Das Lesen seiner selbst verfassten Bücher kann ihr vielleicht einen kleinen Einblick in seine Gedankenwelt ermöglichen, aber es bringt ihn ihr nicht näher. Durch die Interpretation seiner Worte verfestigt sich sogar das Bild, das sie von ihm hat, was ihm dann gar keine Luft mehr lässt anders zu sein, als so, wie sie es von ihm erwartet.
Durch den fehlenden Kontakt und die Unmöglichkeit auf ihre Gedanken zu antworten und einzugreifen, hebt sie ihn auf ein Podest, macht ihn zu etwas Übermenschlichem, etwas Göttlichem.
So etwas kennen wir von Stars und Sternchen, die sich uns im Fernsehen präsentieren und von denen wir glauben zu wissen, wie oder wer sie sind. Wir bauen eine Beziehung zu ihnen auf, ohne dass sie auch nur ahnen, dass es uns überhaupt gibt.
Chris konnte nicht anders als scheitern, in dem Moment, in dem sie durch den Vorhang trat. Bzw. in dem Moment, in dem Dick sie durchließ.
Es musste alles zerbrechen, denn Dick war kein Gott und all ihre selbstauferlegten Wahrheiten entpuppten sich als, was sie immer schon waren: Gebilde ihrer Fantasie.

Ich erinnere mich an meine Kindheit. Ich war fast immer verliebt.
Als erstes in eine Zeichentrickfigur. Speedy Gonzales, die schnellste Maus von Mexiko.
Wie bitter die Erkenntnis war, dass ich zwar Speedy lieben konnte, er mich aber niemals zurücklieben würde, weil er schlicht nicht existierte!
So bescheuert das klingt, so groß war die Enttäuschung.
Die folgenden Lieben waren realer, allerdings nur in dem Sinne, dass die Menschen tatsächlich existierten. Ich verliebte mich in Jungs, die mich nicht beachteten, was furchtbar einfach ist, wenn man sich klein fühlt und die Welt einem vorkommt wie ein übergroßes Zirkuszelt.
Ich liebte aus der Ferne, ich liebte die Jungs an der Bushaltestelle, die Jungs aus meiner Klasse, mit denen ich nie sprach, ich liebte den Nachbarjungen, wenn er Ball spielend durch die Straße lief, ich liebte die Jungs, die in der Schulband waren.
Einmal liebte ich auch ein Mädchen, aber nur, weil sie bei ‚Tanz der Vampire‘ den Alfred gespielt hatte. Trotzdem, als sie mit einem Mal im Waschraum der Mädchen stand, bebte mein Herz bis zum Anschlag.

Es ist dieses Bild, die Erscheinung, die Oberflächlichkeit, die dann weiter gesponnen und interpretiert wird. Das Hirn versucht das Bild zu vervollständigen. Und es ist immer perfekt. Solange, bis man sich dem Objekt der Begierde nähert.
Als ob das Bild zerbricht, sobald man es berührt.
Berührung kann eine Chance sein. Eine neue Ebene. Andererseits kann sie auch alles zerstören.

Vielleicht erkennt unser Jüngling also, dass er sich geirrt hat, sobald er dem Bildnis in der Realität begegnet.

Fahret fort, denke ich, aber das Stück ist sowieso in vollem Gange.

Irgendwie zieht es sich. So wahnsinnig toll ist die Story jetzt nicht. Der Opern-Anteil ist eh auf ein Minimum reduziert. Die Arie der Königin der Nacht ist natürlich dabei, die, die wir alle kennen, wo sie so ganz nach oben mit der Stimme und so.
Vielleicht ist diese Opern-Sache auch nicht mein Ding.
‚La Bohème‘ hatte ich gesehen, auch in Frankfurt. Auf Italienisch natürlich.
Mit deutschen Untertiteln beziehungsweise Obertiteln, wenn man es genau nehmen möchte.
Ja, was soll ich sagen. Aus mir wird wohl nie ein Teil der Hochkultur.
Vielleicht darf man sich auch nicht so naiv in eine Oper stürzen, vielleicht muss man vorher erklärt bekommen, was man daran gutzufinden hat. Pädagogisch aufbereitet natürlich.

Der Abels, der eigentlich Professor Doktor ist, der konnte sowas. Der kam in den Raum und hat uns Opernaufnahmen vorgespielt.
„Und jetzt schließt die Augen und stellt euch vor, ihr wärt mitten drin.“
Wir schlossen die Augen und folgten ihm in seine Welt.
„Da – an dieser Stelle“, sagte er dann oder „Hier, achtet mal genau …“
Die Begeisterung eines kleinen Jungen, der gerade eine erstaunliche Entdeckung gemacht hat. Mit dem Unterschied, dass Abels Anfang 50 war und seit Jahrzehnten als Dramaturg arbeitete. Vermutlich war es eben diese Leidenschaft, dieses Brennen, das ihm die Stelle als Chefdramaturg an der Oper Frankfurt eingebracht hatte.
Am besten erinnere ich mich an Purcells ‚Dido and Aeneas‘. Abels spielte uns ‚When I am laid in earth‘ vor. Und wie üblich schlossen wir unsere Augen und warteten auf das ‚Remember me‘, das er uns angekündigt hatte und dann kam es mit so einer Wucht, dass es einem die Tränen in die Augen trieb.

 
Remember me. Erinnere dich an mich. Vergiss mich nicht.
Die ganze Arie ist so ungeheuer schwermütig und intensiv …
Abels wusste, wo er uns packen musste.
Und es war kein Wunder, dass wir am Ende des Kurses alle auf unseren Tischen standen, um unserem Captain zu huldigen.

Die Zauberflöte nähert sich dem Ende. Zum Glück, ich zerfließe hier in der Hitze. Wenigstens habe ich meine Wasserflasche dabei.
Eigentlich sind Musicals eher mein Ding.
Die Texte sind verständlicher, die Musik moderner. Tatsächlich waren unsere Schulaufführungen immer der Hammer. ‚Tanz der Vampire‘ zum Beispiel. Großartig.
Oder ‚Haltestelle. Geister‘ von Helmut Krausser, tituliert als ‚Trash- Oper‘, aber eigentlich war es ein Theaterstück, das mit Musik gefüllt werden konnte, so als kurze Zwischensequenz. Unsere Band zum Beispiel, spielte ‚Suddenly I see‘ von KT Tunstall.

Die Zauberflöte ist zu Ende. Am gleichen Abend noch, mache ich mich an ‚Haltestelle. Geister‘. Vor einem Monat erst, ist mir der Band ‚Theater Theater 11 – Aktuelle Stücke‘ in die Hände gefallen, nachdem ich ihn drei Jahre lang vergeblich gesucht hatte.
Ich stelle fest, dass ‚Haltestelle.Geister‘ mich noch immer umhaut. Alles drin, was ein gutes Stück braucht: Drogen, SM, Internetliebe, Tod.

Ich erinnere mich, dass unser Lehrer in der Stunde nach der Aufführung fragte, wie uns das Stück gefallen hätte. Um nicht aufzufallen, blieb ich möglichst passiv, erklärte lediglich, dass es mir gefallen hätte und ich den anderen Kommentaren beipflichten würde. Wie konnte ich sagen, dass gerade das SM-Pärchen mit den zum Kreischen absurd-bissigen Dialogen einen tiefen Eindruck hinterlassen hatte?!
(Glücklicherweise können Menschen sich doch noch ändern.)

Beim erneuten Lesen fällt mir auf, wie sehr Krausser ’99 seiner Zeit voraus war. Das Stück hat nicht an Aktualität verloren, gerade wenn man an das Thema Internetdating denkt. Ein Mann und eine Frau die sich in einem anonymen Hotelzimmer treffen wollen, um Sex zu haben, das Zimmer verdunkelt, falls man sich gegenseitig nicht gefiele. Das könnte ebenso gut 2018 spielen.
Wie gern würde ich dieses Stück noch einmal inszeniert sehen …

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Schwermut

Manchmal frage ich mich, was das war, damals. Die Nacht neben dir. In der ich nicht schlafen konnte, innerlich aufgerieben und doch verzweifelt versucht die Zeit anzuhalten, wenn es nur irgendwie möglich gewesen wäre.
Diese Schwermut … War sie mehr als ein schlichtes Nachbeben der Hormone oder das Produkt einer alkoholgeschwängerten Nacht?

Dabei war der Abend rückblickend nichts Besonderes gewesen. Der Sechserpack auf dem Zimmer war reichlich unromantisch, aber was wollte ich denn auch, ich war nicht wegen der Romantik hier. Die Party war lahm, die Musik schlecht, die Drinks teuer. Ich versuchte wenigstens eine mehr oder weniger geistreiche Unterhaltung anzuleiern, bis mir einfiel, dass ich gar nicht geistreich bin. Das Reden gestaltete sich zäh und einseitig, ich war nicht brillant, ich war Mittelmaß, höchstens, ich war einfach nicht in Form.
Der komplette Abend wirkte wie gewollt und nicht gekonnt, aber was hatte ich mir auch vorgestellt?

Ich weiß nicht genau, was mich so an dir fasziniert hatte. Aber da war etwas.
Vielleicht war es das Verletzliche, was mich so angezogen hatte. Oder die Widersprüche. Vielleicht habe ich mich in ihnen wider erkannt.
Verletzlich, nüchtern, ironisch, sarkastisch. Ein bisschen promisk.
Wobei die Verletzlichkeit nicht mehr als ein Eingeständnis war, eine Offenbarung, keine wirkliche Schwäche im Sinne der Selbstverleumdung. Selbstbewusstsein hattest du. Und Kreativität, du konntest dich ausdrücken und es war wunderbar deinen Worten zu folgen.

Authentizität. Du warst in Wirklichkeit kaum anders, als in der Virtualität.

Mein Kompliment kam mir so aufrichtig wie kindisch vor. Komplimente sind nicht sachlich, sie sind zutiefst subjektiv und „schön“ ist so ein schwaches Wort, viel zu abgedroschen und banal, eigentlich.
Du hast es ignoriert, weil nicht Worte es sind, die uns ausmachen, sondern Taten. Also handelten wir.

In der Nacht versuchte ich die Zeit anzuhalten.
Ich wollte nicht, das sie endete. Obwohl ich wusste, dass sie das tun würde, dass wir am nächsten Morgen unserer Wege gehen würde, dass dieser Abend nicht wiederholbar war. Es fühlte sich nicht falsch an neben dir, es fühlte sich sogar gut an. Geborgen.
Die Untätigkeit, das Unvermögen irgendetwas an diesem Zustand zu ändern, brachte mich um den Verstand, ich wollte leise sein, um dich nicht zu wecken, wagte nicht, dich zu berühren. Aber der Zeitpunkt des Abschieds rückte immer näher und obwohl ich ihm gerne ausgewichen wäre, wollte ich es dann doch möglichst schnell hinter mich bringen. Abschiede sind einfach nicht mein Ding.
Ich stand auf, duschte, schminkte mich, um dem Anblick der Perfektionslosigkeit zu entgehen. Ich wollte gern die Frau aus dem Fernsehen sein, die tadellos geschminkt mit perfekt sitzender Frisur neben ihrem Mann erwachte. Ich wollte dich nicht mit meiner Hässlichkeit belasten oder mich selbst entstellen. Wenn wir nur diesen einen Abend hatten, dann solltest du mich wenigstens so schön in Erinnerung behalten, wie es mir möglich war.
Ich legte mich wieder auf das Bett. Die Sonne leuchtete schwach zwischen die schweren Vorhänge hindurch. Ein neuer Tag begann.

Ich erinnerte mich an deine Bemerkung, die Entfernung sei ja gar nicht so weit, wenn man sich in der Mitte träfe. Und meine zurückhaltende Reaktion.
Fast will ich schreiben: Wir wussten beide, dass das gelogen war, dass diese Aussicht auf Zukunft sich niemals als wahr erweisen würde. Aber die Vergangenheit hat gezeigt, dass ein „Wir“ immer mit Vorsicht zu genießen ist, also wähle ich lieber die erste Person.

Wir hatten unsere Baustellen, jeder für sich und ich fühlte mich schon so nicht als fähig, den Pflichten einer Beziehung nachkommen zu können und ich hielt dich für ebenso unfähig.

Ich fragte mich, warum es mir an diesem Abend nicht gelang im Augenblick zu leben. Warum ich so schwermütig war aufgrund der Tatsache, dass dieser Moment hier mit dir eben nicht reproduzierbar war, warum ich ihn nicht einfach genießen konnte. Vielleicht hätte ich dich wecken sollen, vielleicht hätte ich egoistisch sein und meine Unruhe an dir ausleben müssen. Vielleicht hätte ich sagen müssen „Hey, du und ich, wir sind jetzt hier!“, vielleicht war es die Einsamkeit neben dir, die mich so runter zog.
Aber ich wollte dich nicht stören und eine Abfuhr erteilt bekommen noch weniger.
Also wartete ich, bis der Abschied kam.

Und sonst so?

– „Mama, die Leute sind alle verrückt!“
„Ich weiß, Maus. Aber wenn man auch ein bisschen verrückt ist,
fällt es weniger auf.“


 

„Ich kommuniziere eigentlich gern mit dir.
Neben dir fühle ich mich so klug und witzig.“
– „Als Mann sollte man einer Frau immer ein gutes Gefühl geben.
Die Wahrheit spielt da keine Rolle.“


 

„Was wäre ein guter Domainname für einen lustigen Blog?
Bin gerade gedanklich bei Fuckedundfiktion.de“
– „biererna.de
haltbarefettarmemilch.de
kuscheldiktator.de“
„Das Letzte ist mir zu autobiographisch“


 

„Die Party ist nur für Frauen und Paare, seh ich gerade.“
„Und das ist nichts für dich, weil …
du dich in keine Schublade stecken lässt?!“


 

„Weißwein macht dumm in Kopf“
– „Ach quatsch. Schieb doch nicht immer alles auf den Alkohol!
Ich habe für Dienstag schon eine Flasche besorgt.“
„Du denkst langfristig. Das gefällt mir!“


 

„Mama, wenn ich du wäre, würde ich keinen Mann heiraten,
der keine Haare mehr hat.“
T.,5, steht auf volles Haupthaar


 

„Ich hab gerade nen Salat in den Wok geworfen.“
Eine Stunde später
„Mir
ist
schlecht“


 

„Alexa, schreib mir ein Buch!“


 

„Beste Frage auf Finya: Sind Sie tendenziell ehrlich?
Und auf „Was wäre für Sie ein unbedingter Trennungsgrund“
hab ich „Kannibalismus“ geantwortet“
– „Das ist eine tendenziell ehrliche Aussage!“


 

„Mir fehlt noch ein gutes Pseudonym.“
– „Clara Normann“
„Clara Normann klingt irgendwie nach dir.
Wie ein Mann ohne Haare.“
– „Conny Riegel. Mann, hab ich Hunger.“


 

(Artikel: Mann beim Sex enthauptet durch Kettensäge“
– „Ist es eigentlich ein Zeichen von Emanzipation,
dass jetzt auch perverse Mörder mit Kettensäge weiblich sein können?“
„Bestimmt. Ist das deine neue Fetisch-Fantasie?“
– „Nö. Ich hänge nur gedanklich an dem Artikel fest.“
„Das war mit Sicherheit der Orgasmus seines Lebens“
– „Der finale Schuss sozusagen“


 

Microsoft Edge
Jetzt mit Erweiterungen

„Hab gerade „Erwartungen“ statt „Erweiterungen“ gelesen.
Hatte fast ne Panikattacke!“


 

– „Mama, wie funktioniert das mit dem Kinderkriegen? Wie kommt das Baby in den Bauch?“
15 Minuten und ein Du-willst-mich-doch-auf-den-Arm-nehmen-Blick später:
Ja, ich weiß ja, das klingt ziemlich bekloppt. Ich weiß auch nicht, wer mit dem ganzen Quatsch angefangen hat.“


 

„Vier Stunden ohne Strom, Telefon und Internet.
Der Akku ist gleich leer und die Dunkelheit bricht ein.
Nicht einmal zum Lesen reicht das Licht noch,
zu essen habe ich die Wahl zwischen kalten Tortellini,
aufgetautem Asiagemüse und rohem Fleisch.
Das Einzige, was mich jetzt noch am Leben hält ist …
Candy Crush!
Mein Tablett ist noch bei 50%,
die Welt endet also erst in zwei Stunden.“

I LOVE DICK

Nachdem ich in letzter Zeit viel über mich selbst geschrieben habe, versuche ich mal was Neues und schreibe über mich und Literatur.

Vorausgehend war der Gedanke, neben meinen Serien sowie YouTube im Allgemeinen und den Bohnen im Speziellen, in meiner Freizeit zumindest ein Buch pro Monat zu lesen.

Letzten Monat war es „Schlaf nicht, wenn es dunkel wird“ von Joy Fielding, ein Buch, das vielversprechend und mit ein paar brillant ausformulierten Sätze beginnt, bevor es nach und nach an Fahrt verliert, irgendwann stumpfsinnig wird und vor sich her dümpelt und eigentlich nur ertragbar gewesen wäre, durch eine ausführliche Auflösung, die wirklich nur ansatzweise am Ende vollzogen wird. Dieses Buch hat mir wertvolle Lebenszeit gekostet und was bleibt ist der Verdacht, dem Leser (und den Verlag, wobei sie es wohl nicht mehr nötig haben sollte, sich diesbezüglich anbiedern zu müssen) mit ein paar gut gelungenen Sätzen und einer Grundidee anfüttern zu wollen, bevor sie mit ihm eine Runde nervtötendes „Warten auf Godot“ spielt. Vermutlich hat sie dem Verlag ein Exposé hingeknallt, woraufhin der Verlagsmensch etwas sagte wie: „Alles klar, schreib mal deine 350 Seiten, dann kommt das Ding mit rein ins Programm.“
Folgerichtig muss eine Idee, die vielleicht für 100 Seiten gereicht hätte, aufgeblasen werden auf 350 Seiten und genau dieses fucking problem sehe ich immer wieder.

(Im Übrigen rege ich mich gerade deshalb auf, weil Joy Fielding schon lange im Business ist und es eigentlich besser wissen müsste.)

Ahhhhhhhhhhhh!!

Eigentlich wollte ich was anderes schreiben.

Zurück zum Punkt.

I Love Dick.

Die auf dem Buch basierende Amazon-Serie hat mir sehr gut gefallen, so gut, dass ich mich unbedingt in das Werk einlesen wollte, von dem es heißt, es sei autobiographisch.

Ich habe aktuell etwa ein Viertel der Geschichte durch und kann deshalb noch nicht über das Gesamtwerk sprechen, möchte aber ein paar Gedanken festhalten.

Ausgangssituation ist ein Abendessen, bei dem Chris erstmals auf Dick, einem Bekannten ihres Partners Silvere trifft. Sie bemerkt Dicks interessierte Blicke und fühlt sich geschmeichelt. So sehr, dass sie darauf drängt, im Anschluss an das Essen zu Dick zu fahren, was sie auch tun.

In ihrem Buch drückt sie es so aus, dass sie ihrer Paarhaftigkeit entkommen will.

Letztlich passiert in dieser Nacht nicht viel, außer ein paar Signalen, die sie meint von Dick bekommen zu haben. Als Chris und Silvere am nächsten Morgen auf dem Schlafsofa aufwachen, ist Dick nicht da. Sie warten ein wenig und fahren dann nach Hause.

Chris kann den Abend nicht vergessen, fühlt sich aufgeregt wie ein Schulmädchen aufgrund Dicks (vermeintlichen) Interesses und zieht Parallelen zu einem One Night Stand, an dessen Ende auch oft das alleinige Aufwachen steht. Sie bezeichnet den Abend als Konzeptfick. Nachdem Dick schließlich anruft und sie ans Telefon geht, kann sie an nichts anderes mehr denken als dieses Telefonat, sie beginnt jedes Wort von ihm auseinander zu nehmen und neu zu interpretieren. Mit der fadenscheinigen Entschuldigung, er litte unter Schlaflosigkeit und sei hinunter in die Stadt gefahren, um Frühstück zu besorgen, hatte er sie abgespeist. Völlig überrascht gewesen sei er, als er das Haus anschließend leer vorgefunden hatte. Chris versucht den Hintergrund seines Anrufs zu deuten. Sie sieht Dick als einen Einzelgänger, umgeben von Einsamkeit und fragt sich, ob sie ihn mit einer Konzeptromanze retten könnte.

Da Silvere und Chris schon seit Jahren keinen Sex mehr haben, versuchen sie ihre Intimität aufrecht zu erhalten, indem sie ausnahmslos über alles sprechen. Silvere lässt sich von Chris‘ Begeisterung anstecken, taucht mit ein, in ihre Gedankenwelt. Er ist es, der Chris vorschlägt, Dick einen Brief zu schreiben, den sie ja nicht abzuschicken brauche. Damit Chris sich nicht albern vorkommt, beginnt Silvere ebenfalls, Dick zu schreiben.

Der gemeinsame Versuch Chris‘ Gedankenwelt zu durchdringen, in der sie versucht Dick und ihre Gefühle für ihn zu reflektieren und Silvere sich ebenfalls um ein Verständnis für seine Partnerin bemüht, führt das Paar näher zusammen, sodass sie irgendwann wieder miteinander schlafen.

Soweit die Story, ich will jetzt auch nicht die ganze Geschichte vorweg nehmen.

Interessant finde ich das Experimentelle, dass diesen Roman umgibt. Dieser fiktionale, einseitige Gedankenaustausch durch Briefe, das erinnert mich zwangsläufig ans Bloggen.

Auch die Partien zwischen den Briefen sind interessant: Sie wirken wie eine Zustandsbeschreibung, eine Zusammenfassung dessen, was in der Zwischenzeit passiert ist, als warte man nur darauf, irgendwann aktiv in die Handlung einzusteigen. Diese Passagen werden von einem Erzähler wiedergegeben, der oft selbst nicht recht zu wissen scheint, was sich in den eher unwichtigen Zeitspannen zugetragen hat und diesbezüglich Vermutungen anstellt, was teilweise sehr eigenwillig wirkt.

Ich habe ein paar Parallelen zu Chris entdeckt, die mir tatsächlich helfen, mich selbst besser zu verstehen. Zweifellos ist das Buch auch für Chris Kraus der Versuch, zu sich selbst zu finden, zu ihrer Identität, ihren Gefühle und Gedanken auf die Spur zu kommen. Dabei halte ich Chris für extrovertierter als mich, sie hat mehr Umgang mit Menschen, ist etwas sprunghafter vielleicht, etwas emotionaler, aber auch deutlich Intellektueller, selbst wenn sie bereits auf der ersten Seite behauptet, dass sie es nicht sei. Das Buch strotzt nur so vor literarischen und intellektuellen Anspielungen und etwas später bezeichnet sie sich selbst als belesen, wenn auch nicht in dem Maße, wie ihr Freund Silvere, seines Zeichens Kulturtheoretiker.

Das war für mich so ein Knackpunkt des Buches: Intellektualität.

Für mich ist das Buch gerade so lesbar, ich lese über die vielen Querverweise hinweg, vieles sagt mir schlichtweg nichts und es wäre zu viel Ballast, würde ich jeden Punkt weiterverfolgen wollen. Ich habe schon so genug damit zu tun, gedanklich hinterher zu kommen. Ich kann aber verstehen und nachvollziehen, dass dieses Buch abschreckend auf Leser wirkt, gerade weil es sich nicht so einfach lesen lässt.

Intellektualität setzt meines Erachtens eine Grenze, eine Mauer, vor der man als Leser steht und sich überlegen muss, ob es sich lohnt, über sie steigen zu wollen.

Möglichkeit A: Man gibt auf und kehrt um, ohne zu wissen, was sich auf der anderen Seite befindet.

Möglichkeit B: Man versucht den Aufstieg, kommt auch ein Stück weit voran, fällt dann aber auf die Schnauze oder gibt auf. Je nach Typ kann das in Frustration umschlagen. Viellicht versucht der Leser es nochmal, vielleicht nie wieder. Je nachdem, ob er glaubt, dass es sich für ihn lohnen könnte.

Möglichkeit C: Man versucht den Aufstieg und schafft es mehr oder weniger gekonnt auf oder über die Mauer.

Die Frage ist natürlich, was erstrebenswerter ist: Auf der Mauer bleiben, wo man beide Seiten im Blick hat oder auf die andere Seite gelangen mit der Möglichkeit zu vergessen, was auf der anderen Seite gewesen ist. Kann man als Intellektueller vergessen, wie man mit Nichtintellektuellen verkehrt? Vergessen wahrscheinlich nicht, aber vielleicht fällt einem das Verständnis für Nichtintellektuelle schwerer, wenn man schon immer innerhalb dieses elitären Kreises verkehrt hat.

Ich würde einen Leser in meinen konkreten Bild eher auf die Mauer setzen wollen.

In jedem Fall hat Intellektualität für mich etwas ausgrenzendes, ein Machtgefälle.

Intellektualität besteht für mich aus Fremdwörtern, einem hohen Maß an sprachlicher Kompetenz, einwandfreie Rhetorik, eine überragende Allgemeinbildung, ein belesener Mensch, im größeren Maßstab ist Intellektualität ein perfekt sitzender Smoking und gute Umgangsformen, ein Essen in einem vorzüglichen Restaurant, ein teurer Rotwein, Intellektualität ist dekadent und selbstbezogen, Intellektualität ist der Versuch sich selbst emporzuheben, sich abzugrenzen und Intellektualität ist vor allem eins: Rational und frei von Emotionen.

Sie ist der Versuch, besser zu sein, sich eben nicht von Emotionen steuern und ihnen nachgeben zu wollen. Intellektualität ist sich über all das zu erheben.

Und irgendwo muss da ein Fehler sein.

Chris Kraus ist intellektuell, Silvere noch mehr, aber trotzdem erliegen sie ihren Emotionen, vor allem aber unsere Protagonistin. Ihre Gefühle geben vor und sie kann nur versuchen sie nachzuvollziehen, zu reflektieren. Sie verrennt sich in abstrakten Gedankengebilden, obwohl sie als Intellektuelle darüber stehen sollte, was im ersten Augenblick fast grotesk wirkt. Und im zweiten: Was ist Kunst? Ist Kunst intellektuell oder emotional?
Nein, die Schablone lässt sich nicht anwenden, ein Entweder-oder ist hier keine passende Lösung, weil Kunst zugleich das eine sowie das andere sein kann, am besten beides, sonst wird es belanglos.

Vielleicht wird die Gleichung sinnvoller wenn ich sage: Chris ist Kunst.

Kunst steht für sich selbst. Sie darf interpretiert und gedeutet, aber nicht verändert werden. Man kann seine Meinung dazu haben. Aber letzten Endes ist sie nicht formbar und es gibt keine Alternative, als die Akzeptanz ihrer selbst.

Zurück zur Belanglosigkeit…

Chris schwärmt für einen Mann, den sie im Grunde kaum kennt. Ein Mann, der offenbar die Einsamkeit vorzieht, ein Mann, der ihr außer ein paar interessierten Blicken nichts zu bieten hat und auch im Folgenden kein Interesse an ihr zeigt. Und doch schreibt sie sogar „Ich liebe dich.“

Ab einem gewissen Punkt wird sie sich darüber bewusst, dass sie ihn als Projektionsfläche benutzt, dass es nicht wirklich um ihn geht, sondern um ihre Wünsche und Begierden, die an die Oberfläche treten. Was sie nicht davon abhält, Dick weiter zu schreiben.

In ihren Bestrebungen wirkt sie zutiefst obsessiv, drängt ihren Partner immer wieder dazu, Kontakt zu Dick aufzunehmen, in der Hoffnung, dem Gedankenkonstrukt letztlich ein wie auch immer geartetes Ende bereiten zu können.

Durch Dicks (vermutete) Ablehnung, ausgelöst durch die Tatsache, dass er nicht Eingriff nimmt in die Handlung der Geschichte sondern durch Abwesenheit glänzt, erreicht Chris‘ Besessenheit ganz neue Dimensionen. Sie verrennt sich noch mehr in ihrem Gedankenkarussell, bezieht diese Art der Ablehnung auf sich, zweifelt an sich selbst bis zum Selbsthass, wird mürrisch und weinerlich. Das Ganze zieht etwas Kindisches mit sich, in dem Moment, in dem sie eben nicht versucht, sich wie ein Erwachsener zu verhalten und sich über ihre Gefühle zu erheben. Doch sie weigert sich standhaft und vielleicht kann sie es nicht mal, jedenfalls unternimmt sie nichts gegen ihre Gefühle, kontrolliert sie nicht, lässt sie fließen und beurteilt sie dennoch kritisch. Es wirkt, wie ein Widerspruch in sich, weil sie gleichermaßen hilflos und reflexiv erscheint.

Durch Dicks Abwesenheit vergrößert sich der Spielraum der Interpretation nur noch, Chris‘ kann nur raten, warum er sich nicht meldet und was er über sie denkt. Sie fühlt sich hilflos und ausgeliefert. Zudem versteht sie Dick als einen einsamen, selbstsicheren Charakter. Er ist sich selbst genug, er ist nicht auf sie angewiesen und genau das ist der Punkt, warum er einen noch größeren Reiz ausübt. Würde er sich melden, würde er sie wollen, obwohl er sie nicht nötig hätte, obwohl er auch ohne sie klarkäme, würde das ihr Selbstbewusstsein enorm steigern. Dahinter steckt vielleicht die Sehnsucht, genau diesen Punkt selbst erreichen zu wollen. Die vollkommene Zufriedenheit ganz allein mit sich selbst.

Aus Frauensicht ist mir durchaus bekannt, dass Männer, die sich in Zurückhaltung üben und deren Gedanken oft ein Mysterium sind, einen großen Reiz ausüben, ganz besonders, wenn sie der Hauch eines Bad-Boy-Images umweht. Sie wirken irgendwie magnetisch und wie ein großes Gefäß, in das man die eigenen Gedanke und Wünsche hineinprojiziert. Nicht wenige kommen auf den Gedanken, ein solches Gefäß aus der (oft eigentlich selbst erwählten) Einsamkeit erretten zu wollen oder zu müssen. (Ganze Romane funktionieren ja so: Erst als SIE IHM die Augen öffnete, konnte er den Zugang zu seinem Herzen blabla, schnarch.)

Auch Chris fragt sich, ob sie Dick durch eine Konzeptromanze aus seiner Einsamkeit befreien könne.

Diese drängende, im Kreis laufende und sich selbst befruchtende Art der Besessenheit ist mir nicht fremd. Vielleicht ist gerade das der Grund, warum mir Chris Kraus nicht einfach nur auf die Nerven geht (das tut sie schon auch, genauso wie ich mir selbst ab einem gewissen Punkt auf die Nerven gehe), sondern tatsächlich zu einem Teil meines Charakters vordringt, den ich gleichermaßen verabscheuungswürdig wie faszinierend finde, auch wenn ich ihn gern als neurotisch bezeichne.

Die Frage ist: Will das jemand lesen? Ist das für irgendjemanden relevant, wenn ich mich in selbst konstruierten und völlig abstrakten Gedankenwelten bewege, nur weil ein Mann mir nett zugelächelt hat oder weil ich im Internet auf ein interessantes Profil gestoßen bin?

Zumindest für mich geht diese Idee auf, ich liebe diese Hingabe, dieses Verletzliche, wenn sie sich selbst entblößt und der Welt ihre Kehle hinstreckt, damit sie über sie richten kann. Sie stellt sich selbst zur Schau, „Nabelschau“, wie es abfällig in einigen Bewertungen hieß. Das hat ohne Frage auch etwas Narzisstisches.

„Wer sich selbst entblößt, kann sich niemals erniedrigen“ schreibt Chris Kraus später und ich hoffe, dass was dran ist.

Tatsächlich bin ich ein bisschen neidisch auf die Beziehung mit Silvere, auch wenn sie sich im Laufe der Zeit von ihm trennen wird. Mir gefällt, dass er Chris nicht nur so akzeptiert und liebt, wie sie ist, sondern sie auch unterstützt, er macht dieses Spiel mit, als wäre das völlig normal, er versteht sie vollkommen. Die beiden befruchten einander mit ihren Ideen, ziehen sich gegenseitig mit, inspirieren einander. Diese Verbindung scheint mir sehr wertvoll und wenn ich die Biographie recht verstehe, hat sich der Kontakt auch nie ganz gelöst.

Auf der anderen Seite ist das mit der „Paarhaftigkeit“ so eine Sache. Sie nimmt viel Zeit und Raum in Anspruch, zu zweit kann man sich nie so entfalten, wie man es alleine täte. Ein Zustand, der mich immer wieder in einen Zwiespalt führt. Zu zweit muss man weniger Verantwortung übernehmen, zu zweit ist man weniger mit seinen Gedanken allein, zu zweit wächst meist der finanzielle Spielraum, man teilt seine Sorgen und Nöte und nicht zuletzt komme ich immer wieder an diesen Moment, an dem es schmerzt meinen Kindern keine intakte (Patchwork-) Familie bieten zu können. Der Blick der Außenwelt ist gerade für geschiedene Frauen mit Kindern geschärft.

„Sag mal, willst du eigentlich keine neue Beziehung?“

Dreieinhalb Jahre nach der Scheidung eine legitime Frage, tatsächlich bin ich ziemlich genau vor zwei Jahren an dem Versuch, eine monogame Beziehung zu führen, gescheitert. Es ging nicht, raubte mir meine Energie, engte mich ein. Ich weiß nicht, ob ich jemals zuvor eine so emotionale Achterbahnfahrt erlebt habe. Irgendwas zwischen „wahrer“ Liebe, echten Gefühlen, dem Wahnsinn, der mich in eine Furie der Zerstörung verwandelt hat, so hässlich und laut, wie ich sie vorher nie gekannt habe. Ich tue gut daran, mich von so tiefen, polariserenden Gefühlen fernzuhalten. Aber, immerhin, ich habe es versucht.

Rückblickend ist es nahezu absurd, dass ich den Mann mit dem Raum nur einen Tag nach diesem furchtbaren Ende getroffen und in mein Herz geschlossen habe. Und ich bin sehr dankbar für diesen großen Raum, den wir beide brauchen. Beziehungsanarchie kommt dem wohl recht nahe. Eine Beziehung ohne Regeln und Erwartungen, ein bisschen wie eine Wildwasserfahrt ohne Ziel, eine Beziehung, die nur dann funktionieren kann, wenn man auch Halt in sich selbst findet.

Neben dem Energiediebstahl und der Freiheitsberaubung (ist das nicht die schönste Definition von Beziehung, die ihr jemals gelesen habt?!) gibt es zwei Dinge, die mich (persönlich, auf mich selbst bezogen, ihr könnt doch machen, was ihr wollt!) an Beziehungen massiv stören.

Erstens, dieser völlig absurde Glaube, man würde den Anderen in- und auswendig kennen, man wüsste jeden Gedanken, jede Haltung, die der Partner zu einem Thema hat. Dass das nicht der Fall sein kann, sollte spätestens dann einleuchten, wenn man sich die 50%ige Seitensprungrate ansieht. Ja, 50% aller Menschen haben ihren Partner betrogen, in dem sie mit einem anderen Menschen geschlafen haben und ja, das kam für alle waaahnsinnig überraschend…

Gerade im sexuellen Bereich wird so unglaublich wenig über die eigenen Begierden oder die des Anderen gesprochen, das viele offenbar geradezu stoisch naiv und blind davon ausgehen, der Partner habe gar keine Vorlieben, oder Fantasien oder ihm wäre der (kaum vorhandene) Sex genug. Ich will nicht behaupten, dass Reden über Sex ein Präventivschlag gegen Seitensprünge wäre, aber vielleicht wären nicht alle so fucking überrascht, wenn man sich mal eingestehen würde, wie absurd so ein Versprechen über sexuelle Treue eigentlich ist.

Vor allem, wenn man den Reiz des Neuen mit in die Gleichung aufnimmt. Enge Beziehungen langfristig lebhaft zu erhalten, ist schon schwer genug. Man nähert sich einander an, lernt den Anderen einzuschätzen oder glaubt es zumindest und irgendwann schleicht sich der Alltag ein. Wenn jetzt ein Reiz von außen kommt, der den Alltag durchbricht, dann ist das verdammt nochmal ’ne Herausforderung nicht diese Abzweigung zu nehmen. Vor allem, wenn man durch diese Abzweigung eine Selbstbestätigung bekommen kann, die man vom Partner entweder nicht mehr bekommt oder einfach nicht mehr wahrnimmt.

Zweitens: Diese furchtbare Verliebtheit, dieser Überfluss an Hormonen, dieses Immer-mehr-wollen, das mich den oberen Punkt vollkommen vergessen lässt. Als ob das Hirn alles Rationale und jeden klugen Gedanken einfach ausgelöscht hätte. Irrational, verhaltensauffällig, unzurechnungsfähig. Vollkommen blind und gelähmt aufgrund der eigenen Emotionalität und Verletzbarkeit, kann man gar nicht genug Zeit mit dem Partner verbringen, man vergisst alles um sich herum, alles was einem mal wichtig war und fortgeführt werden sollte, der komplette kreative Antrieb ist im Arsch, weil sich alle Gedanken nur noch um das Objekt der Begierde drehen. („Liebe ist wie ein Schlaganfall“, wo hab ich das noch gelesen? Prima Buchtitel jedenfalls (Erster!))

Und man glaubt ja tatsächlich, es würde eine Art magische Verbindung bestehen, sodass der Partner jede Faser des eigenen Wesens durchdringen könnte, als ob er jeden Gedanken schon von weitem erkennen würde und ein perfektes Bildnis seiner selbst hätte, das er vorurteilsfrei liebte, genau, wie es andersherum der Fall ist. Dass diese Idee vollkommen naiv und haltlos ist, darauf kommt man erst gar nicht.

Chris hat diesem Zustand immerhin etwas Produktives abgewinnen können, indem sie ihre Energie in etwas Kreatives umgesetzt hat. Ich empfinde Verliebtheit als ein selbst erwähltes Gefängnis mit rosa Plüschdekoration, in das man freiwillig und jauchzend einzieht, wie ein Lemming, der freudig in den Abgrund rennt. Das hat etwas zutiefst masochistisches.

[Jaaaaa, mir geht es gut, danke der Nachfrage. Ihr kennt meine Polemik. Ich bin in Wirklichkeit ganz anders. [Fragt sich nur in welcher]]

Also: lieber der Konzeptfick?

Natürlich kann man auch Sex haben ohne Gefühle für sein Gegenüber, aber das ist langweilig. Konzeptficks haben den großen Vorteil der Anonymität und der Unverbindlichkeit, man kann so viele von ihnen haben, wie man möchte, ohne das irgendjemand was davon mitbekommt. Konzeptficks beinhalten (in meiner Welt) die Idee, das Gegenüber würde den Imaginierenden nicht nur körperlich, sondern auch auf Charakterebene attraktiv finden und wertschätzen. Wenn ich das so überdenke, dann steht bei Konzeptficks wie bei realen Ficks, der Wunsch im Vordergrund, vom Gegenüber in all seiner Komplexität wahrgenommen, akzeptiert und wertgeschätzt zu werden und gleicht somit der oben beschriebenen Verliebtheit. (Sex und das Bedürfnis nach ihm haben auch etwas von Unzurechnungsfähigkeit, oder?)

Letztendlich sehe ich das aber nur als Ausdruck einer Sehnsucht nach Bestätigung (plus der Reiz des Fremden/des Neuen). Was mich nicht im Geringsten von ihnen abhält. Konzeptficks sind nicht zielgerichtet, sie entstehen automatisiert, als wäre der Kopf die Leinwand und mit einem Mal entsteht ein Film, der sich kaum noch stoppen lässt.

I Love Dick wird als ein feministisches Werk gefeiert, was vielleicht ein bisschen viel gewollt ist. Chris ist zweifellos eine starke Frau und sich so konsequent so verletzlich zu präsentieren ist mehr als mutig, aber eine direkte Aufforderung zum feministischen Handeln sehe ich zumindest bislang nicht. Könnte man nicht fast in Verlegenheit kommen, Frauen als emotionale, übergriffige Furien zu bezeichnen, mit denen ein gewisser Kontrollverlust einhergeht? Von außen sieht das Ganze nicht unbedingt nach Feminismus aus, manch einer erkennt vielleicht nur ihre Schwäche, die in Wirklichkeit ihre Stärke ist.

Die Serie dagegen könnte man sicherlich als (post)feministisch einstufen, postfeministischer Hinweis könnte die recht androgyne Person sein, die sich schwer in gängige Klischees und Schubladen packen lässt.

Ich werde die Serie im Anschluss an das Buch noch einmal sehen, bisher fällt mir nur auf, dass die Briefe in der Serie um einiges verkürzt dargestellt werden, wenn auch nicht weniger brillant und dass es viel mehr um die Handlung und die atmosphärischen Bilder geht, als um die Entstehung oder den Inhalt der Briefe an sich.

In der Serie ist naturgemäß alles sehr aktiv und in Bewegung und nicht in einer Rückschau erzählt.

Auch wird Chris in der Serie weit weniger intellektuell dargestellt, ganz im Gegensatz zu Dick, der sie nicht nur milde belächelt, sondern auch ihre Kompetenz als Künstlerin in Frage stellt und sie damit offen angreift. Mit dieser Ausgangslage werden die Liebesbriefe an Dick viel stärker zu einer masochistischen Sehnsucht nach Anerkennung, Chris‘ Motivation wird zu einer anderen.

Auch, wenn mir das alles bekannt ist – diese Selbstzweifel bis hin zur Selbstdemontage an dessen Ende der Hass oder zumindest ein Sich-nicht-wohlfühlen mit sich selbst und der eigenen, im Kreis drehenden Gedankenwelt, wie auch der Wunsch nach bedingungsloser Anerkennung – den großen Unterschied zwischen Chris und mir sehe ich in dem Kippen meiner Laune an einem bestimmten Zeitpunkt, wenn der Leidensdruck so groß wird, dass ich mir einfach nur noch auf die Nerven gehe. Dieses Kippen führt zu einem Perspektivwechsel, ich fange an, mich selbst von außen  zu betrachten.

Durch dieses Abspalten von mir selbst, kann ich meine Emotionalität ganz losgelöst als etwas Absurdes, Groteskes und absolut Irrelevantes betrachten. Mir wird klar, wie narzisstisch meine Gedanken sind, wie sehr sich alles nur um mich kreist. In diesem Moment der Loslösung, fühle ich mich geerdet.

Jahrestage

Über ein Jahr ist das jetzt schon her mit Oma und Opa.

An Opas Todestag war Rosenmontag und ich dachte, ob ihm der ganze Trubel wohl gefallen hätte. Er war ein humorvoller Mensch, immer einen blöden Spruch auf Lager. „Da staunt der Laie, der Fachmann wundert sich.“ Naja, zumindest hielt er sich für lustig.
Aber ein Karnevalstyp… Nein, ich denke, das war er nicht.

An Omas Todestag war ich tatsächlich vor Ort. Einer dieser Tage, an denen das Wetter nicht weiß, wofür es sich entscheiden soll: Sonne? Wolken? Regen?
Wir kommen, um an diesem Wochenende das Geschenk für meinen Bruder einzulösen, der einen Monat zuvor volljährig geworden war. Wir hatten ihm ein Ticket für eine berühmte Zaubershow geschenkt, zu der wir ihn alle begleiten wollten, meine Mutter, ich und der Kleine.
Wir kommen also an, nach über vier Stunden Fahrt, eine Dreiviertelstunde davon im Stau. Direkt zum Friedhof. Nein, abgesprochen war das nicht.
Ich hatte vom Stau aus geschrieben und meine Mutter hatte geantwortet, wir sollten direkt zur Wohnung fahren, mein Bruder war ja da und würde uns aufmachen.
Aber jetzt…
Ich fuhr sowieso jedes Mal vorbei, um Hallo zu sagen. Ein Gespräch anzufangen: Wie geht’s euch so?
Nicht viel, nur kurz, ich habe nie viele Worte gemacht und meistens nur zugehört, schon zu ihren Lebzeiten war das so.

Vor ein paar Monaten hatten wir zu dritt dort gestanden: Mein Bruder, meine Mutter und ich – und ich war das Gefühl nicht losgeworden, dass sich jemand freute, uns alle zusammen zu sehen, anstatt einzeln, wie sonst üblich.

Vermutlich brauchte ich diese Besuche auch, um mich der Tatsache zu vergewissern, dass sie wirklich tot und begraben waren und nicht einfach in ihren Zimmern im Altenheim auf unseren Besuch warteten.

Dieses Mal schlägt mir die Realität direkt in die Magengrube.
Es muss am Todestag liegen, am exakten Datum, dass ich plötzlich wieder die Menschen sehe und spüre, die sich um die kleine Kapelle sammeln. Ich sehe mich neben der dunklen hölzernen Tür stehen, spüre, wie die Ungeduld sich in Schmerz wandelt, während wir hier draußen warten bis alle auf ihren Plätzen sitzen. Mein Beileid hier, mein Beileid da. Ich könnte kotzen.

Die Rede vom Pastor, so grotesk, dass ich am liebsten laut auflachen wollte, würde mir das Schluchzen nicht im Hals stecken bleiben. Nein, Oma war nicht einfach, sie war schwierig, sie hatte ihre Dämonen und in klaren Momenten wusste sie um ihr eigenes Scheitern. Sie war ein tragischer Mensch, egoistisch und unnahbar, eine Matriacharin. Trotzdem spürte man die Liebe, die von ihr ausging. Sie war nicht kalt, jedenfalls nicht generell. Aber sie war impulsiv und voller Wut auf das Leben, an dem sie gleichermaßen hing und es verabscheute. Warum gerade ich?
Das völlige Unverständnis dafür, dass sich nichts ändert, wenn man nichts ändern will. Ich habe doch alles getan… Aber für wen? Nach welchen Regeln? Was war dein moralischer Kompass, deine Leitlinie? War nicht das Ansehen dein höchstes Gut, gesellschaftliche Anerkennung, ein Leben nach altem Rollenverständnis, dass nicht zu dir passte und eigentlich längst überholt war. Nur in deinem Kopf nicht. Du hast dich selbst in einen Käfig gesperrt und es nicht einmal gemerkt. Dafür hast du alle Leiden lassen.

Ich folge dem Weg, den wir genommen hatten, immer dem Sargträger hinterher. Spüre den wackligen Knien nach, die Augen verschleiert, kein Gleichgewicht mehr.
Oma.
Ich warf die Rose ins Grab, verabschiedete mich noch einmal. In diesem Moment war es schön, seine Familie um mich zu haben. Vertraute Gesichter geben uns Halt.

Drei Monate zuvor hatten wir Opa begraben. Ich hatte geweint und die Rose geworfen und mich verabschiedet und Oma hatte mich zu sich gerufen. „Komm ehm her, Maria.“
Oma, im Rollstuhl, eine Umarmung, dann greift sie mit ihrer heilen Hand nach meiner. Keine Worte, Oma war sprachlos.

Ich laufe auf das Grab zu, die riesigen Thujas nehmen mir die Sicht. Ich weiß nicht, ob meine Mutter noch da ist, sie wollte erst abends zurück sein. Aber auch so möchte ich einen Moment verweilen.
Dann sehe ich sie schon von weitem. Meine Mutter, meine Tante, meinen Onkel.
Es ist gut, dass die Geschwister näher zusammen gerückt sind. Ein Gefühl von Heimat, als ich auf sie zu laufe. Wie ein Bild, das plötzlich wieder ganz ist, Puzzleteile, die ineinander übergreifen.

Später reden wir noch über den verpassten Abschied.
Die anderen hatten Oma zumindest am Vorabend ihres Todes noch einmal gesehen, auch wenn der dann doch ganz überraschend kam. Ich dagegen, hatte sie nicht einmal zu Ostern gesehen, krankheitsbedingt hatte ich mich gegen eine Fahrt an die Nordsee entschieden. So war also Opas Beerdigung unser letztes Treffen.
Es schmerzt, sie nicht noch einmal gesehen zu haben. Auch wenn es gewissermaßen tröstlich ist, dass ihr Tod letzten Endes alle überraschte. Wäre ich Ostern da gewesen, hätte es keinen Unterschied gemacht, ich hätte mich doch nie richtig verabschieden können.
Dafür war ich in der Kühlkammer gewesen, hatte ihre kalte Hand gehalten und sie um mich gespürt.

Wir reden auch darüber, dass ich oft nur Opa spüren kann. Als wäre Oma an einem anderen Ort, als müsste sie ihre Lektion erst noch lernen. Opa dagegen, fühlt sich immer gut, so in meinem Kopf.

Unverständnis macht sich breit, warum hatte er sich nie getrennt, warum hatte er sich viel zu oft viel zu schlecht behandeln lassen? Und warum hatte es ihm nichts ausgemacht?
Während Oma zerrissen wirkte, war Opa der ruhende Pol mit dem blöden Spruch auf Lager. Auch wenn er manchmal ausriss, für eine Nacht, auch wenn er manchmal Widerworte gab, alles in allem wirkte er zufrieden, ausgeglichen, mit sich selbst im Reinen.

Früher wirkte er auf mich so abstrakt. Ich wusste nie, was er dachte oder fühlte, mehr als Gleichmut und einen ausgeprägten Sinn für blöde Sprüche kann ich ihm heute noch nicht andichten. Aber in letzter Zeit denke ich, dass vielleicht mehr Opa in mir steckt, als ich immer geahnt hatte.
Sein Optimismus zum Beispiel. Diese lässig-naive „Das wird schon“-Haltung. Oder die blöden Sprüche, mit denen ich jetzt selbst meine Kinder nerve, in der Hoffnung, ihnen ein Lächeln zu entlocken. Manchmal rutscht mir sogar ein „Da staunt der Laie, der Fachmann wundert sich“ raus.

Suchmaschinenoptimiertes Schreiben

Nächste Haltestelle: Geld verdienen

Das mit dem Geld ist immer so eine lästige Angelegenheit.
Ich mache mir ja nicht viel aus Geld, aber wenn es jeden Monat ein bisschen weniger wird und die Wünsche die gleiche bleiben, dann sehe ich eine Diskrepanz zwischen Soll und Haben.
Ganz ehrlich: Von mir aus könnte der olle Corsa noch ewig halten, nur die Erfahrungswerte zeigen, dass die Dinge es eben nicht tun. Die Erfindung der Zeit hat diese schlechte Angewohnheit, einfach Dinge zu zerstören, nichts bleibt für die Ewigkeit. Skrupellos hat sie nun auch meinen neuen Laptop auf dem Gewissen, die Zeit. Aber immerhin noch Garantie.

Beim Auto aber nicht. Wenn da mal der Motorschaden kommt nach 13 ehrenvollen Jahren, dann isses hinüber, ganz und gar. Und ohne geht nicht. Nicht mit Kids, besonders nicht mit behinderten und nicht hier, zu weit ab vom Schuss.
Da beißt die Maus keinen Faden ab: irgendwann muss ein neues Auto her, in naher Zukunft.
Und außerdem hätte ich gerne eine Wohnung mit Balkon.
Und ich würde gerne mit dem Kleinen in den Urlaub fahren.

In den letzten Monaten habe ich überlegt, ob man nicht online durch Schreiben Geld verdienen kann. Es gibt Plattformen wie Textbroker oder Content.de, die habe ich mir angesehen. Dabei geht es vor allem darum, Texte für Homepages zu schreiben, die die Sichtbarkeit in den Suchmaschinen erhöhen (SEO: Search Engine Optimization).

Tatsächlich steht SEO stellvertretend für den Untergang der deutschen Sprache.
Es gilt nämlich, die in den Aufträgen genannten Keywords im Text unterzubringen – und oftmals sind das zwei oder mehr zusammenhängende Wörter, die nicht getrennt werden dürfen.
Ist das Keyword also „Babys Entwicklung“, darf man zum Beispiel nicht schreiben „die Entwicklung des Babys“. Es gibt auch Ausnahmen, dann sind sogenannte Füllwörter erlaubt. Allerdings ist auch dann in der Regel nur ein Wort aus einer vorher festgelegten Liste erlaubt, das zwischen den beiden Keywords stehen darf.

Ich habe mich also ausgiebig mit dem ganzen Klimmbimm befasst und mich anschließend an zwei Texte gewagt.
Der Spaß hört allerdings nicht bei den Keywords auf, das wäre ja zu einfach.
Der von mir gewählte Text sollte von der Entwicklung des Geruchssinns eines Neugeborenen handeln, dabei musste ich

mindesten zwei und maximal drei Mal das Wort „Geruchssinn“ benutzen
Am Anfang drei, vier Sätze schreiben, die neugierig auf den Text machen sollten
drei Unterüberschriften wählen, deren Absätze jeweils 4-5 Sätze lang waren
mindestens zwei externe Links einfügen, die sich auf mein Text beziehen. Die entsprechenden Seiten mussten zwingend aus der Schweiz kommen und durften nicht von der Konkurrenz stammen (was an sich schon fast unmöglich war)
insgesamt eine Länge zwischen 250 und 280 Wörtern erreichen

Für diese Arbeit gab es ungefähr 8-9 Euro zu verdienen.

Ich recherchierte also und versuchte meine Text in sinnvolle Abschnitte zu gliedern sowie Links aus dem Schweizer Web zu ziehen (und fand lediglich einen einzigen). Das Ganze kostete mich knapp zwei Stunden. Dann stellte ich fest, dass ich das Wort „Geruchssinn“ zu oft verwendet hatte und das System meinen Text so nicht akzeptieren wollte.
Ich suchte nach Alternativen und begnügte mich halbherzig und mit Bauchschmerzen mit Umschreibungen wie „das Riechen“ und reichte den Text ein – den ich postwendend zurück bekam.
Die erste Bitte um Korrektur war auf das Layout bezogen und es war ein Leichtes, den Text neu zu gliedern, aber dann kam die zweite Änderungsrunde und es hieß, die ersten Zeilen würden nicht neugierig genug machen, der Leser würde vielleicht nie über diese zwei, drei Zeilen hinauslesen, wenn sie ihn nicht in seinen Bann zögen und ich dachte nur „mach deine Scheiße doch allein“ und löschte daraufhin mein Konto.
Sicherlich wäre ich bei einer angemessenen Bezahlung anders vorgegangen, aber für den beschissenen Stundenlohn kann der Auftraggeber nicht ernsthaft verlangen, dass ich den Text noch X-mal überarbeite, Pardon, aber irgendwann ist auch mal gut mit dieser scheiß Geiz-Mentalität.

Ich hatte vorher bereits in diversen Erfahrungsberichten gelesen, wie schwer es war die Texte in die strengen Vorgaben einzufügen, gepresst in ein enges, starres Korsett, die Luft abgeschnürt, bis die Wörter sich nicht mehr wehren können und eines langsamen Todes sterben.
Und darüber, wie viel Zeit Recherche, Planung und Korrektur in Anspruch nimmt und dass es niemanden gibt, der auch nur ansatzweise 10 Euro die Stunde auf solchen Plattformen verdient. Und darüber, dass man sich keine Fehler erlauben darf, weil man sonst seine hart erkämpfte Qualitätsstufe verliert, mit dem Ergebnis, dass man nicht nur weniger Aufträge erhält, sondern für diese auch (noch) schlechter entlohnt wird.

Und dann gibt es noch Plattformen wie Machdudas.
Dort geht es um alles mögliche im kreativen und nichtkreativen Bereich. SEO wird eher selten gefordert, gern aber kreative Texte, auch ganze Ebooks werden angekauft. Man ist in der Gestaltung oft freier, dafür kann man seinen kompletten Roman verhökern für 1 Cent pro Wort. Natürlich fertig korrigiert, Lektorat und Korrektorat sollte schon gemacht sein, bittedanke.
Das habe ich ein Mal gemacht. Ich war dann doch nicht so frei, wie zuerst suggeriert, ich könne mich nicht richtig in den Leser hineinversetzen, was der von mir erwartet. Naja, so ist das mit Erwartungen. Trotz intensiven Bemühens war es mir nicht möglich, so zu schreiben, dass es der Auftraggeberin gefiel.

Da sind wohl die 5 Euro für positive Rezensionen auf der großen Verkaufsplattform mit A schon leichter verdientes Geld.
Es gibt ja tatsächlich eine Riege von Autoren, die die Meinung vertreten, es wäre im Selfpublisher-Business gang und gäbe sich seine Bewertungen zu erkaufen, das täte schließlich jeder und man wäre ja dumm, es nicht zu tun.
Natürlich: Klar ist es für einen Kunden reizvoller etwas zu kaufen, von dem viele Käufer begeistert sind, natürlich steigert das den Umsatz und natürlich gehört einem dafür der Hintern versohlt, verdammt nochmal!

Nein, nicht jeder kauft seine Rezensionen selbst und wer das tut, der sollte damit rechnen, irgendwann aufzufliegen und als Autor gesperrt zu werden.

Mittlerweile habe ich es aufgegeben im Internet nach einer Möglichkeit zu suchen, Geld zu verdienen. Ich finde mich und mein Schreiben sowieso viel besser, wenn ich mich dafür nicht verbiegen und nur meinen eigenen Regeln gehorchen muss.

Zwischenstand

Nach zweieinhalb Monaten geht es dem Fuß deutlich besser und ich kann allmählich zu meinem Alltag zurückkehren und wieder mehr Zeit in meiner eigenen Wohnung verbringen.

Das ist schön, ich mag meine Wohnung, ich liebe die schrägen Wände, die niedrige Decke, die Balken und die kleine Küche, in der ich meistens sitze, um zu schreiben. Alles ist so, wie ich es mag, die Wände mal beige, mal braun, mal blau, mal Tapete und mal Wandfarbe, aber alles irgendwie stilvoll. Würde ich behaupten wollen. Dazwischen Sinnsprüche an den Wänden, die mancher für abgedroschen halten würde – ich aber nicht.

Es gab keinen Pflegedienst für uns.
Keine Kooperation und erst recht kein eigenständiges Team.
„Systemisches Versagen“ nennt das der Typ von der Krankenkasse mit den wilden Haaren.

Ich weiß nicht genau, was mich so überrascht an der Tatsache, dass er einen Anzug trägt. Er passt zu ihm und gleichzeitig passt er wieder nicht. Der Anzug wirkt so ambivalent wie ich es gerne bin. Seriös und gleichzeitig locker-lässig.
Das Reden geht ihm leicht von den Lippen, ein geübter Redner, der so schnell spricht, wie er denkt, ohne uns dabei zu überfordern. Fachmännisch klärt er und über die Vor- und Nachteile des persönlichen Budgets als Alternative zur Pflegesachleistung auf, dazwischen immer wieder sein schnoddriger Sprachstil, der so gar nicht zu seinem äußeren Erscheinungsbild passen will. Fast würde es mich nicht wundern, wenn er plötzlich im Schneidersitz auf der lackierten Sitzfläche des Esszimmerstuhls säße, die Schuhe ausgezogen und die Socken gegen das Holz gepresst. Und irgendwo eine Kippe im Mundwinkel hängend.

„Haben Sie noch mehr Kinder?“, will er wissen, als der Kleine runter kommt und Süßigkeiten einfordert.
„Nein, mehr von der Sorte haben wir nicht versteckt.“
Wie üblich, klären wir unser Gegenüber nicht darüber auf, dass wir eigentlich geschieden sind und ich eigentlich gar nicht hier wohne, aber man muss ja nicht immer alles erklären.

Er fragt nach unseren Berufen und im Eifer des Gefechts bezeichne ich mich selbst als Schriftstellerin.
Manchmal gebe ich auch an, ich sei Texter und gebe vor SEO-Texte für Internetseiten zu schreiben, weil mir das seriöser vorkommt, aber dieses mal rutscht also „Schriftsteller“ raus, obwohl ich kaum Geld damit verdiene und obwohl nichts von mir in irgendwelchen Buchhandlungen parat steht und natürlich fühle ich mich augenblicklich schlecht und starre den Tisch an und wenn ich könnte, würde ich rot werden.
„Das ist gut, dann können Sie Kinder und Beruf sicherlich gut vereinen. Mein Vater ist Regisseur, der war jedenfalls viel zu Hause.“

Wäre ich vorher nicht schon beeindruckt gewesen von seiner Erscheinung, dann wäre ich es spätestens jetzt gewesen. Natürlich kann man an dieser Stelle anführen, dass Sohn eines Regisseurs zu sein keine wirkliche Leistung ist, sondern lediglich Produkt eines Zufalls und das Regisseur zu sein noch lange nichts über die Qualität der geleisteten Arbeit aussagt, aber ich war schon immer leicht zu beeindrucken und so bin ich gedanklich schon auf der Google-Suchleiste, um den Nachnamen meines Gegenübers in die Tastatur zu hämmern und mit den Schlagwort „Regisseur“ zu versehen.

Der Mann von der Krankenkasse räuspert sich, fährt mit der Hand durch seine Mähne und setzt seinen Text fort. Stundenlohn, Zuschläge, Arbeitsverträge. Das müssen wir alles wissen, wenn wir selber Leute einstellen wollen.
Am Ende steht er auf und streicht dem Großen durch die lockere Frisur.
„Cool, mein Sohn hat auch so Haare. Da könnte man den ganzen Tag drinrum wühlen“, sagt er und verabschiedet sich mit einem „Mach’s gut, Dicker!“
Fürs erste ist er der Ansprechpartner, wenn später alles läuft, übernimmt die Kollegin.
Ich begleite ihn zur Tür, reiche ihm die Hand zum Abschied und bedanke mich für das Gespräch.
„Kommen Sie gut zurück“, rufe ich hinterher, schließlich ist er nicht von hier, doch kaum haben sich meine Lippen geschlossen, finde ich meine Wort unangemessen und anbiedernd. (Scheiß Emanzipation!)

Jetzt also die Suche nach Pflegepersonal. Und nach einem Lohnbüro, aber das sollte wohl das geringste Problem sein. Eine Kalkulation muss her, Vorlagen für Patientendokumentation, für die Geräte und für den anderen Quatsch. Wir also als Arbeitgeber…