Festival-Sommer 2017. Samstag

„Soll ich jetzt den Knaller zünden?“


„ZÜND DEN KNALLER!“

Wenn der ganze Saal unisono diesen einen Satz heraus schreit, kann das eigentlich nur eines bedeuten: Ich bin zu Hause angekommen, in einem Raum voller Gleichgesinnter, voller Liebhaber der morbiden Komik, Freunde des Absurden, Fans der besten Band der Welt.
Obwohl sich „Das Buch Ä“ schon seit erscheinen in meinem Besitz befindet, habe ich es tatsächlich noch nicht geschafft, mich komplett durchzuarbeiten. Doch im Rahmen des OpenFlair trat auch Stefan Üblacker auf, Autor dieses wunderbaren Meisterwerks, begleitet von der Band „Reis Against The Spülmaschine“, die uns ein paar der besten Songs der besten Band der Welt vorspielten.
Die Mischung aus Liedern, die wir natürlich alle lauthals mitgebrüllt haben, aus Anekdoten, Radiomitschnitten (die Interviews sind legendär und haben so manch einen Musikredakteur zur Verzweiflung gebracht) und gelegentlichen Bildern, war einzigartig und genial.
Und so kann ich Stefan Üblacker eigentlich nur Zustimmen, wenn er mit den Worten schließt:
„Diese eine Liebe, wird nie zu Ende gehn!“

Etwas aufgedreht wenden wir uns als nächstem kulturellen Highlight dem Poetry Slam zu.
Auch hier wurde wieder viel gelacht, die meisten Slammer verstehen es meisterlich mit Humor umzugehen und so ihr Publikum in ihren Bann zu ziehen.
Da es beim Poetry Slam wie überall [witzig, ich hab echt „überall“ geschrieben] viel zu viele Männer gibt (Platzhirsche!!), möchte ich lieber eine schlagfertige junge Dame vorstellen. [Das macht bestimmt der Frauenmanteltee!]
Leonie Warnke erklärt uns in ihrem Text „Schubladen“ wozu eben diese gut sind, wann wir sie getrost vergessen können und wirft die Frage auf, warum Männer gerne nach „Sport“ riechen möchten.

Als nächstes zog es uns zum Lumpenpack, zwei junge Musiker, die lustige Partymusik zu ganz viel Konfetti machen. Im Rahmen eines Festivals ziemlich passend und ich habe mich gut unterhalten gefühlt, ohne diesen Rahmen wäre mir das ganze aber irgendwie zu oberflächlich.

Da wir schon mal am Kleinkunstzelt waren, wollten wir mal was neues ausprobieren und uns dem Männer-Kabarett „Eure Mütter“ hingeben.
Ich muss zugeben, dass ich bei der Tanzeinlage zu Beginn noch sehr zwischen Fremdschämen und Faszination schwankte.
Humor hat schließlich viele Facetten und manchmal landet man bei einer Art „Altherren Humor“, bei der Opa vor Freude laut mit dem Stock klopft, mit dem ich aber wenig anfangen kann.
Tatsächlich waren die drei dann aber doch ganz witzig, vielleicht hier und dort ein Paar mal zu oft in pubertäre Genitalwitze abgerutscht (ist eben halt auch einfach), aber das Lachen konnte auch ich mir nicht verkneifen.
Am besten hat mir die Choreographie beim Synchronhaarewaschwettbewerb zu „What a Feeling“ gefallen, habe es leider nicht auf Youtube gefunden.

Beendet haben wir unseren Tag dann mit Billy Talent.
Nach so einem lustig-fröhlichen Programm habe ich mich am Abend gerne nochmal mit einem Bier in der Hand anbrüllen lassen.
Was mir bei ihm wie auch bei anderen Künstlern auffiel, ist dieses „Hey, es passiert so viel scheiße in der Welt, hier ein Amoklauf, da sprengt sich jemand in die Luft, alles ist voller Hass und Gewalt (es folgen detailliertere Aufzählungen und schließlich eine etwas zu kurz gekommene Pointe à-la:) – davon lassen wir uns aber nicht unterkriegen, wir feiern trotzdem und lassen uns unsere Freiheit nicht nehmen!“
Ja, man kann hier unterschiedlicher Meinung sein, sicherlich. Aber mich reißt so ne Ansage erstmal voll aus dem Konzept und aus der Feierlaune.
Ach, haste schon vergessen? Hat sich doch vor ein paar Tagen erst einer in Ansbach in die Luft gesprengt. Und wer weiß schon so genau, ob hier nicht auch mal ein Spinner was zündet?
Ich finde ja, solche Ansagen gehen eher nach hinten los. Oder wenn, dann sollte man sie kurz und prägnant halten und nicht die Psyche der Partygäste ganz nach unten in den Keller schicken, um dann mit einem lapidaren „Aber wir feiern heute trotzdem!“ die Leute motivieren zu wollen.
Vielleicht sollten Musiker einfach das machen, was sie hoffentlich am besten können.
Musik machen.

Trotzdem fand ich es ganz angenehm, mich von der Musik berieseln zu lassen.
Wir standen etwas abseits, was es mir leichter machte die anderen Menschen auszublenden.
Für einen Augenblick stellte ich mir vor, der Platz wäre leer und irgendwo in dieser Schlammwüste wäre ein kleiner hölzerner Liegestuhl, nur für mich. Und ich würde mich setzen, mich von der Musik berieseln lassen und meinen Gedanken freien Lauf lassen.
Auch wenn ich Festivals und die vielen Menschen als sehr anstrengend empfinde, so gibt es immer wieder auch Momente der Ruhe, in denen nur die Musik in mir wirkt und kreative Prozesse freisetzt. So eine Art offene Assoziationskette.
Ein wundervoller Zustand des Schaffens, den ich schon zu Discozeiten so erlebte und mich am liebsten mit Zettel und Papier in eine Ecke gesetzt hätte. Als ob alles glänzend und kraftvoll wäre…
Als um Mitternacht das Feuerwerk begann, waren wir schon auf dem Weg zum Auto.
Wir haben viel gesehen an diesem Tag und mein Unterbewusstsein musste erstmal einiges Aufräumen, bevor es mich in den Schlaf entließ.

Der Sonntag war dann allein dem Kleinen bestimmt.
Freitag Nachmittag hatten wir schon einen Versuch mit ihm unternommen, aber die meisten Kinderattraktionen hatten aufgrund des Regens zu oder waren gar nicht erst aufgebaut.
Am Sonntag aber herrschte strahlender Sonnenschein.
Und so spielten wir an den aus Müll kunstvoll zusammengezimmerten Spielgeräten, aßen Eis und Burger und der Kleine sprang auf dem Riesentrampolin, kullerte im Riesenballon und tobte sich auf der Hüpfburg aus, während wir im Gras lagen, das Wetter und die Musik von der Bühne genossen.
So war der Sonntag dann auch wieder ein würdiger Festival-Abschied.

Festival-Sommer 2017. Freitag

Donnerstag.
Irgendein Blödmann hat den Wasserhahn aufgedreht. Die Bands sind alle mittelprächtig und wir bleiben daheim.

Freitag.
Irgendein Blödmann hat diesen verfickten Wasserhahn immer noch laufen lassen.
Ich kotze beim Gedanken, das Festival in strömenden Regen zu besuchen, aber es nützt nichts.
Alligatoah und Broilers, hey, wir alle wissen, dass es keinen Weg vorbei gibt.
Als Alligatoah beginnt, hängen wir noch vor der Einlasskontrolle fest.
Gefühlt Millionen Menschen drängeln, schubsen, quetschen sich Richtung Eingang.
Dann rutschen wir galant durch den Schlamm Richtung Bühne und landen immerhin in direkter Lage eines Getränkestandes. Der gute Mann macht seine Musik, wir brüllen alle fröhlich „Dann fick ihn doch!!!“ und sind bester Dinge.
Alligatoah, der hat wenigstens ne Bühnenshow, der inszeniert sich selbst als Kunstfigur, und wagt auch mal neue Wege zu gehen, zu experimentieren, wie mit seiner Akkustiktour. Nicht zuletzt gebührt jedem Respekt, der das Lied zu seiner eigenen Trauerfeier selber schreibt mit den Worten „Ich hab dir mehr gegeben, als dein Wert beträgt/Wir wollen nicht Erbsen zählen/Gern geschehn“. Was kann man von einem Künstler mehr erwarten?

Als ich nach dem Konzert mein Bier wegtragen will, bemerke ich, dass ich mittlerweile nicht nur feucht, sondern klatschnass geworden bin, was weniger mit der grandiosen Erscheinung Alligatoahs zusammenhängt als vielmehr diesem permanenten Dauerregen Rechnung trägt.
Ich versuche mich also langsam aus meiner Hose zu pellen und bin wenig entzückt das eklige Ding wieder über meine Beine schieben zu müssen.
Zurück an der Bühne habe ich meine Begleitung im dichten Gedränge verloren.
Aber Broilers fangen an zu spielen und ich beobachte meine Umgebung.
Unterscheiden lassen sich die Menschen jetzt nur noch durch die Wahl ihrer Regenbekleidung. Viele tragen gelbe Regenjacken, manche haben sich halbtransparente Regencapes über ihre Kleidung geworfen und einige sind in modischen Mülltüten unterwegs. Letztere begegnen mir nochmal um die Füße oder Schuhe gewickelt, mindestens jeder zweite ist jedoch gut vorbereitet und trägt Gummistiefel.
Es wird gepogt, getanzt, geflirtet (wobei anflirten mir als eine riskante Sache erscheint, wenn man aus der Kapuze meist nicht mehr als eine regennasse Nase erblicken kann).
Neben mir tanzt eine gelbe Kapuze mit breiten Schultern in seinem eigenen Rhythmus, singt die Texte mit und ich daneben auch, jeder für sich.
„Das nächste Lied handelt vom Scheitern“ erklärt Sammy.
Und ich stelle mir vor, wie ich meinen Nachbarn anspreche: „Hey, kennst du das?“
„Das Lied vom Scheitern?“
„Nein, scheitern.“
Aber irgendjemand ruft nach ihn und dann ist er weg.

Ich betrachte die Pärchen um mich herum, Menschen, die sich neu gefunden haben oder zusammen das Festival besuchen, um eine gute Zeit zu verbringen.
Und finde das ziemlich anstrengend.
Ich weiß wie das ist, wenn dir einer dauernd ins Ohr quatscht, weil er mit dir reden will obwohl du gerade diesen EINEN Song hören möchtest, ich weiß wie das ist, wenn du eigentlich frei deinen Ausdruckstanz zelebrieren möchtest, aber von hinten festgehalten wirst, weil der Typ auf eine Art Kuscheltanz steht (und das zu Punkrock!), ich weiß wie das ist, wenn der Typ lahm wie eine Schnecke erst Hinz und Kunz finden muss, bevor er mit dir zu deinem Lieblingskünstler geht und du deshalb das halbe Konzert verpasst.
Mal abgesehen von den vielen fruchtlosen Diskussionen über gute Musik („Aber mal ehrlich, so gut ist Olli Schulz aber auch nicht.“ —> Olli Schulz ist ein verdammter GOTT, Mann!!)
Vielleicht sollte ich mir fürs nächste Festival ein Shirt bedrucken lassen mit meinen Grundregeln:

  • Nicht küssen
  • Nicht anfassen
  • Nicht reden
  • Einen Meter Sicherheitsabstand

Glücklicherweise kennt der alte Mann mich mittlerweile gut genug, sodass ich geneigt bin, ihn am Ende des Konzerts wieder zu finden.
Pitschnass und durchgefroren kehren wir heim.
Heiße Dusche, Wärmflasche und ein Tuch um den Hals.

Festival-Sommer 2017. Mittwoch

Da bin ich also wieder, wie jeden Sommer, an diesem gottverdammten Ort.
Irgendwo zwischen Alkoholleichen und Druffis und Menschen in Hasenkostümen, zwischen Nickern und Wacklern, zwischen Pogern und Stehern, zwischen Tänzern und Wankern, die zusammen eine riesige Masse bilden.
Zu viele, denke ich, und zu eng.
Am Getränkestand dasselbe Trauerspiel wie jedes Jahr, scheiße, warum wird neben uns schon der dritte Typ bedient, während wir immer noch warten?
Muss man als Bierschubse grundsätzlich Tomaten auf den Augen haben und sich gegenseitig im Weg stehen oder ist das nur hier so?

Aber da fangen auch schon Madsen an und ich passe mich langsam ein in das Gesamtkonzept Festival.
Die Stimmung ist gut und ich bin fast dabei mich zu entspannen, würde nicht irgendein vollgedröhnter Penner die ganze Zeit so auffällig dicht meine Rückseite betanzen, das er mir fast in die Rosette stößt.
Ich verstecke mich vor den alten Mann, soll der Typ ihn doch von hinten anrammeln. Tut er nicht, er bleibt auf Abstand und ich muss ihn doch nicht mit meinen Stiefeln kastrieren. Schade eigentlich.

Wahrscheinlichkeitsrechnung

Der Prof. Dr. vermutet den Schaden in seinem Erbgut, irgendwo in seinen Chromosomen soll der Fehler liegen. Dieser Fehler könnte dafür sorgen, dass die Erregungsweiterleitung stark gehemmt wird. Informationen kommen nur verzögert an. Oder gar nicht.

Ich kann mir das gut vorstellen, wie die Informationen in seinem Kopf spazieren gehen, kreuz und quer und einmal Achterbahn fahren, bis sie schließlich ankommen oder sich wie die Lemminge von der Klippe stürzen.

Der Große grinst freundlich und sabbert.

Welches dieser Chromosome beschädigt ist, wissen wir nicht. Werden wir wohl auch nicht mehr erfahren.
Alle gängigen Erbkrankheiten sind längst ausgeschlossen worden, alles weitere ginge in die Tausende und wir müssten selber zahlen. Und auch dann hätten wir nur einen Ort auf der Landkarte, auf den wir mit den Finger deuten könnten, ohne dass es jemals Konsequenzen haben würde, ohne dass wir hinreisen und diesen Ort verändern oder reparieren könnten.

Allerdings läge die Wahrscheinlichkeit, dass ein weiteres Kind von mir und meinem Exmann ebenfalls diesen Chromosomdefekt bekommt, bei 25%, fährt der Prof. Dr. fort.
Realistisch betrachtet liegen die Chancen, mit meinem Exmann ein weiteres Kind zeugen zu wollen, bei unter 1%.

Trotzdem sehen wir uns an und ich bin sicher, dass wir gerade dasselbe denken.
Gut, dass wir das alles noch nicht wussten, als ich zum zweiten Mal schwanger wurde.

Tiefe Gefühle

 

Wir kennen uns jetzt schon über dreieinhalb Jahre – und doch muss ich zugeben, dieses Gefühl ist mir neu. So bzw. so sehr habe ich noch nie für jemanden empfunden.
Dieses Gefühl, so intensiv, dass ich selbst vor mir erschaudere.
Und doch trau ich mich nicht. Ich trau mich nicht, dir diese Worte ins Gesicht zu sagen, Worte, die alles ändern und auf den Kopf stellen würden, Worte, die unsere Geschichte von nun an ändern würden.
Ich bin mir nicht sicher ob du weißt, was ich für dich empfinde.
Damals, vor ein paar Wochen, weißt du noch?
Ich hatte dich eingeladen, weil ich eine Karte übrig hatte.
Premierenkarten, 50 Euro das Stück in der dritten Reihe. Ich wusste, du würdest dich freuen und ich wollte dir gerne eine Freude machen.
Ich freute mich tatsächlich, als du da warst, als du zu mir kamst und wir noch ein wenig Zeit zusammen verbrachten, bevor wir aufbrachen.
Und ich werde es nicht vergessen, diesen schicksalträchtigen Moment, als du mir zärtlich in die Augen sahst und vorweg gingst mit den Schritten eines wohlhabenden Mannes. Ja, deine gute Position und deinen Reichtum sah man dir an, auch als du vor meinem Opel Corsa standest und ich nicht verstand. Bis du mich wieder ansahst mit deinen großen Augen und den hochgezogenen Augenbrauen. Diese Moment bedeutete alles.
Ich verstand, öffnete das Auto und fuhr uns beide die 75km zu den Festspielen.
Ich bezahlte auch die Parkgebühr und die Getränke in der Pause – du gerade mal das Abendessen, dass durch die lahmarschige Bedienung nicht mal für einen Nachtisch reichte.
Und während der ganzen Zeit stellte ich fest, dass wir uns nichts, aber auch rein gar nichts zu sagen haben und du die ganze Zeit an mir klebtest wie ein seelenloser kleiner Blutegel, der mir auch noch meinen letzten Funken Stolz und Würde abzapft.
Ich war froh, als du um ein Uhr nachts (nachdem ich uns zurückgefahren hatte) doch noch den Rückweg antratst, weil man ja im eigenen Bett viel besser schläft und so.
Und seit dem weiß ich es; ich spüre es tief in mir als unumstößliche Wahrheit:
Du bist ein ziemliches Arschloch.

Von Kindern auf Friedhöfen

Als eine meiner Freundinnen heiratete, betrat ich den Friedhof erneut. Ich versuchte eine Art Verbindung herzustellen. Komischer Weise hatte ich das Gefühl, nur die Anwesenheit meines Opas zu spüren. Er freute sich über meinen Besuch, so wie zu Lebzeiten. Aber an Oma kam ich nicht heran. Trotzdem spürte ich eine Art Wehmut, als ich den Friedhof verließ.

Das nächste Mal besuchte ich den Friedhof während der Sommerferien.
Ich wollte meinem Sohn den Friedhof zeigen und auch selbst Kontakt aufnehmen. Meine Tante und meine Mutter waren ebenfalls mit von der Partie.
Obwohl ich versucht hatte meinem Kleinen den Ablauf einer Beerdigung und die Funktionsweise eines Friedhofs näher zu erläutern, war er doch recht enttäuscht, als er weder Geister, noch Zombies noch irgendwelche anderen Figuren aus der Unterwelt darauf entdecken konnte.
Da er auch keinen Sinn darin sah, mit toten Menschen zu kommunizieren, die man weder sehen noch hören kann, beschloss er über möglichst viele Grabstellen zu laufen mit den begeisterten Worten „Ich gehe auf toten Menschen!“
Unterdessen versuchte ich erneut „hineinzuspüren“ ob ich meine Oma vielleicht irgendwo fühlen konnte. Doch es gelang mir nicht. Wieder hatte ich mehr das Gefühl, meinen Opa spüren zu können, der sich freute und mir versicherte, dass es ihm gut ginge.
Wir widerstanden dem Wunsch meines Juniors, doch bis Mitternacht dort zu bleiben, falls sich etwas täte, und fuhren weiter ins Eiscafé. (Kam auch gut an.)
Dort überreichte meine Tante mir zwei Briefe, die ich meinen Großeltern als Kind geschrieben hatte, als ich im Urlaub war.
Ich betrachtete die geschriebenen Zeilen und die gemalten Bilder am Rand.
Und nie hatte ich mehr dieses Gefühl, dass alles nur geliehen ist, dass niemals irgendjemanden wirklich etwas gehört. Dass wir alle auf pump leben und nichts mitnehmen können.

Unten

traueranzeige2

Der Wind, der weht ein Blatt vom Baum, von ganz viel Blattwerk bloß eins.
Ganz sachte schwebt das Blatt vom Baum, eins ist ja schon fast keins.
Für uns, das eine Blatt allein, war Teil von unserem Leben.
Andern schien das Blatt ganz klein, für uns konnt es kein größres geben.
Nur dieses eine Blatt allein, war ein Teil von unserer Welt.
Drum ist das eine Blatt allein, das was für immer fehlt.

 

Der Tag der Beerdigung kam und was immer ich über diesen Tag vermutet hatte – es war noch viel, viel schlimmer.
Schon beim Einzug in die kleine Kapelle, die Augen auf den Sarg gerichtet, der nun verschlossen aufgebahrt war, daneben das Porträt von ihr – war alles zu viel. Jedes Wort, jedes Lied, jeder Abschied war zu viel. Der Freund meiner Tante hatte beim Auszug zwei heulende Frauen in seinen Armen, die kaum hinterher kamen.
Es war heiß an diesem Tag, unfassbar heiß.
Wir liefen zur Grabstelle und ich sah zu wie der Sarg in dem dunklen Loch verschwand.
Noch einmal verabschiedete ich mich von ihr und versprach sie zu besuchen, wann immer ich in der Nähe war. Dann ging ich zu meiner Familie.
Mir war das jetzt schon alles zu viel, ich wollte jetzt schon eigentlich nur nach Hause. Doch wir warteten und jeder der Trauergäste, der sich am Grab verabschiedet hatte, kam zu uns und gab jedem von unserer Familie die Hand, jeder einzelne drückte sein Bedauern über unseren Verlust aus. Und mit jedem einzelnen Beileid wurde mir schlechter. Ich hätte am liebsten gekotzt, mein Innerstes komplett nach außen gekehrt. Da waren Menschen, die ich nicht mal kannte oder seit meiner Kindheit nicht mehr gesehen hatte. Für mich waren das Fremde und vermutlich würde ich die meisten niemals wieder sehen.
Sicherlich waren viele mit Oma gut bekannt gewesen und die meisten meinten ihr Bedauern wohl auch aufrichtig. Aber niemand konnte in diesem Moment spüren, wie groß meine Trauer, wie groß mein Verlust wirklich war und ein lapidares „Mein Beileid!“ kam mir so entsetzlich falsch und aufgesetzt vor, dass es mir jedes Mal einen Stich versetzte. Ich verzog mich nach hinten und ließ den Rest der Familie die Hände schütteln.

Anschließend besuchten wir die Gaststätte, die wir vor drei Monaten nach Opas Beerdigung schon besucht hatten. Der gleiche Saal und fast die gleichen Gäste.
Ich konnte nicht wegsehen, sah immer wieder an den Platz, an dem meine Oma damals in ihrem Rollstuhl gesessen hatte. Als sie Gedankenverloren vor sich hin gestarrt hatte und ich schräg hinter ihr an der Heizung lehnte und sie beobachtete. Ich hatte mich gefragt, worüber sie wohl nachdachte, als sie plötzlich aufschreckte und fragte: „Wo ist Maria?“
Wir hatten eine Verbindung.
Und jetzt saß jemand anderes auf diesem Platz.
Ich stocherte lustlos in meinem Kuchen. Der Raum hatte den Saal aufgeheizt, die Hitze steigerte sich ins Unerträgliche und ich wollte eigentlich nur weg. Meine Gedanken sprangen hin und her zwischen unglaublicher Trauer und einer merkwürdigen Leere. Für einen Augenblick hätte ich gerne alles zu Boden gerissen, alle Tassen und Teller zerstört bis sie in Einzelteilen vor mir liegen würden. Und dann hätte ich die Leute gefragt, wie sie sich so normal miteinander unterhalten könnten, als ob das hier alles Alltag wäre und man einfach so zur normalen Tagesordnung übergehen könnte.
Doch ich tat es nicht. Stattdessen harrte ich geduldig in meiner eigenen Hölle und wartete, bis alle gegangen waren.

Meine Familie wollte nochmal das fertige Grab betrachten.

Während alle anderen am Grab standen und die Sträuße, Blumen und Kränze bewunderten, suchte ich mir einen Platz auf einer Bank im Schatten, etwas abseits des Trubels.
Die Mutter der neuen Freundin meines Onkels setzte sich zu mir.
Wir sprachen über die Hitze und Kreislaufprobleme und darüber, ob wir lieber dort wohnten, wo es bergig war oder das flache Land bevorzugten. Sie war das flache Land von Anfang an gewohnt, genau wie ich. Doch nun genieße ich das bergige, die erhabenen Wälder und den Blick ins Tal. Ich muss nicht „Montag schon sehen wer Donnerstag zu Besuch kommt“, wie man im Norden zu sagen pflegt. Ihr dagegen gefiel das flache Land. Und immerhin gab es hier Deiche. Als Kind war sie immer den Deich herunter gepurzelt, daran erinnerte sie sich gern, das hatte ihr so viel Spaß bereitet.
Wir plauderten noch eine Weile, eigentlich über Belangloses und doch war es mir, als hätte ich jemanden gefunden, der mich verstanden hatte, über die gesprochenen Worte hinaus.

Etwas versöhnlicher fuhr ich an diesem Abend die 370km nach Hause und war froh darum, wieder in meiner kleinen Blase zu leben, mit den Dingen, die mir Halt gaben.
Allen voran meine Kinder.