Ein Trauer-Spiel

Arbeitstitel: Wahnsinn (Hölle, Hölle, Hölle)

Handlung: Eine Frau möchte ihren Angestellten das Gehalt überweisen

Beteiligte:
Lohnbüro in der Rolle der Frau, die „sowas auch noch nie hatte“
Finanzamt in der Rolle als kompetenter Datenverleger, kann leider kein Faxgerät bedienen
Bank 1 in der Rolle einer automatisierten Telefonanlage
Bank 2, freundlich, kompetent, aber auch ein bisschen glitschig
DATEV, der große Unbekannte
Display vom Überweisungsautomaten, Nihilist

1. Szene
Auftritt Lohnbüro: Unsere Abrechnungsprogramm DATEV verknüpft sich mit ihrem Bankkonto. Der Lohn wird dann als Sammelüberweisung hinterlegt. Aber rufen Sie bitte nochmal bei Ihrer Bank an, ob Sie da was umgestellt werden muss.
Abgang Protagonistin.

2. Szene
Warteschleifenmusik, eine weibliche Automatenstimme erklärt, dass heute furchtbar viele Menschen anrufen und man gar nicht damit gerechnet hätte. Das käme sonst nie vor, ganz sicher nicht. Totale Ausnahme, das alles. Aber man könne ja auch einfach eine E-Mail schicken oder das Kontaktformular nutzen, das ginge ja auch.
Automat: Okay, ich seh‘ schon, Sie gehören zu der Sorte, die nicht so schnell aufgibt. Dann verraten Sie mir doch in einem kurzen Satz, worum es geht.
Protagonistin sichtlich bemüht: DATEV einrichten.
Automat: Okay, Sportsfreund. Kurze mathematische Denkaufgabe: Verraten Sie mir die letzten 10 Zahlen Ihrer IBAN“
Protagonistin: Ich ähm … die letzten 10 … das ist ja ewig lang hier …“
Automat: Ahh, Chance verpasst. Zu schade. Kennen Sie schon unsere neusten Services?
Protagonistin genervt: Ich möchte jetzt gerne mit einem richtigen Menschen reden!
Automat: Jaja, Sie werden mit dem nächsten freien Mitarbeiter verbunden, ich schwör‘!. Wenn Sie damit einverstanden sind, dass das Gespräch zu Testzwecken aufgezeichnet wird, sagen Sie jetzt: Ja.
Protagonistin: Ja! Mein Gott ….
Automat: Vielen Dank. Leider sind immer noch alle Leitungen belegt. Versuchen Sie es später nochmal.
Klick
Tuut.

Drei identisch ablaufende Gesprächsversuche später, versucht die Protagonistin den Sachverhalt als E-Mail zu formulieren.
24-Stunden später greift sie erneut zum Telefon und wird mit folgender Aussage belohnt:
Also mit DATEV haben wir nix zu tun. Da müssen Sie das Lohnbüro fragen.
Klick.
Tuut.

Eine Woche später bekommt die Protagonistin die Antwort auf ihre E-Mail: Nein, DATEV ginge mit dem Konto nicht. Vielen Dank für Ihr Verständnis.
Doch zu dem Zeitpunkt hat sie schon längst einen Termin bei der regionalen Bank ihres „Vertrauens“.

3. Szene
Mann von Bank 2: Ihr Sohn ist 7 und er braucht ein Konto mit dem Gehälter bezahlt werden sollen und das voll geschäftsfähig sein muss?
Die Protagonistin nickt vorsichtig.
Im Scheinwerferlicht sieht man, wie sich schwere Schweißperlen auf der Stirn vom Mann von Bank 2 sammeln.
Bank 2: Na, das sollten wir doch irgendwie hinbekommen.
Bank 2 tippt los, wie ein Virtuose benutzt er die Tastatur zu seinen Händen, hämmert auf sie ein, zwischendurch prüfende Blicke auf den Bildschirm, nickend, sich selbst bestätigend, dann hält er inne. Ein verständnisloser Blick. Der Kopf wird geschüttelt.
Bank 2: Hmmhmmhmm
Bank 2 greift zum Telefon. Er muss das klären. Stellt Fragen in einer Sprache, die der Protagonistin eigenartig fremd klingt. Er hört zu, nickt, tippt dabei. Dann bedankt er sich bei seinem Gegenüber, legt auf, tippt weiter.
Monolog Bank 2: Wir versuchen das jetzt mal. Vielleicht klappt es, vielleicht nicht.
Aber wer wären wir, wenn wir es nicht wenigstens versuchten, wenn wir nicht alles in unserer Macht stehende tun würden, um das Schicksal der Menschheit zu einem Besseren zu machen?!
Mit verheißungsvollem Getippe endet sein Monolog. Irgendwo ertönt ein Drucker.
Bank 2: Alles klar. Das Konto ist sofort eröffnet. Bringen Sie einfach bis übermorgen die Verträge unterschrieben zurück. Und dann reden wir nochmal über Ihre Finanzen.
Die Protagonistin schluckt sichtbar.

Ein Gespräch über die Finanzen der Protagonistin später, stellt sie fest, dass das neue Konto offensichtlich keine Onlinenutzung beinhaltet.

4. Szene
Auftritt Mann von der Bank 2.
Bank 2: Da sehen wir uns ja schon wieder!
Protagonistin mit gezwungenem Lächeln: Das dritte Mal in sieben Tagen. Rekordverdächtig.
Bank 2: Nun, was kann ich für Sie tun?
Protagonistin: Ich hätte gern für das neue Konto einen Onlinezugang
Der Mann der Bank 2 setzt sich tatkräftig an seinen Bildschirm, lässt seine Finger knacken und beginnt zu tippen.
Bank 2: Es wäre ja am einfachsten, wenn sich das Konto mit Ihrem bestehenden Konten verknüpfen ließe…
Protagonistin: Wäre toll, wenn das ginge
Ein energisches Tippen hallt durch den Raum.
Der Mann von Bank 2 wirkt unsicher. Ein fragender Blick zum Bildschirm. Ein Griff zum Telefon.
In einer unbekannten Sprache spricht er Codewörter in das Telefon. Zum ersten Mal sieht die Protagonistin den Mann der Bank nicht als Helden, der jeden und alles bezwingen kann.
Die Protagonistin denkt: Warum sitzen die Männer in den großen Büros und die Frauen erledigen den Papierkram und arbeiten am Empfang? Kann nicht, in Zeiten der Emanzipation, auch mal eine Frau den Superhelden mimen?
Da öffnet sich die Tür und eine Frau kommt hineingeschwebt, engelsgleich mit klugem Blick. Jeder erkennt sogleich: Diese Frau hat den Überblick über alles!
Bank 2: Frau Weiß ist viel mehr im Onlinethema als ich.
Der Mann der Bank 2 blickt etwas verschämt auf die Oberfläche seines Tischs, während seine Kollegin irgendwo ein Häkchen setzt.

Zwischenspiel:
Die Krankenkassen der Pflegekräfte werden über die neue Kontoverbindung informiert.
Die Krankenkasse der Protagonistin wird über die neue Kontoverbindung informiert, samt gewünschter Kopie über den Kontostand.
Die Berufsgenossenschaft wird über die neue Kontoverbindung informiert.

Szene 5
Auftritt Lohnbüro.
Lohnbüro: Hat das Finanzamt sich bei Ihnen gemeldet wegen der Steuernummer?
Protagonistin: Nein. Den Antrag auf steuerliche Erfassung haben wir ausgefüllt, unterschrieben und abgegeben, ebenfalls das Lastschriftmandat mit der neuen Kontonummer.
Keine Rückmeldung.
Lohnbüro: Okay. Ohne wird die Lohnabwicklung schwierig. Ich hake nochmal nach.

Szene 6
Finanzamt – Lohnbüro
Finanzamt: Um Ihnen die Steuernummer auszuhändigen, benötigen wir die Vollmacht Ihres Mandanten.
Lohnbüro: Ich faxe Sie Ihnen zu
Finanzamt: Gut, ich melde mich dann bei Ihnen.
Ein wenig später.
Lohnbüro: Ich hatte ein Fax mit der Vollmacht meines Mandanten geschickt und Sie wollten sich eigentlich gemeldet haben.
Finanzamt: Ein Fax? Also, ich seh hier nichts. Ich forsche mal nach und melde mich dann bei Ihnen.
Ein wenig später.
Lohnbüro: Ich hatte ein Fax mit der Vollmacht meines Mandanten geschickt und Sie wollten sich eigentlich gemeldet haben.
Finanzamt: Ich erinnere mich. Nee, hier ist nichts. Faxen Sie nochmal, ich lauf direkt zum Faxgerät und bearbeite den Fall.
Ein wenig später.
Finanzamt 2: Ich habe ein Fax von Ihnen gefunden. Um den Fall zu bearbeiten, bräuchte ich die Steuernummer des Arbeitgebers.
Lohnbüro: sprachlos.

Szene 7
Lohnbüro – Protagonistin
Lohnbüro: Die Steuernummer habe ich jetzt. Nur sind wir jetzt wohl aus Sicht des Finanzamts alleiniger Ansprechpartner und nicht Sie.
Etwas später.
Lohnbüro: Durch das Finanzamt hat sich leider alles verzögert. Ich habe alles an DATEV weitergeleitet, ich melde mich, sobald die Überweisungen da sind.

Mittwoch Nachmittag, kurz vor Dienstschluss von Lohnbüro:
Lohnbüro: DATEV ist da, Sie können die Überweisungen morgen früh abholen.
(Onlinebank ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht aktiv)

Szene 8
Donnerstag Vormittag:
Es ist 8:45. Die Überweisungsträger in Händen haltend betritt die Protagonistin Bank 2.
Protagonistin: So, wo kann ich die denn jetzt erstmal unterschreiben?
Protagonistin sieht sich um: Hmm, kein Stift, nirgends. Ärgerlich.
Früher, da hatte man noch Stifte in der Bank. An kurzen oder längeren Schnüren, damit die Leute sie nicht mitnehmen konnten.
Heute gibt es das nicht mehr.
Vielleicht habe ich einen Stift in meiner Tasche?
Protagonistin kramt in ihrer Handtasche. Shit. Kein Stift.
Etwas lauter in Richtung Kamera: Scheiße, kein Stift da, nirgends!
Protagonistin seufzt genervt. Dann packt sie die Überweisungsträger ein, geht zum Auto, zieht einen Kugelschreiber aus dem Handschuhfach und kehrt zurück.
Die Protagonistin unterschreibt die Überweisungsträger.
Protagonistin: So, und wohin nun? Kein Kasten für die Überweisungen zum Reinwerfen? Gibt’s das denn?
Die Protagonistin sieht sich um. Kein Kasten zu sehen. Sie verlässt die Bank, scannt mit ihrem Blick die Häuserfassade und entdeckt einen überdimensionalen Briefkasten mit der Aufschrift: Bitte keine Überweisungen einwerfen.
Mit hängenden Schultern kehrt sie in den Vorraum der Bank zurück.
Es ist 8:55.
Verloren sieht die Protagonistin sich um. Da entdeckt sie einen Überweisungsterminal.
Die Protagonistin setzt sich, steckt die Karte probehalber in einen Schlitz. Dann einen Überweisungsträger in einen weiteren. Der Beleg wird eingescannt und gelesen. Es folgt die Abfrage der PIN.
Protagonistin: Scheiße.
Die Protagonistin fährt zum Haus ihres Exmanns, sucht den benötigten Zettel, rubbelt die PIN frei und kehrt zurück zur Bank 2.
Sie setzt sich an den Überweisungsterminal, steckt die Karte in den Schlitz, dann den Überweisungsträger in den zweiten. Wieder wird er gelesen. Wieder wird nach der PIN gefragt.
Voller Euphorie tippt die Protagonistin die bedeutsamen Zahlen ein
Display: Diese Funktion ist leider nicht ausführbar.
Ungläubig starrt die Protagonistin auf den Bildschirm, während die Karte ausgeworfen wird.
Die Protagonistin versucht es erneut.
Display: Diese Funktion ist leider nicht ausführbar.
Sie versucht es ein drittes Mal.
Display: Diese Funktion ist leider nicht ausführbar.
Genervt steckt die Protagonistin die Karte ein und zieht Position vor der gläsernen Front.
Es ist 9:23.

9:30. Feierlich schiebt sich die Glastür in Richtung der beiden Wände.
Die Protagonistin betritt die Haupträume der Bank, wedelt mit den Überweisungsträgern, kommt auf den Infostand zu.
Frau am Infostand: Die können Sie hier vorne reinwerfen.
Die Protagonistin wirft die Überweisungen in den Kasten.
Abgang Protagonistin.

Freitag.
Zwei Angestellte haben pünktlich ihr Geld bekommen, zwei nicht.
Die Protagonistin versucht nicht die eingehenden Whatsapp-Nachrichten zu lesen, tut es dann aber doch.
Protagonistin: Wow. Frauen können wirklich schlimm sein.

Nachspiel:
Angestellte 1: Kannst du mir beim nächsten Dienst die Geburtsurkunden meiner Kinder hinlegen?
Protagonistin: Das waren Originale?!

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Wie der erste Mensch

Mit einem behinderten Kind schleicht sich oft das Gefühl ein, man sei der erste Mensch, der vor eben diesem oder jenem Problem steht, als wäre man der allererste Mensch auf diesem Planeten und würde gerade einem Primaten erklären, was eine Magensonde ist und wofür man Sondennahrung benötigt.
In Wirklichkeit ist das ganze System natürlich etwas komplexer, es gibt da nicht nur die Mutter, das Kind und den Primaten, sondern ein verzweigtes System von Hindernissen, Umwegen, Einbahnstraßen und Sackgassen. Im Grunde ist das Leben mit einem behinderten Kind wie ein Dauerlauf durch ein Labyrinth, nur ändern sich die Ziele andauernd und man kommt nie wieder raus.

Man könnte sich auch bildhaft ein Point-and-Click-Adventure vorstellen, das mit falschen Fährten ausgestattet ist.
Nebenquest: Besorge Sodennahrung für deinen Sohn.
Das naheliegendste wäre natürlich den Vertreter der Firma, die die Sondennahrung liefert, zu kontaktieren. Aber das alleine wäre natürlich zu einfach!
Um die Angelegenheit ein wenig spannender zu gestalten, hätten die Spielentwickler zum Beispiel die Kommunikation zwischen Vertreter und Auslieferung stören können.
Spielen wir das einfach spaßeshalber durch:

Es kommt also zu der Fehlermeldung. „Die Nahrung ist in der Auslieferung und vermutlich schon bei Ihnen.“
Nein ist sie nicht.
Auch nicht am nächsten Tag.
Oder am übernächsten.
Übers Wochenende schon gar nicht.

Montag.
Benutze Telefon mit Vertreter:
„Wenn die Nahrung bis heute Abend nicht da ist, muss sie per 24-Stunden-Lieferung geliefert werden.“

Dienstag Morgen.
Benutze Telefon mit Vertreter:
„Die Nahrung muss jetzt unbedingt per 24-Stunden-Lieferung kommen.“

Dienstag Nachmittag.
Benutze Telefon mit Vertreter:
„Die Nahrung wäre heute Mittag gekommen. Ich hätte sogar da sein können, wenn die Logistikfirma vorher wenigstens kurz angerufen hätte. Jetzt erreiche ich niemanden mehr dort (15:45 Uhr).“

Mittwoch Morgen.
Benutze Telefon mit Auslieferung:
„Guten Tag, Sie haben gestern versucht die Sondennahrung für meinen Sohn zuzustellen und ich wollte einen neuen Termin ausmachen.“
„Ahja, hier hab ich’s. Gut, wir melden uns dann die nächsten Tage.“
(Funfakt: Diese Behauptung hat sich schon des Öfteren als unwahr erwiesen)
„Nee, nee. Ich brauch die Nahrung noch diese Woche.“
„Gut, dann muss ich mal sehen, was ich für Sie tun kann. Ich melde mich nochmal.“

Benutze Telefon mit Vertreter:
„Der Große braucht die Nahrung. Seit drei Wochen sage ich Ihnen, dass die Nahrung knapp wird.“
„Ich ruf nochmal bei der Logistik an, das geht ja so nicht.“

Die Logistikfirma ruft an.
„So, wann könnten Sie denn?“
„Morgen bin ich ab 15 Uhr zu Hause.“
„15 Uhr ist leider schlecht, das ist zu spät für unsere Tour. Dann müssen wir es nächste Woche versuchen.“
„Nee, nee. Mein Sohn braucht die Sondennahrung. Um zu überleben. Er kann nicht essen, er ist auf die Sondennahrung angewiesen und seit drei Wochen…“
„Jaja, wo können wir die Nahrung sonst abgeben? Alternative Lieferadresse?“
„Bei jedem Nachbarn, der hier wohnt. Oder Sie stellen es unter den Carport.“
„Na, wenn das man klappt!“

Es klappte. Das Quest wurde gelöst, aber irgendwie fühlte sich der Lösungsweg falsch an. Also versuchte ich eine Alternative zu finden.

Lösungsweg 2

Benutze Telefon mit Krankenkasse:
„Nein, Sie sind an keinen Versorger gebunden. Aber Apotheken können in der Regel keine Sondennahrung beziehen, das sind dann eher die Sanitätshäuser.“

Benutze Telefon mit Sanitätshaus 1:
„Tut mir leid, die Krankenkassen bieten uns keine Verträge mehr an über die Abrechnung von Sondennahrung“

Benutze Telefon mit Sanitätshaus 2:
„Tut mir leid, die Krankenkassen haben alle Verträge Sondennahrung betreffend zurückgezogen. Fragen Sie dort mal nach, wer jetzt noch liefern kann.“
„Die haben mir ja gesagt, am ehesten die Sanitätshäuser.“
Schenkelklopfiges Gelächter.
„Achja, die Krankenkassen! Verträge kündigen und dann nicht mehr wissen, wo man die Sachen herbekommt!
Aber Spaß beiseite, ich habe gehört, dass die Apotheke am Marktplatz Sondennahrung beziehen kann, zumindest früher mal.“

Benutze Telefon mit Apotheke am Marktplatz:
„Bringen Sie uns einfach das Rezept rein und wir gucken mal, was wir für Sie tun können!“

Bestelle Rezept bei Kinderarzt.
Hole Rezept bei Kinderarzt ab.
Gehe zu Apotheke (im gleichen Gebäude).
Gib Rezept an Apotheker.
„Sieht alles gut aus. Nahrung sollte heute noch kommen. Ab wann dürfen wir sie Ihnen vorbeibringen?“
„Wir sind ab 16 Uhr zu Hause.“
„Ist notiert!“

17 Uhr. Es klingelt. Es ist die Nahrung.
Mit Tränen in den Augen öffne ich die Tür.
Das Leben kann so einfach sein ❤

Festival Sonntag

Der Kleine und ich sind wieder unterwegs, erst am Schlossplatz, dann weiter zum Spielfeld, zwischendurch zu Lässing,
der Band, die ich dieses Jahr für mich entdeckt habe.
Anfang des Jahres waren sie mit Montreal als Vorband unterwegs und ich muss zugeben, dass mich ihre Songs und die Gute-Laune-Melodien mehr gecatcht haben, als der anschließende Mainact.
Endlich mal wieder Texte zwischen Absurdität und Philosophie, tanz- und hüpfbar dazu. Ich denke an die Ärzte und mir wird ganz nostalgisch.

Der Kleine ist unausgeschlafen, ich nehme ihn hoch, tanze mit ihm, wippe auf und ab.

Wenn Lässing auftritt, sollte man unbedingt dabei sein, das ist einfach ’ne Live-Band, on Tape is nich. Dafür bekommt man dann Songs wie „Ich will nicht mehr so viel schimpfen müssen, Baby“ (auf YouTube kommt der Song nicht so geil rüber, wie auf der großen Bühne), „Ich glaube an den Rasenmähermann“, „Irgendwas ist los mit uns“, „Du nimmst die Liebe zu ernst“ alles irgendwie sozialkritisch/Coming of Age/alternativer Rock.

Bevor wir gehen, noch die Abschiedsshow.
Die Security kommt zu Wort, Polizisten, Künstler, der Leiter des Festivals, die Moderatoren spielen Pantomime mit dem Publikum, zeigen Bilder vom Festival, betrinken sich nebenbei.
„Man darf nicht so viel Alkohol trinken“, flüstert der Kleine mir ins Ohr.
„Ich weiß“, flüstere ich zurück.
Aber das ist nicht der Moment, ihm menschliche Verhaltensweisen zu erklären.

Festival Samstag

Heute stehen keine Bands auf meinem Zettel, nur Poetry Slam.
In der Hoffnung, der Kleine würde sich eine Stunde lang ruhig verhalten, nehme ich ihn mit zum Festival.
Erst das Bändchen, stolz präsentiert er mir seinen Unterarm.
Dann in die kleine Halle, eine Laugenstange in Händen haltend. Wir müssen stehen, ich nehme ihn hoch auf meine Hüfte, er will auch sehen.
Die Texte sind okay, aber nur wenige sind wirklich außergewöhnlich.
Nach einer halben Stunde wird es langweilig für den Kleinen und beginnt zu nörgeln. Ich versuche ihn irgendwie zu motivieren, als Andy Strauß plötzlich die Bühne betritt.
„Schau mal, den kennen wir doch von YouTube, der ist bei den Rocket Beans!“
Der Kleine freut sich darüber, einen Menschen, der auf YouTube existiert, mal in der Realität zu sehen.
Schade nur, dass er über Depression redet.

Anschließend toben wir auf dem Spielfeld, Trampolin und Hüpfburg, Kicker und Karussells, Holzarbeiten im Schlossplatz, Kindermusik und Schminken.

Festival Freitag – Part Two

Wir fallen uns in die Arme, er besorgt mir ein Alster und wir setzen uns in den Staub.
Der Fotograf erzählt von dem Unwetter am Vortag, von dem Sturm, der so kurz wie heftig gewesen war und die Schirme reihenweise weggefegt hatte. Stangen brachen ab, Gitterwände kippten um. Der heftige Wind, der dem Regen voran gegangen war, hatte das Areal in einen dichten Nebel aus Sand gehüllt, es sei kaum noch möglich gewesen zu atmen oder zu sehen, ohne dass die feinen Körner in Auge und Lunge gelangten.
Heute sieht man kaum noch was von dem kurzen Vorfall.
Er fragt nach mir und ich bringe ihn auf den neusten Stand.
Für einen kurzen Moment hüllen wir uns in Schweigen.
„Schön, dass wir uns wieder sehen.“
Die Vertrautheit ist da, beim Reden, auch wenn wir uns nur ein-zwei Mal im Jahr begegnen.
Auch wenn die Intimität nur aus Worten besteht.
Damals ist so lange her, in seiner Erinnerung ganz verschwommen.
Für mich nicht ganz.
Ich weiß noch, wie ich mich gefühlt habe. Und ich weiß noch, wie er über meine roten Haare sprach, er mit diesem Mittelalterding. Jetzt sind sie wieder rot, nach all den Jahren und ich musste beim Färben an ihn denken.
Der Fotograf lächelt mir zu.

Dann kommt die nächste Band und er muss los, die Arbeit ruft.
„Katja ist irgendwo bei der Hauptbühne, die ist auch allein unterwegs. Bleib doch noch, vielleicht lernt ihr euch endlich mal kennen!“
Ich will es mir überlegen.
Dann läuft er los, drängt sich durch das Publikum, verschwindet kurz aus meinem Sichtfeld, bevor er zurückkommt, eine Frau an der Hand haltend.
„Das ist Katja“, sagt er noch, bevor er wieder in der Menge verschwindet.

Katja ist nett. Sie sieht aus wie Barbara Meier mit brünetten Haaren.
Wir unterhalten uns.
Auch sie ist geschieden, nach 11 Jahren der Beziehung entwachsen, war irgendwie die Mutti und Managerin, während ihr Ex zunehmend passiv wurde.
Ich nicke ihr zu.
Wir tanzen zu Tonbandgerät.

Irgendwann blicke ich auf mein Handy, entdecke eine neue Nachricht. Er wollte sich mit mir am Infostand treffen. Das war vor einer Stunde. Da die Nachricht nicht durchging, hatte er sogar versucht mich anzurufen, aber wie soll man auch telefonieren, wenn einem die Musik in die Ohren dröhnt?

Bei Tocotronic spüre wir den Bass auf der Außenfläche der Luftballons, die überall herum liegen. Aber die Musik ist nicht unser Ding, also verlassen wir das Areal, wagen uns in Richtung der Hauptbühnen.
„Wenn man singt, hat man keine Angst“, sagt sie und fängt an mit „Eisgekühlter Bommerlunder“, aber ich konstatiere, das Lied würde mich ungeheuer aggressiv machen, aber eigentlich sage ich das nur, weil ich gerade anti-alles bin.
Unter uns gesagt, habe ich das Lied auf längeren Autofahren mit den Kids auch schon mal angestimmt. Aber das muss ja nicht jeder wissen.
Katja fängt auf zu singen, aber es ist zu spät. Wie ein Lauffeuer breitet sich das Liedgut über die vollgestopfte Straße aus, flackert mal hier, mal dort auf, chaotisch und unvorhersehbar.

Vor dem Gelände lassen wir uns abtasten, Taschendiebe seien auf dem Vormarsch, werden wir gewarnt. Ich versuche meinen Brustbeutel zu kaschieren.
Dieses Jahr gibt es kostenloses Leitungswasser, wir zapfen uns etwas in die Plastikbecher.
Das Gelände ist voll, Kraftklub stehen in den Startlöchern.
Ob die jetzt nochmal nach Kassel kommen würden? Damals waren sie schon gut, aber heute sind sie überragend.
Ich versuche witzig zu sein, um uns die Wartezeit zu verkürzen. Erzähle ihr von meinem ersten Festival, damals noch mit meinem Exmann, dir mir am Ende fast davongefahren wäre.
Sie lacht.
Dann kommt die Band auf die Bühne und ich lasse mich mitreißen, von der Musik und von den Massen, völlig fasziniert von der Bühnenshow, die sich mir bietet.

Festival Freitag – Part One

Und sind wir mal ehrlich
läuft es gut
doch denk ich nach
bleibt sie nicht für immer da

Denn sie sagt
Mein Herz ist ein Tourist
Bleibt nie lang
bei einem Ort bei einem Mensch
Kann schon sein, dass du
der Richtige bist doch
mein Herz ist ein Tourist

(Tonbandgerät)

„16:30 – Caro Kiste Kontrabass
17:30 Jan Philipp Zymny
(22:40 Kraftklub)“

Ich starre auf das Post-It in meiner Hand, das eigentlich der Motivationen dienen soll, diesen Zweck jedoch nicht zu erfüllen vermag.
Meine Position ist eine Horizontale, der Kopf leicht angehoben durch das Sofakissen, die Hand mit dem Zettel schwebt über meinem Kopf,

Diese Woche hat mich fertig gemacht, die Probearbeit tags davor steckt mir noch in den Knochen und in meinem Hirn, die Anforderungen als Arbeitgeber und die damit verbundenen organisatorischen wie bürokratischen Anforderungen lassen mich regelmäßig an meinem Verstand zweifeln und fordern ebenfalls ihren Tribut.

Ich fühle mich wie ein ausgelutschtes Kaugummi, zäh und benutzt und irgendwie in den braunen Stoffbezug meines Sofas gerieben, unfähig mich von ihm zu lösen.

Immerhin: Die Kinder holt mein Ex ab, faktisch bin ich frei, terminlich ungebunden.
Ich könnte mich also jetzt fertig machen, mich umziehen, aufhübschen, losfahren, halbe Stunde hin, Parkplatzsuche, mich durch die vollgestopfte Innenstadt kämpfen, die gerade mehr Menschen beherbergt, als ihr gut tut – mehr Menschen, als überhaupt jemanden gut tun – alkoholisierte Prolls und Assis, Menschen mit beschränktem Horizont, die dem infantilem Irrglauben erliegen, sie wären der Nabel der Welt und sich auch genau so benehmen. Eine laute, bunte, schrille Welt würde mich erwarten.

Oder: Ich könnte zu Hause bleiben.

Mal ’ne Runde Sims zocken zum Beispiel, wozu hab ich den Kram überhaupt installiert? Eine Runde Leben spielen, virtuell. Dann können die ja für mich auf Konzerte gehen. Oder so.

Nein, quatsch. Mein Ex holt jetzt extra die Kids ab, kümmert sich. Dann muss ich auch hin.
Das wäre ethisch sonst gar nicht vertretbar.

Ich setze mich an den Laptop, schaue mir den Zeitplan an. Vielleicht was Kleinkunstmäßiges? Ich kann ja mal was Neues ausprobieren, über den Tellerrand hinweg und so.
Halbherzig notiere ich mir irgendwelche Namen und Zeiten auf meinen Zettel. So richtig überzeugt bin ich nicht.

Nochmal zurück aufs Sofa.

Der Fernseher plätschert vor sich hin. Einfach mal den Kopf ausschalten. Ziemlich gemütlich hier. Im Gegensatz zu draußen.
Eine WhatsApp bringt mein Handy zum Vibrieren.
Der Fotograf schreibt, er wäre auf der Seebühne.
„Da ist doch gar nix“, antworte ich. „Da zieht mich nix hin.“

Ich könnte mir einreden, Migräne zu haben. Dann würde ich das fehlende Festivalbändchen morgen so erklären:
„Gestern hatte ich mit einem Mal so heftige Kopfschmerzen, dass ich echt nur noch liegen konnte.“

Ich wäre von allen Lasten befreit. Guter Plan.
Ist sowieso schon nach vier, ich würde die Band eh nicht mehr …
Whatsapp: „Hey, bist du schon da? Ich wäre um 17 Uhr am Start“
Fuck.
„Ich häng gerade voll meinem Zeitplan hinterher, Caro Kiste Kontrabass schaff ich gar nicht mehr…“
„Alles klar, melde dich, wenn du da bist“
Das der sich tatsächlich noch meldet … Shit.

Im Schnelldurchlauf renne ich zum Kleiderschrank, wechsle meine Kleidung, Make-Up, Haare, Brustbeutel, Geld rein, Ticket rein, Abmarsch.
„Bin in 30 Minuten da.“

18 Uhr.
„Bin jetzt da, erstmal zur Bändchenstation am E-Werk.“
No response.
Super. Dann mal ab ins Gedränge.
Meter für Meter kämpfe ich mich voran.
Gut, denke ich, ist ja gar nicht so viel los. Hier ein paar Menschen, da ein paar Menschen. Okay, jetzt werden es mehr. Noch mehr. Noch mehr. Wie die Karnickel vermehrt sich die Anzahl der feierwütigen Menschen exponentiell.

Ich reihe mich ein in den Haufen vor der Bändchenstation, vor mir Menschen, hinter mir Menschen, lautes Gerede, Gewimmel, Lachen, Husten, Räuspern, dicht an dicht, fast spürt man den Schweiß des Nebenmannes auf seiner Haut.
Tapfer lass ich mir das Festivalbändchen um das Handgelenk legen, dann raus aus der Menge.

Die Hauptbühnen sind voll, allein um auf das betreffende Areal zu gelangen, müsste ich mich durch die Massen drängen. Ich muss hier weg, sonst explodiert mein Schädel.
Ein hilfloser Blick aufs Handy. Nichts. Niemand, der mich rettet.

Gut.
Auf zur Seebühne.

Abgesehen von dem Müll, den die Meute von der Innenstadt bis zur Seebühne gleichmäßig verteilt hat, ist es relativ ruhig und beschaulich.
Eine riesige Fontäne steigt dem See empor, im Hintergrund erheben sich hügelige Wälder, die DLRG-Boote gleiten geräuschlos auf dem Wasser. Fast schon idyllisch.
Das Areal ist weitläufig, nur wenige Partymenschen haben sich hierher verirrt. Die Stimmung ist angenehm und entspannt.

„Bin jetzt auf der Seebühne“ schreibe ich.
„Wir sind noch in der Kneipe“ kommt es zurück.
Will ich wissen, wer „wir“ ist?

Ich besorge mir ein Alster und laufe herum. Ob ich den Fotografen finde?
Ich entdecke einen, aber er sieht ganz anders aus, zumindest mit dem Objektiv vor seinem Gesicht … oder irre ich mich?

Erstmal weiterziehen, auf die andere Seite der Bühne, mir einen Überblick verschaffen. Da werde ich von hinten angetippt.
Der Fotograf.

Update

Leute, ich will euch ja keine Angst machen, aber mehr als die Hälfte des Jahres ist schon wieder rum. Wisst ihr noch, wie quasi gestern erst Silvester war und ihr mit Champagner und Kaviar das neue Jahr begrüßt habt?
Nee, ich auch nicht.
Und nun können wir uns schon wieder Gedanken darüber machen, wem wir was zu Weihnachten schenken, welche Silvester-Party zu unserem hippen, neuen Lifestyle passt und wohin der nächstes Sommerurlaub gehen soll.

Ein guter Zeitpunkt also, um innezuhalten und die letzten Wochen Revue passieren zu lassen.

Es waren Ferien. Wie schon gesagt.
Heute ist der erste Schultag, Kind 1 ist nun Zweitklässler, Kind 2 tritt heute seinen ersten Arbeitstag als Vorschulkind an.
„Mama, soll ich mir die Haare machen? So den Seitelscheitel oder lieber nach hinten? Oder nach oben, voll fresh. Ach nee, ich mach das doch nur an Feiertagen. Aber wenn ich Schulkind bin, dann muss ich immer früh aufstehen, damit ich meine Haare machen kann.“
Ja mei, ist der groß geworden!
Ich bin völlig fasziniert von seinem Eigensinn, den eigenen Vorlieben und Spleens, die er entwickelt.
Hosen dürfen nicht zu kurz sein, zumindest das Knie muss zwingend bedeckt sein. Und Oberteile mit Knöpfen werden bis oben hin zugemacht. Befindet sich keine knielange Hose in der entsprechenden Wäscheschublade, kommt alternativ nur die lange Jeans in Frage, passend zum schwarzen Poloshirt, bis oben hin zugeknöpft natürlich. Bei 33 Grad Außentemperatur.
„Du siehst aus, als wolltest du in die Kirche gehen.“
Oder der selbsterdachte Insider, wenn er Alexa imitiert: „Das weiß ich leider nicht.“

Eine Woche hat er bei seinen Großeltern verbracht, ganze 7 Tage lang habe ich ihn nicht gesehen, zwei Mal haben wir in dieser Zeit miteinander telefoniert. Zum allerersten Mal so lange ohne mütterlichen Beistand.
Was soll ich sagen? Ich bin vollkommen überflüssig! 😀
Der Kleine ist ganz offensichtlich nicht so vom Heimweh betroffen, wie es die kleine Maria damals war. Gut so, das gibt wenigstens kein schlechtes Gewissen bei der Elternfraktion.

Auch der Große hat einen Sprung hingelegt. Er weiß jetzt, dass Wespen keine Fliegen sind und man sie besser nicht anfassen sollte und dass sie ganz böse ins Augenlid stechen können.
Und dass wir im Garten kleine Frösche haben, die man beobachten, aber nicht zermantschen darf. Außerdem arbeitet er gerade hart an einer Würgetechnik, die er anwendet, sobald ich ihn hochnehme. Jeder hat so seine Talente.

Zwei Träume haben mich tief bewegt:
In dem einen habe ich erfahren, dass die Seele/der Geist/Whatever sich nach dem Tod allmählich auflöst, es gibt dann kein Selbst mehr.
Es ist ja nicht so, als würde ich alles glauben, was mir so im Traum erzählt wird. Aber die Angst vor dem Sich-Auflösen ist durchaus real und ich muss wirklich sagen: Ich habe da keinen Bock drauf!
Zweitens: Meine Oma hat angerufen. Sie war echt gut drauf und hat sich gefreut mich endlich zu erreichen. „Schön, dass ich dich nochmal erreiche, bevor du in den Urlaub fährst!“
Macht jetzt erstmal keinen Sinn, das mit dem Urlaub. Aber mir gefällt der Gedanke, dass meine Oma tatsächlich versucht hat, mich zu erreichen. Und dass sie so gut drauf ist.
Aber wahrscheinlich ist das doch eher Wunschdenken.
Was mich vielmehr verstört hat, an diesem Traum, war das Gefühl, den Verstand zu verlieren.
Ich wusste, dass meine Oma tot ist und dass sie auf gar keinen Fall in der Lage sein dürfte, mich anzurufen. Ich habe versucht die Logik-Löcher zu füllen, mein Verstand bestand aus einer einzigen großen Sirene, die mir blinkend zu verstehen gab, dass das hier absolut Unmöglich war, obwohl es sich zu 1000% real anfühlte. Trotzdem ist mir nicht eine Sekunde in den Sinn gekommen, dass ich träumen könnte. Ich habe den Fehler bei mir gesucht und gefunden. Ich drehe durch, werde wahnsinnig, irre, ich verliere den Verstand. Na klar, ist ja so auch viel einfacher …

Dann habe ich mich letztens gefragt, ob es merkwürdig ist, jemanden anzuschreiben, mit dem man vor einem halben Jahr ein einziges Date hatte. Ich glaube nämlich, dass die sozial akzeptierte Zeitspanne zwischen zwei Dates ein kleines bisschen kürzer ist. Bin mir aber, wie so oft, nicht ganz sicher, was menschliche Verhaltensweisen anbelangt.
Nach einem halben Jahr könnte man vermutlich in Gefahr laufen, vergessen worden zu sein und ein „Wer bist du nochmal?“ zu ernten. Kann man niemanden verübeln.
In einem halben Jahr kann verdammt viel passieren. Der Mensch findet sich plötzlich in einer rein monogamen Beziehung wieder oder er wohnt jetzt in einem Kloster oder einer Entzugsklinik, vielleicht ist er auch nach Bolivien ausgewandert, um dort deutsche Bratwurst zu verkaufen.
Aber man kann’s ja trotzdem mal versuchen:
„Hey, wie geht’s? Was haste so gemacht das letzte halbe Jahr?“
Immer ein guter Gesprächsopener.
„Hey, Maria! Ganz gut soweit, viel Arbeit und urlaubsreif. Und du?“
Bingo 🙂

Außerdem:
Olli Schulz gesehen. Live. Kulturzelt Kassel. Bestes Konzert ever!
Olli Schulz in Topform, er wirbelt das Mikrofon, fängt es wieder auf, macht Spagat und klettert am Bühnengerüst entlang, performt ein Bestoff seiner Songs, formt das Publikum zu einer geschmeidigen Masse und bleibt dabei so nah, wie selten zuvor. Am Ende die Kissenschlacht, unfassbar, als plötzlich hunderte Sitzkissen durch das Zelt fliegen. Ein schöner Moment, die Ästhetik des Augenblicks. Ich war tief berührt.
An dem Abend hat mein nervöses Augenzucken endlich aufgehört, das Tage zuvor begonnen hatte.
Nachdem ich festgestellt hatte, dass die Verträge für unsere Pflegekräfte alle noch einmal umgeschrieben werden mussten.

Seit 1.8. haben wir jetzt unsere eigenen Leute. Das ist toll, war aber auch verdammt viel Vorarbeit. Und ein bisschen kommt noch dazu: Die erste Abrechnung steht noch aus. Wenn sich alles eingeschliffen hat, wird der Aufwand überschaubarer.
Das Lohnbüro muss sich selbst auch einarbeiten, Arbeit im Schichtsystem ist neu und wenn der Gesetzgeber sagt, dass Dauernachtwachen 30% Nachtzuschlag bekommen, aber nur 25% steuerfrei sind, im Zeitraum von 0-4 Uhr aber bis 40% steuerfrei wären, wenn die Arbeit vor Mitternacht begonnen wurde, dann kommt ein klitzekleiner Sargnagel auf den Deckel der deutschen Bürokratie hinzu.

Jetzt, wo ich wieder ein bisschen Luft habe, steht ein Vorstellungsgespräch an.
20 Stunden oder Minijob.
20 Stunden wären ihr eigentlich lieber, 20 Stunden würden sich auch für mich mehr lohnen, bei 20 Stunden hätte ich so viel Geld, dass ein neues Auto kein Problem wäre, auch ein Urlaub nächstes Jahr und/oder ein Umzug in eine neue Wohnung. 20 Stunden würden meine Geldprobleme auf einen Schlag lösen. Aber: 20 Stunden sind verdammt viel. Es bedeutet mehr Organisation, ich weiß noch nicht, wie viel Flexibilität ich bieten muss. Absprachen mit meinem Exmann. Arzttermine mit dem Großen, Orthopädie, meine Termine beim Allergologen. Kalkulation der Tage, Wochen, Monate. Urlaubstage: Selbst wenn ich die Ferien mit meinem Exmann teile, brauche ich immer noch 6 Wochen. Naja, vielleicht klappt das ja nächstes Jahr mit der Kurzzeitpflege, das wären 10 Tage.
Ich hasse so enge Zeitkorsetts. Vielleicht sollte ich einfach auswandern und mich von Sträuchern und Fischen ernähren. Oder so.

Wird noch Zeit zum Schreiben bleiben?
Werde ich der Aufgabe gewachsen sein?
Ist das überhaupt was für mich?

Erstmal abwarten und Tee trinken.

Und mich auf das kommende Festival freuen 🙂