Suchmaschinenoptimiertes Schreiben

Nächste Haltestelle: Geld verdienen

Das mit dem Geld ist immer so eine lästige Angelegenheit.
Ich mache mir ja nicht viel aus Geld, aber wenn es jeden Monat ein bisschen weniger wird und die Wünsche die gleiche bleiben, dann sehe ich eine Diskrepanz zwischen Soll und Haben.
Ganz ehrlich: Von mir aus könnte der olle Corsa noch ewig halten, nur die Erfahrungswerte zeigen, dass die Dinge es eben nicht tun. Die Erfindung der Zeit hat diese schlechte Angewohnheit, einfach Dinge zu zerstören, nichts bleibt für die Ewigkeit. Skrupellos hat sie nun auch meinen neuen Laptop auf dem Gewissen, die Zeit. Aber immerhin noch Garantie.

Beim Auto aber nicht. Wenn da mal der Motorschaden kommt nach 13 ehrenvollen Jahren, dann isses hinüber, ganz und gar. Und ohne geht nicht. Nicht mit Kids, besonders nicht mit behinderten und nicht hier, zu weit ab vom Schuss.
Da beißt die Maus keinen Faden ab: irgendwann muss ein neues Auto her, in naher Zukunft.
Und außerdem hätte ich gerne eine Wohnung mit Balkon.
Und ich würde gerne mit dem Kleinen in den Urlaub fahren.

In den letzten Monaten habe ich überlegt, ob man nicht online durch Schreiben Geld verdienen kann. Es gibt Plattformen wie Textbroker oder Content.de, die habe ich mir angesehen. Dabei geht es vor allem darum, Texte für Homepages zu schreiben, die die Sichtbarkeit in den Suchmaschinen erhöhen (SEO: Search Engine Optimization).

Tatsächlich steht SEO stellvertretend für den Untergang der deutschen Sprache.
Es gilt nämlich, die in den Aufträgen genannten Keywords im Text unterzubringen – und oftmals sind das zwei oder mehr zusammenhängende Wörter, die nicht getrennt werden dürfen.
Ist das Keyword also „Babys Entwicklung“, darf man zum Beispiel nicht schreiben „die Entwicklung des Babys“. Es gibt auch Ausnahmen, dann sind sogenannte Füllwörter erlaubt. Allerdings ist auch dann in der Regel nur ein Wort aus einer vorher festgelegten Liste erlaubt, das zwischen den beiden Keywords stehen darf.

Ich habe mich also ausgiebig mit dem ganzen Klimmbimm befasst und mich anschließend an zwei Texte gewagt.
Der Spaß hört allerdings nicht bei den Keywords auf, das wäre ja zu einfach.
Der von mir gewählte Text sollte von der Entwicklung des Geruchssinns eines Neugeborenen handeln, dabei musste ich

mindesten zwei und maximal drei Mal das Wort „Geruchssinn“ benutzen
Am Anfang drei, vier Sätze schreiben, die neugierig auf den Text machen sollten
drei Unterüberschriften wählen, deren Absätze jeweils 4-5 Sätze lang waren
mindestens zwei externe Links einfügen, die sich auf mein Text beziehen. Die entsprechenden Seiten mussten zwingend aus der Schweiz kommen und durften nicht von der Konkurrenz stammen (was an sich schon fast unmöglich war)
insgesamt eine Länge zwischen 250 und 280 Wörtern erreichen

Für diese Arbeit gab es ungefähr 8-9 Euro zu verdienen.

Ich recherchierte also und versuchte meine Text in sinnvolle Abschnitte zu gliedern sowie Links aus dem Schweizer Web zu ziehen (und fand lediglich einen einzigen). Das Ganze kostete mich knapp zwei Stunden. Dann stellte ich fest, dass ich das Wort „Geruchssinn“ zu oft verwendet hatte und das System meinen Text so nicht akzeptieren wollte.
Ich suchte nach Alternativen und begnügte mich halbherzig und mit Bauchschmerzen mit Umschreibungen wie „das Riechen“ und reichte den Text ein – den ich postwendend zurück bekam.
Die erste Bitte um Korrektur war auf das Layout bezogen und es war ein Leichtes, den Text neu zu gliedern, aber dann kam die zweite Änderungsrunde und es hieß, die ersten Zeilen würden nicht neugierig genug machen, der Leser würde vielleicht nie über diese zwei, drei Zeilen hinauslesen, wenn sie ihn nicht in seinen Bann zögen und ich dachte nur „mach deine Scheiße doch allein“ und löschte daraufhin mein Konto.
Sicherlich wäre ich bei einer angemessenen Bezahlung anders vorgegangen, aber für den beschissenen Stundenlohn kann der Auftraggeber nicht ernsthaft verlangen, dass ich den Text noch X-mal überarbeite, Pardon, aber irgendwann ist auch mal gut mit dieser scheiß Geiz-Mentalität.

Ich hatte vorher bereits in diversen Erfahrungsberichten gelesen, wie schwer es war die Texte in die strengen Vorgaben einzufügen, gepresst in ein enges, starres Korsett, die Luft abgeschnürt, bis die Wörter sich nicht mehr wehren können und eines langsamen Todes sterben.
Und darüber, wie viel Zeit Recherche, Planung und Korrektur in Anspruch nimmt und dass es niemanden gibt, der auch nur ansatzweise 10 Euro die Stunde auf solchen Plattformen verdient. Und darüber, dass man sich keine Fehler erlauben darf, weil man sonst seine hart erkämpfte Qualitätsstufe verliert, mit dem Ergebnis, dass man nicht nur weniger Aufträge erhält, sondern für diese auch (noch) schlechter entlohnt wird.

Und dann gibt es noch Plattformen wie Machdudas.
Dort geht es um alles mögliche im kreativen und nichtkreativen Bereich. SEO wird eher selten gefordert, gern aber kreative Texte, auch ganze Ebooks werden angekauft. Man ist in der Gestaltung oft freier, dafür kann man seinen kompletten Roman verhökern für 1 Cent pro Wort. Natürlich fertig korrigiert, Lektorat und Korrektorat sollte schon gemacht sein, bittedanke.
Das habe ich ein Mal gemacht. Ich war dann doch nicht so frei, wie zuerst suggeriert, ich könne mich nicht richtig in den Leser hineinversetzen, was der von mir erwartet. Naja, so ist das mit Erwartungen. Trotz intensiven Bemühens war es mir nicht möglich, so zu schreiben, dass es der Auftraggeberin gefiel.

Da sind wohl die 5 Euro für positive Rezensionen auf der großen Verkaufsplattform mit A schon leichter verdientes Geld.
Es gibt ja tatsächlich eine Riege von Autoren, die die Meinung vertreten, es wäre im Selfpublisher-Business gang und gäbe sich seine Bewertungen zu erkaufen, das täte schließlich jeder und man wäre ja dumm, es nicht zu tun.
Natürlich: Klar ist es für einen Kunden reizvoller etwas zu kaufen, von dem viele Käufer begeistert sind, natürlich steigert das den Umsatz und natürlich gehört einem dafür der Hintern versohlt, verdammt nochmal!

Nein, nicht jeder kauft seine Rezensionen selbst und wer das tut, der sollte damit rechnen, irgendwann aufzufliegen und als Autor gesperrt zu werden.

Mittlerweile habe ich es aufgegeben im Internet nach einer Möglichkeit zu suchen, Geld zu verdienen. Ich finde mich und mein Schreiben sowieso viel besser, wenn ich mich dafür nicht verbiegen und nur meinen eigenen Regeln gehorchen muss.

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Zwischenstand

Nach zweieinhalb Monaten geht es dem Fuß deutlich besser und ich kann allmählich zu meinem Alltag zurückkehren und wieder mehr Zeit in meiner eigenen Wohnung verbringen.

Das ist schön, ich mag meine Wohnung, ich liebe die schrägen Wände, die niedrige Decke, die Balken und die kleine Küche, in der ich meistens sitze, um zu schreiben. Alles ist so, wie ich es mag, die Wände mal beige, mal braun, mal blau, mal Tapete und mal Wandfarbe, aber alles irgendwie stilvoll. Würde ich behaupten wollen. Dazwischen Sinnsprüche an den Wänden, die mancher für abgedroschen halten würde – ich aber nicht.

Es gab keinen Pflegedienst für uns.
Keine Kooperation und erst recht kein eigenständiges Team.
„Systemisches Versagen“ nennt das der Typ von der Krankenkasse mit den wilden Haaren.

Ich weiß nicht genau, was mich so überrascht an der Tatsache, dass er einen Anzug trägt. Er passt zu ihm und gleichzeitig passt er wieder nicht. Der Anzug wirkt so ambivalent wie ich es gerne bin. Seriös und gleichzeitig locker-lässig.
Das Reden geht ihm leicht von den Lippen, ein geübter Redner, der so schnell spricht, wie er denkt, ohne uns dabei zu überfordern. Fachmännisch klärt er und über die Vor- und Nachteile des persönlichen Budgets als Alternative zur Pflegesachleistung auf, dazwischen immer wieder sein schnoddriger Sprachstil, der so gar nicht zu seinem äußeren Erscheinungsbild passen will. Fast würde es mich nicht wundern, wenn er plötzlich im Schneidersitz auf der lackierten Sitzfläche des Esszimmerstuhls säße, die Schuhe ausgezogen und die Socken gegen das Holz gepresst. Und irgendwo eine Kippe im Mundwinkel hängend.

„Haben Sie noch mehr Kinder?“, will er wissen, als der Kleine runter kommt und Süßigkeiten einfordert.
„Nein, mehr von der Sorte haben wir nicht versteckt.“
Wie üblich, klären wir unser Gegenüber nicht darüber auf, dass wir eigentlich geschieden sind und ich eigentlich gar nicht hier wohne, aber man muss ja nicht immer alles erklären.

Er fragt nach unseren Berufen und im Eifer des Gefechts bezeichne ich mich selbst als Schriftstellerin.
Manchmal gebe ich auch an, ich sei Texter und gebe vor SEO-Texte für Internetseiten zu schreiben, weil mir das seriöser vorkommt, aber dieses mal rutscht also „Schriftsteller“ raus, obwohl ich kaum Geld damit verdiene und obwohl nichts von mir in irgendwelchen Buchhandlungen parat steht und natürlich fühle ich mich augenblicklich schlecht und starre den Tisch an und wenn ich könnte, würde ich rot werden.
„Das ist gut, dann können Sie Kinder und Beruf sicherlich gut vereinen. Mein Vater ist Regisseur, der war jedenfalls viel zu Hause.“

Wäre ich vorher nicht schon beeindruckt gewesen von seiner Erscheinung, dann wäre ich es spätestens jetzt gewesen. Natürlich kann man an dieser Stelle anführen, dass Sohn eines Regisseurs zu sein keine wirkliche Leistung ist, sondern lediglich Produkt eines Zufalls und das Regisseur zu sein noch lange nichts über die Qualität der geleisteten Arbeit aussagt, aber ich war schon immer leicht zu beeindrucken und so bin ich gedanklich schon auf der Google-Suchleiste, um den Nachnamen meines Gegenübers in die Tastatur zu hämmern und mit den Schlagwort „Regisseur“ zu versehen.

Der Mann von der Krankenkasse räuspert sich, fährt mit der Hand durch seine Mähne und setzt seinen Text fort. Stundenlohn, Zuschläge, Arbeitsverträge. Das müssen wir alles wissen, wenn wir selber Leute einstellen wollen.
Am Ende steht er auf und streicht dem Großen durch die lockere Frisur.
„Cool, mein Sohn hat auch so Haare. Da könnte man den ganzen Tag drinrum wühlen“, sagt er und verabschiedet sich mit einem „Mach’s gut, Dicker!“
Fürs erste ist er der Ansprechpartner, wenn später alles läuft, übernimmt die Kollegin.
Ich begleite ihn zur Tür, reiche ihm die Hand zum Abschied und bedanke mich für das Gespräch.
„Kommen Sie gut zurück“, rufe ich hinterher, schließlich ist er nicht von hier, doch kaum haben sich meine Lippen geschlossen, finde ich meine Wort unangemessen und anbiedernd. (Scheiß Emanzipation!)

Jetzt also die Suche nach Pflegepersonal. Und nach einem Lohnbüro, aber das sollte wohl das geringste Problem sein. Eine Kalkulation muss her, Vorlagen für Patientendokumentation, für die Geräte und für den anderen Quatsch. Wir also als Arbeitgeber…

Und dann noch der Unfall

Samstag.
Kurzentschlossen fahre ich mit dem Großen nach Kassel zum Intensiv-Café.
Mein Exmann war schon einmal mit ihm dort, doch ich hatte gezögert, immerhin bedeutete das eine Dreiviertelstunde Fahrt mit einem Kind, das an jeder Ampel quakt, aber der Kleine ist mit dem Papa Schlittenfahren, das letzte Mal für diesen Winter, also fahre ich doch hin.

Es gibt Tee und Kaffee und Frühstück, ein leckeres Büfett steht bereit und an allen Ecken und Enden treffe ich Leute, die wir von früher kennen: unsere erste Logopädin, die ihre Praxis direkt neben dem Klinikum hatte, die Ergotherapeutin aus dem Spielzimmer von Station F81, eine Krankenschwester, die früher bei uns war und jetzt einen kleinen Sohn bekommen hat.
Die Leiterin der Intensiv-Cafés kommt auf uns zu, begrüßt uns herzlich, zeigt uns ihren Sohn, der bewegungslos in einem elektronischen Rollstuhl sitzt und gerade abgesaugt wird.
Eigentlich sei er in einer Einrichtung untergebracht, aber die Leute sind krank und es herrscht Fachkräftemangel. Jetzt muss es so gehen, irgendwie.
Ich nicke und erzähle meine Geschichten.
Die von den Sensoren kennt sie auch.
Auch bei ihr war die Frist viel zu kurz, auch sie hatte sich bei der Krankenkasse beschwert.
Nur, dass der Fall bei ihr ein wenig anders lag. Er wog schon fast 40kg und nichts sprach gegen die Verwendung von Dauersensoren, es hatte schlicht und ergreifend nie jemand nachgefragt.
„Und auf einmal kommt man sich vor wie ein Sozialschmarotzer, nur weil er 11 Jahre lang die Einmalsensoren bekommen hat und es für uns normal war!“
Jetzt habe er einen Dauersensor, aber die Krankenkasse hatte sie schlecht beraten, lange habe es gedauert, bis der richtige gefunden war.

Währenddessen sitzt der Große in der Spielecke und wirft einen Ball. Schaut ihm hinterher, wie er fliegt. Freut sich.
Dann fängt er an zu weinen, der Ball ist weg und die Mama auch.
Ich rufe ihn zu mir.
Er hört mich, aber er sieht mich nicht. Während seine Augen die Menschen nach bekannten Gesichtern absuchen, schießen die Arme in die Luft.
Hol mich ab, Mama!, heißt das.
Ich gehe zu ihm und er will laufen, also nehme ich seine Hände in meine. Wir erkunden den Raum, jeden kleinsten Zentimeter, drehen unsere Kreise.
Dann setze ich ihn hin und bediene mich am Büfett.
F. krabbelt zur verschlossenen Küchentür, will sie öffnen, aber es klappt nicht. Unmut macht sich breit. Dann wirft jemand den Ball und er wirft ihn zurück.
Ich knabbere gerade an meinem Brötchen, da klingelt das Telefon. Mein Exmann.
„Ich glaube, ich hab mir den Fuß gebrochen. Ich bin gerade auf dem Weg ins Krankenhaus.“
Ich möchte mit dem Kopf auf die Tischplatte hauen und schaffe es gerade so, dem Drang zu widerstehen.
Dann esse ich mein Brötchen auf, trinke noch einen Kaffee, und mache mich auf den Weg zu unserem kleinen Vorstadtkrankenhaus.

„Die Strecke war vereist und wir sind immer schneller geworden, mitten auf die Bäume zu.“
Er wollte den Kleinen schützen, irgendwie bremsen. Und die Ferse musste dran glauben.
Es waren noch andere da, die hatten ihn zum Auto gezogen.
Er hatte es sich nicht nehmen lassen, selbst zu fahren, wollte den Wagen nicht stehen lassen, über 30km vom Wohnort entfernt. Wer hätte den auch abholen können?
Und so stand er dann vorm Krankenhaus und der Kleine war heldenhaft hinein gegangen, um Hilfe zu holen.
„Volltreffer!“, hatte es nach dem Röntgenbild geheißen. „Komplett zersplittert. Das muss operiert werden.“
Ich packe die Jungs in mein Auto, fahre zum Haus von meinem Exmann.
Der Große muss sondiert werden. Dann Klamotten packen für meinen Ex. Mit dem Buggy den Berg runter zum Krankenhaus, zum Glück liegt hier alles nah beieinander. Wir geben die Tasche ab, dann steige ich in das Auto meines Exmanns. Drücke möglichst viele Knöpfe, um das Radio auszuschalten. Dann ab zu meiner Wohnung, Kinder raus aus dem Auto und rein in den ersten Stock, schon jetzt spüre ich die Rückenschmerzen von Fs 19kg.
Sachen packen, was brauch ich alles?
„Nicht den Spiegel umwerfen, F!“
– „Mama, F macht den DVD-Player kaputt!“
„Ich komm ja schon!“
Als meine Taschen gepackt sind bin ich froh, dass er nur die Gardine heruntergerissen hat. Hätte schlimmer kommen können.

Zurück beim Haus ist F wieder dran. Um 16 Uhr wird immer sondiert.
Dann Sachen auspacken. Essen machen. Essen. F noch einmal sondieren. Die Kinder baden. F wickeln, umziehen, möglichst so, dass er den Schlafsack nicht aufbekommen, also Reißverschluss nach hinten und ein T-Shirt drüber, sicher ist sicher.
Natürlich haben wir heute keinen Pflegedienst da, also bin ich heute die Nachtschwester.
Das Bett wird nach unten gefahren, sodass F nicht aufstehen und herausfallen kann. Die Therapiehandschuhe anziehen. Den Klettverschluss eng um das Handgelenk gewickelt, sonst kriegt er sie wieder auf.
Ich überlege. Sollen wir hier bleiben?
Ich bleibe eine Stunde und F fällt immer wieder in seinen Fünfminutenschlaf, nickt weg, wacht auf, nickt wieder weg…
Um 22 Uhr hole ich den CD-Spieler aus Ts Zimmer. Bob der Baumeister läuft.
F schläft wieder ein. Und ich verschwinde mit T ins Schlafzimmer.
Kurze Zeit später ist alles ruhig.
Noch einmal wird er wach, von 12-1 und von 5 bis 5:10, fast 8 Stunden schläft er in dieser Nacht. Von einem Pflegekräfte mordenden F ist zumindest diese Nacht nichts zu sehen.

Aktueller Stand: Nächste Woche OP. Dann darf er 6 Wochen lang den Fuß nicht belasten.
Klingt…anstrengend. Für alle Beteiligten.

Funfact: Whatsapp-Nachricht vom Montag.
„Guten Abend Frau Mittwoch, die Schulassistenz ist diese Woche wieder krank und die Vertretung ist auch nicht da. Wie machen wir das mit dem Sondieren?“
Ich (nachdem ich innerlich mit dem Kopf gegen sämtliche Wände des Hauses geschlagen habe):
„Wenn alle Stricke reißen, komme ich mittags, aber mein Exmann liegt im Krankenhaus und der Pflegedienst kommt zur Zeit auch nur jede zweite Nacht und es wirklich super, wenn sich irgendjemand findet, der das Sondieren übernehmen würde.“
Zur Not auch ein dreiköpfiger Affe, füge ich in Gedanken hinzu.
Zwei Stunden später hat sich tatsächlich jemand gefunden 🙂

[Das war’s jetzt erstmal von der Front]

Fachkräftemangel

– „Frau Mittwoch, unsere Leute schaffen das einfach nicht mehr mit Ihrem Sohn.“
Verständnislos nicke ich ins Telefon.
Wer ist nochmal da? Die Schule? Ist die Schulassistenz wieder krank?
– „Drei der Pflegekräfte wollen nicht mehr kommen. Sie werden gekratzt, gebissen, gekniffen… Sie müssen verstehen, jeder hat das Recht auf körperliche Unversehrtheit…“
So langsam fügen sich die Puzzleteile zusammen.
– „Die eine hat berichtet, sie hätte eine volle Windel an den Kopf geworfen bekommen. Und F. hätte auch noch gelacht dabei.“
„Naja, F. wirft alles, was er in die Finger bekommt und freut sich…“
– „Einige meinen auch, F. würde abends so aussehen, als hätte man ihn den ganzen Tag schlafen lassen. Dann ist es kein Wunder, wenn er nachts so schlecht schläft…
Also, es tut mir leid. Ab dem 1.3. können wir kein Team mehr stellen. Wenn sich irgendwas ändert, wenn er was bekommt, dass ihn nachts ruhig stellt, dann würden die anderen zurückkommen, aber…“
– „Der Prof. Dr. meinte, die Medikamente würden auf die Atmung gehen und ihn auch am Tag schläfrig machen.“
– „Ja, aber der sitzt auch nicht die ganze Nacht mit F. in einem Zimmer.“
„Und wie ist das denn rechtlich überhaupt? Der erste März ist ja schon übernächste Woche!“
– „Als Pflegedienst können wir innerhalb von 14 Tagen von unserem Vertrag zurücktreten. Wir würden Ihnen gerne ab dem 1.3. einen Vertrag nach Kapazitäten anbieten, es sind ja immer noch vier Pflegekräfte an Bord. Aber wir können dann nur noch den halben Monat abdecken.
Wir wären auch für eine Kooperation mit einem anderen Pflegedienst offen…“
„Also, ganz ehrlich, die Nachricht haut mich gerade echt um! Das kommt total aus dem Nichts!“
„Ich weiß, Frau Mittwoch, wir hatten ja im November noch die große Runde bei Ihnen im Haus und da gab es offensichtlich noch keine Probleme… Ich bin auch die letzte, mit der meine Mitarbeiter sprechen, glauben Sie mir, ich bin genauso überrascht. Aber wir haben Fachkräftemangel und ich werde einen Teufel tun, meine Leute gegen ihren Willen irgendwo einzusetzen, ich kann keine einzige Pflegekraft verlieren…“
„Okay. Alles klar. Dann versuch ich mal mein Glück.“

Einatmen. Ausatmen.
Laut Fluchen.
Nochmal einatmen. Ausatmen.
Den Exmann auf den neusten Stand bringen.
Und Nummern raussuchen.
F. hat Atemaussetzer und wird nach Bedarf beatmet, dafür braucht man eine Intensivpflege-Weiterbildung. Abgesehen von unserem jetzigen und dem alten Pflegedienst, gibt es vier weitere Adressen.
Anruf 1: Tut uns leid, Fachkräftemangel. Keine Aussicht, dass in nächster Zeit was frei wird.
Anruf 2: Momentan alles dicht. Ab April könnte man was machen, aber erster März ist zu kurzfristig.
Anruf 3: Wir kooperieren grundsätzlich nicht mit ABC-Care. Wir haben da unsere Erfahrungswerte.
Aber für ein ganzes Team haben wir leider auch nicht genug Leute. Fachkräftemangel, Sie wissen ja.
Anruf 4: Bei Ihnen haben wir leider gar keine Leute. Versuchen Sie es mal bei 1, 2, und 3.

Also rufe ich bei 2 an. Lieber ab April, als gar nicht.

Und ich schreibe einen Brief. An die Pflegekräfte.

Darüber, dass F. nicht reden kann, dass er keine andere Möglichkeit hat, als sich durch seinen Körper, seine Gesten aufmerksam zu machen. Dass sich das eben manchmal in Kratzen, Haare ziehen oder Kopfanschlagen bemerkbar macht. Dass man das natürlich nicht gutheißen muss oder soll, sondern seine eigene Grenze ziehen muss. Dann man auch laut werden darf, wenn man mit ihm schimpft, dass man Blickkontakt mit ihm aufbauen muss und seine Hände so lange festhalten und mit fester Stimme „Nein!“ sagen muss, bis er es verstanden hat.
Er ist nicht dumm, er weiß, was ein „Nein“ bedeutet, wenn man es ernst meint.
Ich schreibe, dass wir offen sind für Vorschläge, auch was Medikamente angeht, die sich nicht negativ auf seine Aktivität am Tag auswirken, dass wir kein Kind wollen, das den ganzen Tag nur passiv da liegt und dass wir alle Vorschläge mit dem Arzt diskutieren werden.
Ich schreibe, dass jeder sich jederzeit bei mir und meinem Exmann melden kann, per Telefon, Whatsapp oder Brief, ganz egal wie, wir haben offene Ohren, auch, wenn ich normalerweise nicht im gleichen Haus schlafe, bin ich doch immer erreichbar.

Dass ich enttäuscht bin darüber, dass nicht vorher das Gespräch gesucht wurde, schreibe ich so nicht hinein. Auch nicht den Frust darüber, dass nicht einmal abgewartet wurde, bis wir Ersatz gefunden haben.
Ich schreibe nicht, dass ich mich vom Pflegedienst allein und im Stich gelassen fühle.
Ich schreibe nicht, dass ich das Verhalten als unfair empfinde, vielleicht sogar asozial.
Ich schreibe auch nicht, dass manche Pflegekräfte F mögen und mit ihm gut klarkommen, dass eine sogar sagte, sie wäre gern noch öfter da, würde aber oft woanders eingeteilt, dass die Nächte mit F. ja größtenteils ruhig sind und die ganz schlimmen Nächte die Ausnahme, dass wir Eltern jetzt die Leidtragenden sind und unser Kind auch nicht so einfach abgeben können.
Fachkräftemangel.

Aktueller Stand: Pflegedienst 2 hat seine Mitarbeit ab April abgesagt.

Ein Drama in viel zu vielen Akten

Wir schreiben den 19. Januar. Irgendwo in Nordhessen wählt eine Frau eine Nummer.
Klack.
„ABC- Krankenkasse, was kann ich für Sie tun?“
„Guten Tag, mein Name ist Frau Mittwoch. Ich rufe an wegen meinem schwerbehinderten Sohn, Sie haben uns einen Brief zukommen lassen, indem es um die Versorgung seiner Sensoren geht…
„Mmmh, einen Moment… Ja, ich hab’s hier vorliegen. Es soll geprüft werden, ob ihr Sohn einen Dauersensor bekommen soll?!“
„Genau. Tja, der Brief lag vorgestern erst bei uns im Briefkasten und die Fristsetzung für das ärztliche Gutachten war bis gestern – also das schaffen wir sicherlich nicht mehr.
Ich habe den Brief heute Morgen weitergeleitet, der Kinderarzt wird etwas dazu aufsetzen, aber der hat natürlich auch noch andere Dinge zu tun…“
„Selbstverständlich. Dass mit den kurzen Fristen ist unrealistisch, das wissen wir selber. Aber wir sind leider dazu verpflichtet, wissen Sie? Wir müssen so kurze Fristen setzen. Aber natürlich haben wir da einen gewissen Spielraum.“
„Alles klar, gut zu wissen.“
„Ich vermerke, dass Sie angerufen haben.“

26.1.
Ich frage bei meinem Kinderarzt nach, ob der Bericht mittlerweile abgeschickt worden ist.
Bereits am 24.1. sei er mit der Post rausgegangen.

29.1. Wir haben Post von Krankenkasse.
Der Bericht vom Arzt sei noch nicht da, dabei seien wir zur Mitarbeit verpflichtet.
Ich rufe den Kinderarzt an. Die Praxis hat diese Woche geschlossen, erzählt mir der Anrufbeantworter.
Ich rufe die Krankenkasse an:
„Guten Tag, Mittwoch, mein Name, es geht um die Versorgung von Sauerstoffsensoren für meinen schwerbehinderten Sohn.“
„Guten Tag, worum geht es genau?“
„Angeblich sei der Bericht unseres Kinderarztes noch nicht beim MDK angekommen, dabei hat der den Brief nach eigenen Angaben am 24.1. abgeschickt.“
„Hmm, ich prüfe nochmal, ob wir irgendetwas vom MDK zurückgemeldet bekommen haben, Moment…. Nein, da ist nichts. Ich kann Ihnen gerne nochmal die Unterlagen rausschicken, damit der behandelnde Kinderarzt den Bericht einfach nochmal abschickt. Wie bereits geschrieben, dauert es dann ca. 3-4 Wochen, bis der MDK alles geprüft hat und im Anschluss werden wir dann eine Entscheidung über die zukünftige Versorgung fällen.“
„Ja, und in der Zwischenzeit? Mein Sohn hat die Sauerstoffüberwachung ja nicht zum Spaß…“
„Ich weiß jetzt nicht konkret, was hinter der Prüfung steht, vielleicht gehen Sie verschwenderisch mit dem Material um? Jedenfalls kann die TK während der Zeit der Prüfung die Kosten für die Einmalsensoren nicht übernehmen.“
„Okay, und, mal ganz plakativ gefragt: Wer haftet dafür, wenn er während dieser Zeit an einer Sauerstoffunterversorgung stirbt?“
„Naja, da müssen Sie als Eltern vielleicht mal in Vorleistung gehen. Sie können Ihren Versorger mal fragen, wie teuer die Sensoren sind, so viel können die ja nicht kosten. Und, falls es sich wirklich um einen Fall von Verschwendung handelt, müssten Sie mal darüber nachdenken, wie Sie das Problem in den Griff bekommen…“
„Wissen Sie, mein Sohn ist autoaggressiv, das kann manchmal ganz schnell gehen und schon hat er ein Kabel zerpflückt oder durchgebissen. Wir haben ja schon nachts einen Pflegedienst, der im gleichen Raum sitzt, aber auch der…“
„Hören Sie, wir sitzen doch im gleichen Boot, glauben Sie mir. Aber mir sind leider die Hände gebunden. Während der Prüfung dürfen wir keine Kosten übernehmen. Aber ich kann Ihnen nochmal die Nummer vom MDK geben, vielleicht wissen die was.“

Nächster Anruf: Unser Versorger.
„Guten Tag, ich habe eine Frage. Wir haben Probleme mit der Krankenkasse, die prüfen jetzt, ob unser Großer nicht einen Dauersensor bekommen kann…“
„ Ein Dauersensor? Der ist bei Ihrem Gerät erst ab 40kg Körpergewicht zugelassen.
Bei anderen Geräten ab 30kg, aber für die ganz Kleinen gibt’s die Dauersensoren nur für die Geräte im Krankenhaus. Die Sauerstoffüberwachungen für die Privathaushalte sind immer etwas anders konzipiert.“
„Ahhh, gut zu wissen. Verraten Sie mir trotzdem noch den Preis für die Einmalsensoren…“
„Einen Moment…. Das wären 259 Euro für 10 Sensoren.“

Nächster Anruf: MDK
„Guten Tag, es geht um meinen schwerbehinderten Sohn, es soll geprüft werden, ob er einen Dauersensor bekommen soll und laut Aussage der Krankenkasse ist der Bericht des Kinderarztes noch nicht angekommen. Und jetzt übernimmt die TK die Einmalsensoren nicht mehr…“
„Ist die behandelnde Ärztin Frau Dr. Kleinstadt?“
„Ja genau.“
„Hab ich hier vorliegen, der Bericht ist da. Vielleicht hat sich das einfach überschnitten.“
„Unser Versorger hat uns übrigens mitgeteilt, dass die Dauersensoren gar nicht an unserem Gerät funktionieren bzw. erst ab einem Gewicht von 40kg…“
„Ahja. Übrigens, dass die Krankenkasse die Kosten während der Prüfung nicht übernehmen will, ist natürlich quatsch. Die sind dazu verpflichtet, Sie zu versorgen.“
„Gut zu wissen.“

Nächster Akt
Letzte Woche erreicht uns erneut ein Brief.

„Wir hatten Sie um ergänzende Unterlagen zu Ihrem Antrag auf Einmalsensoren für das Pulsoximeter gebeten und auf die Folge fehlender Mitwirkung hingewiesen. Sie haben auf unsere Anfrage leider nicht reagiert und die geforderten Unterlagen nicht bzw. nicht vollständig innerhalb der vorgegebenen Frist zugesendet. Sie haben uns auch nicht darüber informiert, weshalb Sie diese nicht oder nicht innerhalb der Frist vorlegen konnten.

Ohne diese Unterlagen können wir nicht prüfen, ob wir die beantrage Leistung bewilligen können. Wir versagen daher die Kostenübernahme. Dies haben wir nach Ermessen entschieden.

Das bedeutet für Sie: Wir können keine abschließende Entscheidung über Ihren Antrag treffen. Sobald Sie uns die fehlenden Unterlagen senden, werden wir erneut prüfen, ob wir die Kosten für die Einmalsensoren für das Pulsoximeter übernehmen können.

Ihr Sohn hat die Einmalsensoren für das Pulsoximeter schon erhalten? Dann darf der Lieferant Ihnen bei der Rückgabe des Hilfsmittels keine Kosten in Rechnung stellen, außer, Sie haben mit ihm eine andere Vereinbarung getroffen.

Falls Sie Fragen haben, rufen Sie uns einfach an. Wir sind gern für Sie da.“

Ich kotze. Im Dreieck.
Dann rufe ich die Krankenkasse an.

Es sei noch immer nichts eingegangen von Seiten des MDK, man habe nichts in der Hand, keinen Beweis, dass ich meiner „Pflicht“ nachgekommen sei.
Ich verweise auf das Telefonat von Anfang Februar, das ärztliche Gutachten sei durchaus beim MDK angekommen.
Der Mann versucht mich mit einem: „Vielleicht versuchen Sie es einfach nochmal beim Medizinischen Dienst“, abzuspeisen, aber ich dreh gerade erst richtig auf.
Wie es kommt, dass behauptet wird, ich hätte mich nie gemeldet, will ich wissen. Wo doch angeblich jeder Anruf von mir notiert wurde.
Darauf hätte er auch keine Antwort.
Wie es kommt, dass die Kommunikation zwischen dem MDK und der Krankenkasse nicht funktioniert, lege ich nach, und wie es dazu kommt, dass ich, als Mutter eines schwerbehinderten Kindes, plötzlich der Spielball bescheuerten Behördenirrsinns sei, wie es dazu kommt, dass ich mir seit einem Monat den Wolf herumtelefoniere, kein Mensch Verantwortung übernehmen will, ich von einem zum anderen geschickt werde wegen einer Lappalie, einer Sache, die innerhalb von 5 Minuten vom Tisch gewesen wäre, weil unser Versorger uns mitgeteilt habe, Fs Gerät würde erst ab 40kg Körpergewicht mit einem Dauersensor funktionieren.
Er beteuert, er könne auch nichts tun und dann kommt wieder diese „Wir sitzen doch alle im selben Boot“-Tour und dann platzt mir wirklich der Kragen.
Ich wüte und zetere, frage ihn, ob er sich auch nur ansatzweise vorstellen kann, was es bedeutet ein schwerbehindertes Kind zu haben, nicht nur pflegerisch, auch organisatorisch, ich erzähle ihm von Fs Flugzunge, exemplarisch, ein Beispiel für das Leben mit ihm, und dann käme die Krankenkasse daher und setzt noch einen drauf, einen riesengroßen Kackhaufen in ein Leben, das auch so schon anstrengend genug ist.
„Mit sowas müsste ich eigentlich an die Presse gehen!“, schließe ich meine Tirade. „Unmöglich ist das, uns so zu schikanieren! Wie ist nochmal ihr Name?“
Dann rattert es plötzlich am anderen Ende.
„Sollen wir vielleicht mal beim MDK nachhaken?“
„Ja. Das wäre super!“, antworte ich, noch immer am ganzen Körper zitternd vor Wut.
Und, als er sich tatsächlich nach dem Namen der Frau vom Medizinischen Dienst erkundigt und nach dem Datum, an dem ich mit ihr gesprochen habe, bekomme ich tatsächlich erstmals das Gefühl, dass mir irgendjemand zuhört.

Als sich am nächsten Tag eine freundlich klingende Stimme bei mir meldet und mir mitteilt, den MDK habe man noch nicht erreicht, man bleibe aber dran und es tue ihr wirklich Leid, das alles so schiefgelaufen sei, bekomme ich das Gefühl, ins Team „Deeskalations-Management“ gerutscht zu sein. Recht so.

Stand heute: Unser Versorger, der so kulant war, uns die Sensoren vorab zuzuschicken, möchte allmählich Geld für seine erbrachte Leistung sehen. Ich habe ihn dazu angehalten, sich mit der Krankenkasse in Verbindung zu setzen. Die können ein bisschen Druck gut gebrauchen, wie mir scheint.

Flugzunge

Zwischenstand

März und so.
Gucken wir mal, was das Jahr uns bisher gebracht hat.

Ahja, eine Erkältung, gleich am Anfang des Jahres und eine weitere Ende Februar.
Gut, es ist Winter. Da muss man mit rechnen.
Und ganz offensichtlich war ich da nicht die einzige.
Die Schulassistenz war krank, die Vertretung der Schulassistenz war krank und die Busassistenz auch. Für Letztere gab immerhin eine intakte Vertretung, da wurde es dem kleinen Mann nicht allzu langweilig im Bus.
Die fehlende Vertretung der Schulassistenz hatte jedoch zur Folge, dass ich ihn mittags sondieren musste. Allerdings nicht allzu lange. Denn der kleine Große hatte sich mal wieder selbst übertroffen.

Es ist Dienstag Mittag, als ich das Schulgelände erreiche.
Das Mäuschen ist einigermaßen gut gelaunt und das Sondieren geht schnell von der Hand.
Mein Tagesplan sieht vor, die Pause noch hier zu verbringen, dann zurückzufahren, seinen Bruder abzuholen und uns dann zusammen beim Augenarzt zu vergnügen.
Eigentlich.
Denn während der Pause ist der Große mit seinem Walker unterwegs, sozusagen ein Gehwagen in cool, mit beiden Händen hält er die Griffe an seinem Lenker umklammert und saust über den Schulhof.
Und stolpert.
Eigentlich ist er nicht besonders schnell, aber diese kleine Unebenheit im Boden bringt ihn zu Fall. Ich sehe, wie das fahrende Gestell nach vorne kippt, kann ihn gerade noch den schnappen und nach hinten reißen. Doch blöderweise lässt F. los und fällt um wie ein Brett.
Autsch.
Der Sturz war sicher nicht angenehm, wirkte aber auch nicht besonders dramatisch und abgesehen von einer winzigen Schramme an seinem Kinn, ist nichts zu erkennen.
Dann öffnet er seinen Mund und ich sehe das Blut.
Ich denke an Milchzähne, vielleicht hat’s irgendwo gewackelt, irgendwo war was lose und ist jetzt durch den Sturz ausgefallen.
Aber die Zähne sind noch alle da, während das Blut immer mehr wird.
Und dann sehe ich das Loch in seiner Zunge.
Nein, eigentlich sind es zwei.
Ein kleineres vorn und ein großes, klaffendes Loch weiter hinten, abgeschnitten wie eine schroffe Felswand, während der Rest hängt mehr oder weniger leblos hinunter hängt.
„Eine 5cm lange klaffender Wunde“ steht hinterher im Arztbericht und für mich sieht es so aus, wie es klingt: Die Zunge hängt am seidenen Faden.
Es ist mir bis heute nicht begreiflich, wie ein Kind mit winzigen Mäusezähnen überhaupt so in die Tiefe schneiden kann.
Und immer mehr Blut.
Das Blut läuft über das Kinn, über die Jacke, tropft auf den Boden.
F ist verwundert.
Schmerzen verspürt er nicht, immerhin. Aber irgendwas ist anders.
Er greift nach der Zunge.
Ich greife nach seinen Händen.
Fixiere sie.
Für die nächsten 60 Minuten.
„Braucht ihr Hilfe?“, fragt mich jemand.
„Wir brauchen einen Krankenwagen“, antworte ich.
Ungefähr drei Mal.
Irgendwann verschwinden wir mit unserer Blutspur ins Lehrerzimmer.
Natürlich habe ich an diesem Tag mein Handy vergessen, da die Nummer von meinem Exmann aber hinterlegt ist, kann ich ihn von hier aus erreichen.
Ich gebe den Sachverhalt wieder und gebe Instruktionen, der Kleine muss heute Nachmittag abgeholt werden und der Arzttermin storniert.
Währenddessen blutet F. seine Spucktücher voll und die Lehrer pressen Verbandrollen auf die Zunge und nasse Tücher in den Nacken. Nach 20 Minuten wird die Blutung schwächer.
Und F ein bisschen blasser. „Leichte Anämie“ wird in dem Arztbericht stehen.
„Verdammt, wo bleiben die denn?“
Während ich noch immer Fs Hände fixiere und versuche nicht daran zu denken, dass er mit einem festen Ruck (und den hat er wirklich drauf) den Rest seiner Zunge abreißen und quer durch das Lehrerzimmer schmeißen könnte, ruft die Klassenlehrerin noch einmal beim Rettungswagen an.
„Die sind noch bei den Schranken.“
Nun verhält es sich so, dass vor der kleinen Ortschaft die Schranken gerne mal 10-15 Minuten unten sind. Obwohl die Zeit zwischen zwei Zügen reichen würde, um den Mainzer Karnevalszug über den Bahnübergang zu bringen, zieht man es offenbar vor, die Schranken so lange unten zu lassen, bis auch die trödelige Regionalbahn aus der Gegenrichtung ihr Ziel erreicht hat. Und manchmal, wenn man gaaaanz viel Glück hat, kommt sogar noch ein dritter Zug.
Aber irgendwann hat auch der Krankenwagen sein Ziel erreicht.
Wir diskutieren kurz, ob ich mit dem Auto hinterher fahren kann oder besser mit F mitfahre (schließlich wohne ich über 35km entfernt), aber dann setze ich mich doch neben meinen Sohn.
Flugzunge und so.
Immerhin liegt meine Wohnung auf dem Weg und ich kann kurz aussteigen und mein Handy holen.
Eine Stunde später, die mir wie ein ganzer Tag vorkommt, sind wir in Göttingen.
Es hätte noch ein anderes Krankenhaus gegeben, das näher an der Schule lag, aber das wäre noch weiter von unserem Wohnort entfernt gewesen. Also Göttingen.
Es folgt ein heiteres Verwirrspiel, ein Hinundher zwischen den Stationen, dann erscheint plötzlich ein Chirurg, ein Künstler, das hört man am Singsang seiner Stimme, er hat Ahnung, eine Koryphäe auf seinem Gebiet.
F muss genährt werden, sagt er, und zwar in Vollnarkose. Vor 18 Uhr ginge das nicht, die Nahrung müsse sich erst abbauen. Wenn die Narbe morgen gut aussähe, könnten wir vormittags wieder gehen.
Er will noch wissen, ob ich bei ihm bleibe.
Etwas in mir zieht sich zusammen und ich schüttel den Kopf.
„In Kassel sind wir immer so verblieben, dass er auf der Intensiv-Station geschlafen hat. Die haben die Atemaussetzer besser im Blick.“
Das ist nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte besteht aus der Tatsache, dass ich nicht schlafen kann, wenn die Geräte um mich herum Piepsen und bei F tun sie das dauernd. Es wäre kein Schlaf, es wäre eine Nachtwache, bei der ich die Sekunden zählen würde bis zum Morgen. Wenn F überhaupt schliefe.
Ich war nie ein Mensch, der die Nächte zum Tag machen konnte, ich habe schon immer mehr Schlaf benötigt, als andere, 8 Stunden brauche ich schon, um gut zu funktionieren, mal 6 sind okay, aber darunter wird’s Essig.
Ich kann das nicht mehr. Natürlich habe ich das gemacht, am Anfang, die ersten Jahre, aber ich will nicht mehr an meine Grenzen gehen, irgendwie muss es mir auch gut gehen.
Ich sehe im Blick des Arztes, was das für ihn bedeutet.
Komplikationen.
Aber ich beharre auf meinen Standpunkt, mit schlechtem Gewissen zwar, mit dem Gefühl, eine Rabenmutter zu sein, aber ich ziehe es durch und er zieht ab.
Auf der anderen Station wird die Oberärztin später zu mir sagen:
„Ist schon richtig so, dass er über Nacht auf der Intensiv bleibt. Sie haben ja sonst auch den Pflegedienst da, der auf seine Werte achtet.“
F. liegt immer noch auf der Trage vom Rettungswagen und ist damit beschäftigt, das rollende Gefährt in Schwung zu versetzen. In rhythmischen Bewegungen kippt er sein Becken vor und zurück, vor und zurück. Rüttelt an den Seitenstützen.
Immerhin geht er nicht mehr an seine Zunge und die Blutung ist fast weg.
Dafür stülpt er das klaffende Loch immer wieder gegen seine Oberlippe, um der schroffen Zungenwand nachzuspüren. Ich schwanke zwischen Faszination und Übelkeit.
Die Pfleger kommen mit einem Rollstuhl an, wollen ihn umbetten.
„Er braucht ein Bett mit Gitterstäben“, sage ich, „aus dem Rollstuhl fällt er raus, da ist ja nicht mal ein Gurt dran.“
Der Rollstuhl fährt weg und wir warten 45 Minuten darauf, das es weiter geht.
Dann dürfen wir endlich auf die richtige Station und das Rettungsteam verabschiedet sich.
90 Minuten später darf ich F ein Flügelhemd anziehen und dann geht es abwärts, in den Keller.
Ich ziehe ein grasgrünes Outfit an und wir warten im Vorraum. 30 Minuten. 60. 90.
In der Zwischenzeit ist auch mein Exmann da, aber er kann hier mit dem Kleinen nicht hin. Also wartet er woanders.
Warten. Im Krankenhaus zu sein, bedeutet immer zu warten.
Wenn es heißt „Der Arzt kommt heute Vormittag noch zu Ihnen“, dann kommt er am späten Nachmittag, wenn gesagt wird: „Es wäre besser, wenn er eine Nacht zur Beobachtung bleibt“, dann bleiben wir drei Tage und bei „Der Anästhesist holt Sie gleich ab“ wusste ich schon, dass es mindestens eine Stunde dauern würde.
Krankenhäuser haben so ihre eigenen Regeln.
Auch die Zeit ist anders.
Das besondere an der Zeit in Krankenhäusern ist, das sie für verschiedene Menschen ganz unterschiedlich verläuft.
Bei den Pflegekräften herrscht immer reges Treiben, sie gucken ein Mal auf die Uhr und schon ist Pause und beim zweiten Blick ist ihre Schicht auch schon wieder vorbei.
Bei Ärzten ist es ähnlich, nur sieht man sie seltener.
Bei Patienten und ihren Angehörigen, verkehrt sich dieser Zustand ins Gegenteil.
Die Zeit wird zur Hürde. Sie zieht sich. Wie ein endlos langer Kaugummi. In die Länge.
Zusammen mit der Zeit, arbeitet der verknappte Raum.
Der Raum, der dich umgibt, ist meist kalt, steril und klein. Du kannst nicht viel machen, in deinem Patientenzimmer. Aber manchmal gibt es ein Spielzimmer, das offen ist.
Nur, heute bin ich in diesem doofen Vorraum vorm OP und es gibt kein Spielzimmer.
Nur das rollende Gitterbett und der kleine Große vor mir.
Er zieht sich hoch, er plumpst nach unten. Wieder hoch, wieder runter.
Er streckt mir die kaputte Zunge entgegen und lacht.
Dann wirft er mir sein T-Shirt entgegen.
Im Gedanken rechne ich mir die Zeit aus.
Es ist bald 20 Uhr und wir müssen noch zur Schule fahren. Vorher muss die Intensivstation, auf der er schlafen wird, noch eingewiesen werden. Wie das Beatmungsgerät funktioniert und wie F. Und was er so braucht. Und dann brauchen wir noch eine knappe Stunde zur Schule, mein Auto holen.
Dann die 35km zurück nach Hause.
Den Kleinen ins Bett bringen und noch was Essen.
F quakt, ihm ist langweilig. Ich werfe ihm sein Spucktuch zu. Er zieht es sich über den Kopf, presst die Zunge dagegen.
Ein Blick zur Uhr verrät: 5 Minuten sind vergangen.

Dann, irgendwann, geht es endlich vorwärts.
Der Anästhesist holt uns ab und ich muss eine Haube und einen Mundschutz aufsetzen.
Jetzt sehen wir alle gleich aus, insgesamt vier grün gekleidete Menschen in einem OP, die sich allein durch die Farbe der Augen unterscheiden.
„Hey, das ist doch der F, ihr wart doch auch in der Pusteblume?“, fragt einer.
„Meine Leni war mit F. in der gleichen Gruppe!“
Zufälle gibt’s! Und schon ist man weniger fremd und anonym.
F. soll einen Zugang bekommen, durch den das Narkosemittel ins Blut fließt.
Es wird nicht funktionieren, ich kenne das schon.
Nicht an den Händen und nicht an den Füßen.
Nach vier Versuchen, bekommt er die Maske aufs Gesicht gepresst. Ich sehe zu, wie seine Augen sich langsam schließen. Das Gas riecht nach Tankstelle.
Eigentlich will ich ihm nah sein, aber ich will nicht zu nah ans Gas, also streiche ich ihm über den Kopf und strecke meinen eigenen in die Höhe.
Ein paar Sekunden später schläft er tief und fest und ich muss den OP verlassen.

Ich hole den Kleinen und meinen Exmann ab und zusammen laufen wir zur Intensiv-Station.
Der Kleine darf nicht mit rein, zuerst geht Fs Papa rein, später ich. Das wichtigste in Kürze. Wir bekommen eine Nummer, da könne wir anrufen.
Dann fahren wir zur Schule. Einsam und verlassen steht mein Corsa.
Ich und der Kleine steigen ein, fahren nach Hause.
Später noch der Anruf im Klinikum: Alles ist gut gelaufen.

Mal wieder was mit Musik

 

Ich komm ja zu nix, wie man merkt.
Aber wollen, würde ich ja schon. Dann wenigstens das hier:

Gespannt wie ein Eichhörnchen, das sich im Winter daran macht, die Schätze vergangener Tage auszugraben, machte ich mich auf den Weg nach Wilhelmshaven um meinerseits ein Ticket – nein: ein Versprechen – aus dem August einzulösen, genauer gesagt: ein Geburtstagsgeschenk (auf vielfachen Wunsch meinerseits, wie ich betonen möchte).

Michael Krebs.
Zwei Jahre zuvor hatte er mich bereits auf dem OpenFlair in Eschwege begeistern können, mit seinen absurd-komischen Songtexten und den „Pommesgabeln des Teufels“, die ihn mit Bass und Schlagzeug unterstützten.
Doch dieses Mal war er solo unterwegs, nur Michael Krebs und sein Piano.

16.2.2018.
Es ist 20 Uhr und ich sitze mit meinem Bier in der Hand in der zweiten Reihe zwischen meiner Mutter und meiner Tante, in den absurd bestuhlten Reihen des Pumpwerks und recke meinen Hals Richtung Bühne, als unser Entertainer des heutigen Abends nach einer kurzen Ankündigung die Bühne betritt.
Grinsend, strahlend, vor Energie strotzend.
Er setzt sich ans Piano und spielt los und augenblicklich bekomme ich das Gefühl, dass das Publikum nicht reicht, nicht genug ist für diesen kraftvollen Auftritt, diese Power, das Temperament. Wir dürfen nicht vergessen: Das hier ist Norddeutschland, Küstenregion, umgeben von Friesen, die mit einem knappen Nicken ganze Gespräche zu füllen wissen.
Ein Künstler ist immer nur so gut, wie sein Publikum, wer sagte das noch?
Egal, jedenfalls gibt es keinen Zweifel an dem Wahrheitsgehalt, ohne funktionierende, aufnahmefähige Leinwand, ist der Künstler nur ein Fünfjähriger, der mit Farbe spielt.
Das Pumpwerk ist nicht einmal voll besetzt, vielleicht 100 Menschen, wie wir später überschlagen werden, und ein unheilvoller Gedanke dringt in meinen Kopf: „Hoffentlich springt der Funke über!“ Nicht nur für den Künstler, auch für mich.

Ich sehe mich schon im spätabendlichen Nachgespräch, meine erwartungsfrohen Augen hell erleuchtet:„Und, wie fandet ihr’s?“
„Ochja. Hauptsache, mal was anderes.“
Oder noch schlimmer: Ein knappes Nicken!
Eine totale Bankrotterklärung, nicht nur für den Künstler, auch für meinen guten Geschmack und meine Vorreiterrolle als familiärer Influencer.

Michael Krebs legt also los, spielt, als wäre der Laden gerappelt voll.
Die erste Hälfte des Abends ist den Novitäten vorbehalten.
Wir starten mit den AGBs. Klar, was sollten wir alle viel öfter machen? Lachen!
Aber nicht über Juden, Moslems, Christen, Atheisten, Präsidenten, Kinder, Frauen, Pädagogen, Proleten, Propheten, Weiße, Gelbe, Schwarze…naja, und so weiter. So viel politcal correctness muss schon sein.
Wir folgen der Spur unlogischer „Lolologik“, die im Alltag wahlweise durch Ignoranz oder Eigennutz ersetzt wird („Wir könnten alle sicher leben, hätte jeder ein Gewehr“), stellen fest, das es die eine große Sache gibt, die uns Menschen auf der Welt vereint (natürlich ist es die Sehnsucht nach gratis W-LAN) und steigen ein in den Liederzyklus für Leute mit verkürzter Aufmerksamkeitsspanne (kurz V.A.S.). Gerade letzteres scheint ja doch irgendwie symptomatisch für die heutige Gesellschaft zu stehen, also kommt Michael Krebs uns entgegen.
So wird zum Beispiel die Handlung von Titanic auf ihren Kern zusammengestrichen: „Zwei Menschen in ’nem Boot, lieben sich, sinken – und ertrinken.“
Passend dazu, der Song über die Generation Selfie-Stick:

„Ey kannst du sehen, wie gut ich drauf bin/
Ich hab mich selbst fotografiert/
Ich hab das sichere Gefühl/
Dass dich mein Leben interessiert.“

Mediale Selbstdarstellung auf den Punkt gebracht:

„Daumen für Daumen, Like für Like, erlangen wir Bedeutsamkeit.“

Natürlich kommt auch der Namensgeber des aktuellen Albums zum Zuge: „An mir liegt’s nicht.“
Das passende T-Shirt preist Michael Krebs gerne an: Ob bei der gemeinsamen Paartherapie, beim Elternsprechtag oder der Scheidungsverhandlung, mit diesem Shirt sei man für alle Eventualitäten gewappnet.
Vielleicht sollte ich mir auch eins zulegen.
In dem Song geht es um das ethisch-moralische Übertrumpfen der Mitmenschen: „Du wirst jetzt Vegetarier? Ich leb ja schon lang vegan.“
Kennen wir nicht alle diesen einen „Freund“, der sich zum Mittagessen einen Spinat-Kohlrabi-Smoothie mixt, während alle anderen in der Kantine essen und der einem immer unterschwellig das Gefühl gibt, selber Schuld zu sein, an den Ungerechtigkeiten der Welt?
Der Refrain geht so richtig ins Blut:

„Du machst dir nicht so viel Gedanken, wie’s scheint/
Du, das ist jetzt überhaupt nicht wertend gemeint/
Aber mein Leben, ist nicht so bequem/
denn ich bin Teil der Lösung und nicht das Problem/
Ja, mein Leben/
Ist kompliziert wie Latein/
Was ich konsumiere, muss nachhaltig sein.“

Ich bin begeistert von diesem Ohrwurm und spätestens an dieser Stelle, ist auch das Eis im Publikum gebrochen (obwohl ich es seit je her als meine Aufgabe erachte, für einen guten Künstler so viel Lärm zu produzieren, dass er den Eindruck bekommt, in einer vollbesetzten Großraumhalle zu spielen).

Den Abschluss vor der Pause aber, bildet ein ganz und gar ungewöhnliches Lied für den sonst so ironischen Liedermacher:
Ein Song wäre zu ihm gekommen, hätte sich einfach eingeschlichen, war plötzlich da und wollte nicht mehr gehen. Und wir sollten ihn doch bitte Willkommen heißen. Und das tun wir natürlich.
Kraft- wie gefühlvoll gleitet die Stimme von Michael Krebs durch den Refrain:

„Ja, Magdalena würde am liebsten einfach gehen/
Und keinem sagen wohin/
Sie würde nur ihr blaues Sommerkleid mitnehmen/
und ’ne gute Flasche Gin.“

Auch, wenn das Lied einen gewaltigen Kontrast zu seinem bisherigen Werk bildet, so fühlt es sich trotzdem nicht falsch an, mehr wie eine Facette, eine Erweiterung. So, wie niemand immer nur fröhlich sein kann, hat auch der Song Platz gemacht für etwas Schwermut. Und Michael Krebs schafft es mit „Magdalena“ genau die richtigen Worte zu finden, ohne kitschig oder gar anbiedernd daherzukommen und mich auf der anderen Seite dennoch emotional tief zu berühren.
Bestimmt kennen viele das Gefühl, den Drang, ausbrechen zu wollen, aber ganz sicher hat man ihn mit Kindern, wenn man nicht mehr nur für sich selber lebt, sondern funktionieren und Verantwortung nehmen muss.
Auch Magdalena spürt diese tiefe Sehnsucht nach dem Leben, das sie umspült und mitreißt, bis sie wie Strandgut an das Ufer geschwemmt wird.

Nach diesem Downer erst mal ein neues Bier.
Außerdem hat uns der Künstler Zettel zur Verfügung gestellt, auf denen wir unsere Songwünsche äußern dürfen, also nichts wie hin. Natürlich entscheide ich mich für das schlüpfrigste Lied, das ich von Michael Krebs kenne.

Die Pause ist vorbei und das Publikum merklich aufgetaut, gespannt, und erwartungsfroh.
Wir stimmen mit Michael Krebs darüber ein, dass alles immer schlimmer wird („sonst wäre ja früher nicht alles besser gewesen“), skandieren mit ihm gegen die Lügenpizza („Das ist nicht die Pizza, die mir versprochen wurde! Lügenpizza, Lügenpizza!!“) oder noch schlimmer, gegen die verdammte Lügenpresse („Das ist nicht der O-Saft, der mir versprochen wurde!“).
Außerdem natürliche eine Ode an depressive Liebeslieder, mit einem kleinen Seitenhieb auf AnnenMayKantereit („Barfuß am Klavier“), bevor sich unser Singer/Songwriter an die Auslosung der Zettel macht.
Die Spannung steigt.
„Ein Bett im Kornfeld“. Nicht wirklich textsicher aber ambitioniert, gibt Michael Krebs sein bestes, dann kommt der nächste Zettel zum Zuge. Eine Frau aus der ersten Reihe darf ziehen. Auf Anhieb erkenne ich meinen Zettel wieder.
Meine Tante stupst mich von der Seite an.
„Ist das dein Zettel?“
Zugeben oder verweigern, zugeben oder verweigern.
Ich gebe zu.
Michael Krebs schaut mich an.
„Ist das dein Zettel?“
Zugeben oder verweigern, zugeben oder verweigern.
Ich gebe zu.
Und darf mir ein Intro aussuchen.

Während Michael Krebs also voller Inbrunst

„Das Mädchen von der jungen Union/
macht Sex mit mir in jeder Position/
unter dem Porträt von Angela/
reitet sie mich ins Nirvana“

singt, werde ich das Gefühl nicht los, der gesamte Saal würde mich und meine Musikauswahl kritisch beäugen. Ein Mann dreht sich um.
„Was für ein perverser Musikgeschmack!“
Ich höre etwas wie Anerkennung in seiner Stimme, schiebe aber alle Schuld von mir „ICH habe das Lied nicht geschrieben!“
Am Ende des Songs hat Michael Krebs jedenfalls ordentlich an der norddeutschen Spießigkeit gerüttelt und, wenn etwas bei dem geneigten Publikum hängen geblieben ist, dann doch sicherlich dieses eine Lied.
Kurze Zeit später nutze ich Michael Krebs Denkpause ein zweites Mal und rufe „Wellness“ Richtung Bühne.
Und habe schon wieder Glück.
Rasend schnell bauen sich die Strophen auf, man spürt dieses Abhetzten, das Rasen durch den Alltag, ganz besonders im Refrain:
„Für immer mehr brauchen wir immer weniger Zeit, für immer mehr brauchen wir immer weniger Zeit“ und dann entlädt sich alles in einem entspannenden „Wellnessalarm“.

Und so entlässt uns Michael Krebs nach ein paar kraftvollen Zugaben (unbedingt anhören: „Grundschullehrerin“) gleichermaßen aufgedreht wie entspannt in die Nacht, doch nicht, ohne mir vorher ein Autogramm auf die Eintrittskarte zu schreiben. Das erste meines Lebens.
Mit dem OpenFlair wäre er im Gespräch, erzählt er mir noch. Vielleicht nächstes Jahr wieder.
Herrscht also doch noch Hoffnung für die Nordhessen.

Fazit:
Ich hatte einen wundervollen Abend, eine Flucht aus der Realität, wenn man so möchte, und bin dabei unfassbar gut unterhalten worden.
Michael Krebs hat den Puls an der Zeit, legt den Finger auf ironische Art und Weise in die Wunden der Gesellschaft, kritisch, virtuos, nuanciert und immer wieder absurd, so absurd, wie das Leben.
Und ganz abgesehen von seinen feingeschliffenen Texten, haut er in die Tasten seines Pianos wie kein zweiter, grinsend, strahlend, als würde er mit seinem Instrument verschmelzen, dabei das berühmte Lachen Ray Charles‘ auf den Lippen….und ja, singen kann er auch noch!

Kleiner Tipp von mir: Auch, wenn ich unbedingt der Meinung bin, man sollte sich Michael Krebs und seine kleinen Anekdoten Live ansehen und anhören, bietet Spotify einen kostenlosen Vorgeschmack, den man sich nicht entgehen lassen sollte!
Und wer jetzt immer noch keine Lust auf Michael Krebs bekommen hat, dem kann ich nur sagen: An mir liegt’s nicht!

Noch bis zum 24.3. ist Michael Krebs solo auf seiner Tournee quer durch die Republik, weitere Auftritte mit seiner Band am 7.4. in Mühlhausen sowie am 29.6. in Dortmund, mehr Informationen unter www.michaelkrebs.de.

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